Seitenbereiche:



Menü des aktuellen Bereichs:

Zusatzinformationen:

JKU-Fangemeinde auf Facebook

Werde JKU-Fan auf Facebook!

Werde JKU-Fan auf Facebook! ...  mehr zu JKU-Fangemeinde auf Facebook (Titel)

Social Media


Positionsanzeige:

Inhalt:

Wieviel "Welt" steckt im Ersten Weltkrieg?

Der Erste Weltkrieg wird in der Öffentlichkeit immer noch als ein europäischer Krieg wahrgenommen: Die europäischen kriegführenden Mächte stehen im Vordergrund unserer Wahrnehmung und die Kampfhandlungen in Galizien, in Italien (Isonzo-Front) und an der Westfront in Frankreich stehen im Mittelpunkt des öffentlichen Gedächtnisses. Warum aber spricht man dann von einem „Weltkrieg‘“? Wieviel „Welt“ steckt denn tatsächlich in diesem Ersten Weltkrieg? Ist es nur ein Weltkrieg, weil die europäischen Mächte weltbeherrschend waren? Gilt noch die alte Schulbuchweisheit, dass der europäische Krieg erst durch den Kriegseintritt der USA 1917 zu einem wirklichen Weltkrieg wurde? Prof. Marcus Gräser, Vorstand des Instituts für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz, gibt spannende Antworten auf diese Fragen.

Der Erste Weltkrieg, dessen Ausbruch sich heuer zum hundertsten Male jährte, ist in den Medien auf eine Weise präsent, die wenig Fragen offen lässt. Noch nie standen so viele Dokumente zur Verfügung und der Kenntnisstand der Forschungsliteratur ist groß. Wer sich informieren will – schnell oder auch mit viel Zeit – findet eine Fülle an großartigen Büchern vor und kann sich im Internet oder auch auf guten Fernsehkanälen kompetent informieren lassen.

Wann und warum wird ein Krieg zu einem Weltkrieg?
„Von einem Weltkrieg kann sinnvoll dann gesprochen werden, wenn Staaten aus und auf mehreren Kontinenten mit eigenen Ambitionen an einem Krieg teilnehmen. Dies war in den Jahren ab 1914 zum ersten Mal in der Geschichte der Fall“, erklärt Prof. Gräser.
 
Kriegsschauplätze außerhalb Europas
„Vor allem der Umstand, dass viele der europäischen kriegführenden Mächte Kolonien in Afrika, Asien und Ozeanien besaßen, hat diesem Krieg schon in den ersten Monaten Schauplätze außerhalb Europas beschert“, so Prof. Gräser.
Deutsch-Ostafrika etwa war heftig umkämpft. Und vor allem das englische Empire hat zahlreiche Soldaten aus den Kolonien an den Fronten in Mesopotamien, wo gegen das Osmanische Reich gekämpft wurde, und in Afrika eingesetzt: Insgesamt wurden etwa 1,2 Millionen indische Soldaten mobilisiert, von denen 60.000 den Krieg nicht überlebten. Freilich kann bezweifelt werden, ob die Kolonie Indien mit eigener Ambition am Krieg beteiligt war.
Anders sah es jedoch in Australien und Neuseeland aus: Auch hier war man Teil des Commonwealth und die eigenen Streitkräfte waren formal Teil der britischen Streitkräfte. Aber in beiden Ländern, die schon keine englischen Kolonien mehr waren, aber auch noch keine volle Souveränität besaßen, gab es eigene Ambitionen: Der schnelle und erfolgreiche Vorstoß der Australier und Neuseeländer in Richtung der deutschen Kolonien im pazifischen Raum (Samoa und Neuguinea) diente auch den eigenen Interessen als aufsteigende regionale Ordnungsmächte.
Vollends die japanische Kriegserklärung an Deutschland am 23. August 1914 ließ den Krieg zu einem Weltkrieg werden: Japans Aktion richtete sich vordergründig gegen den deutschen Kolonialbesitz in China (Tsingtau), der schnell in japanische Hand gebracht werden konnte. Japans generelle Absicht aber bestand darin, China unter Kontrolle zu bringen und den Einfluss aller europäischen Kolonialmächte (und der USA) in Ostasien und im pazifischen Raum zu begrenzen. Hier wurde also ein Konflikt an den Krieg „angedockt‘“, der mit dem ursprünglichen europäischen Geschehen nur wenig zu tun hatte.

Kriegseintritt der USA
„Die Dynamik des europäischen Krieges und der Eigensinn zahlreicher außereuropäischer Mächte führte die ‚Welt‘ in den Krieg“, so Prof. Gräser
Die USA jedoch hatten keine Absicht, in die europäischen Konflikte hineingezogen zu werden und hätten sich gerne aus dem Ersten Weltkrieg herausgehalten. Da US-Präsident Wilson auf die deutsch- und irischstämmige Bevölkerung in den USA Rücksicht nehmen musste, war ein Kriegseintritt an der Seite Großbritanniens in den ersten Kriegsjahren unmöglich und Wilson hielt die USA auf einem Neutralitätskurs. Die Vereinigten Staaten sind aber schließlich durch den uneingeschränkten U-Boot-Krieg des Deutschen Reiches im April 1917 in diesen Krieg hineingezwungen worden.
„In dem Moment jedoch, wo die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten, musste Präsident Wilson den Amerikanern versprechen, die Welt für immer sicher zu machen, nach dem Motto ‚The world must be made safe for democracy‘. Erreicht wurde dieses Ziel nicht: Der Erste Weltkrieg und die Pariser Friedensverträge hinterließen eine instabile Nachkriegsordnung, die von territorialen Konflikten, wirtschaftlichen Krisen und dem Aufstieg autoritärer und faschistischer Regime geprägt war: Die Demokratie blieb in vielen Staaten chancenlos“, sagt Prof. Gräser.

Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Marcus Gräser
Vorstand des Instituts für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte, JKU
+43 732 2468 8858
marcus.graeser(/\t)jku.at

[Jonathan Mittermair]