Seitenbereiche:



Menü des aktuellen Bereichs:

Zusatzinformationen:

JKU-Fangemeinde auf Facebook

Werde JKU-Fan auf Facebook!

Werde JKU-Fan auf Facebook! ...  mehr zu JKU-Fangemeinde auf Facebook (Titel)

Social Media


Positionsanzeige:

Inhalt:

Globale Wirtschaft, globaler Krieg – warum 1914 auch heute möglich ist

Prof. Sandgruber
Ein langer Krieg ist in einer wirtschaftlich globalisierten Welt nicht mehr möglich – so dachte man 1914. Vier blutige Jahre später war man eines Schlechteren belehrt. Wie kam der Irrtum zustande? Und: Ist in unserer noch enger vernetzten Welt ein langer, großer Krieg aus wirtschaftlichen Gründen wirklich nicht mehr denkbar, oder könnten wir uns da genauso irren? Darüber gibt Prof. Roman Sandgruber, Vorstand des Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz, Auskunft.

Die Welt hat bereits mehrere Globalisierungsphasen hinter sich, etwa nach den großen Entdeckungsreisen im 16. Jahrhundert. Ende des 19. Jahrhunderts aber war die Welt tatsächlich zusammengewachsen, Eisenbahn, Dampfschiffe, Telegraph und Telefonie hatten die Entfernungen schrumpfen lassen. „Schiffstransporte waren immer schon billig“, erklärt Sandgruber. Vor dem 1. Weltkrieg kam z.B. das Fleisch für Suppenwürfel aus Argentinien, Getreide wurde aus den USA importiert. Die Wirtschaft boomte, der Freihandel blühte. Auch wenn heute durch Internet und Flugzeuge die Reisegeschwindigkeit nochmals gesteigert wurde, kann man doch auch damals von „einer hochgradig globalisierten Wirtschaft sprechen“. Die teilweise freier war als heute: „Man konnte ohne Pass durch Europa reisen oder auswandern, denn Arbeitskraft wurde überall gebraucht.“
Einen großen Unterschied zu heute aber gab es, und der war in den Köpfen der Mächtigen: „Die Napoleonischen Kriege lagen 100 Jahre zurück – seither hatte es nur begrenzte Kriege gegeben. Was ein großer Multimächte-Krieg für die Wirtschaft bedeutet, wusste man nicht mehr.“ Die Großmächte sind also 1914 nicht in den Weltkrieg geschlittert, sie haben nur die gewaltigen Auswirkungen nicht vorhergesehen. Anders als heute: „Speziell seit dem 2. Weltkrieg hat sich hier ein sehr starkes Bewusstsein für die katastrophalen Auswirkungen gebildet. Nicht zuletzt, weil bei einem Krieg zwischen Großmächten auch immer die nukleare Drohung im Hintergrund mitschwebt.“ Die Vorsicht ist also größer als 1914, als man dachte, „es werde nach dem Krieg weitergehen wie vorher.“

Der Kaiser schickt Soldaten aus
Dem war nicht so. Vor allem die Mittelmächte, also Österreich-Ungarn, das Deutsche Reich und das Osmanische Reich, kamen rasch in Schwierigkeiten. Die britische Seeblockade verhinderte Importe. „Die Antwort auf diesen Mangel war Verzicht – aber auch der Versuch, Ersatzstoffe zu finden. Vom Ersatzkaffee bis hin zum Ersatz von Baumwolle durch Brennnesseln reichten die Strategien.“ Das gab durchaus Innovationsimpulse und es funktionierte sogar – kurzfristig. Brennnesselstoff hielt ein paar Monate, dann zerfiel er. „Am Ende war die k.u.k. Armee eine Armee in Fetzen“, schildert Sandgruber. Da half es auch wenig, dass von Kirchenglocken bis zu bronzenen Türgriffen alles eingeschmolzen wurde.
Es zögerte das Unvermeidliche nur hinaus.

Pyrrhussiege in Ost und Süd
„Kupfer war besonders knapp. Die Kupferkessel in Lokomotiven wurden daher durch Eisenkessel ersetzt. Das minderte aber die Leistungen der Loks um ein Drittel.“ Und das war langfristig fatal: Obwohl Österreich bei Kohle autark war, brach die Eisenbahn im Jahr 1918 zusammen. „Man hatte Kohle, man hatte Industrie – aber man konnte die Ressourcen nicht mehr verteilen. Auch wenn es Ende 1917 militärisch noch unentschieden stand: Der Krieg ging wirtschaftlich bereits verloren.“ Die Siege Österreichs in Italien und der Sieg Deutschlands in Russland beschleunigten die Entwicklung: Die Gebietsgewinne belasteten das Eisenbahnnetzwerk zusätzlich, bis es versagte.

„Ungarische Schweine fressen österreichische Menschen“
Aber auch England bekam den Hunger zu spüren. Deutsche U-Boote versenkten die Nahrungsimporte. Bis 1916 musste England seine Landwirtschaft von Viehzucht auf Getreide umstellen. „Mit dem Aufwand von einer Kalorie Fleisch kann man 8 Kalorien Getreide herstellen. Ein notwendiger Schritt also, um die Menschen zu versorgen“, so Sandgruber. In der Donaumonarchie weigerten sich die Ungarn, diesen Schritt zu vollziehen. „Ungarische Schweine fressen österreichische Menschen“: Dieser Zornesruf war Ausdruck der Verzweiflung der Hunger leidenden Menschen.
Am Ende stand die Niederlage – aller Beteiligten. Hyperinflation und Vermögensvernichtung trafen allerdings auch die reiche Oberschicht, selbst in den Siegerstaaten. „Hatten vor dem Krieg 1% der Reichsten in Österreich 25% der Einkommen erzielt, hatten die Superreichen nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch 5-6%.“ Die Welt hatte sich geändert, und mit ihr die Steuern. Lag der Spitzensteuersatz beim Einkommen 1914 bei 5%, wurde er 1919 auf 60% angehoben. Heute liegt er bei 50%. So ebnete der Krieg den Weg zum modernen Wohlfahrtsstaat.

Gashahn zu, Krieg aus?
Wie angreifbar wäre unsere Wirtschaft heute bei einem großen Krieg? In der Ukraine-Krise drohte Russland, den Gashahn zuzudrehen – eine gefährliche Sache. „In unserer technisierten Welt sind wir noch angreifbarer als 1914. Fällt die Elektrizität aus, geht gar nichts mehr. Die hochkomplexe Technologie ist auch schwerer umzustellen als im Ersten Weltkrieg“, befürchtet Sandgruber. Und dennoch: „In einer Existenzkrise wäre durch Verzicht vieles möglich. Fehlt das Gas, würde man eben wie damals den Haushalten den Gashahn abdrehen, um Militär und Rüstung länger versorgen zu können.“ Nur durch die wirtschaftliche Verflechtung wird der Friede also auch heute nicht garantiert – er muss wohl jeden Tag auf‘s Neue erarbeitet und bewahrt werden.

[Christian Savoy]