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Studie zu Arbeitspolitik und Industrie 4.0 vorgestellt

Studie zu Arbeitspolitik und Industrie 4.0 vorgestellt
Am Dienstag wurden die Ergebnisse des Projekts "Bestandsaufnahme Arbeitspolitik / Industrie 4.0 und veränderte Marktanforderungen" vorgestellt.

Wirtschaftslandesrat Dr. Michael Strugl, IAA (Institut für Arbeitsforschung und Arbeitspolitik)-Präsident Landtagspräsident KommR Viktor Sigl und IAA-Geschäftsführer Mag.(FH) Clemens Zierler präsentierten die Ergebnisse des Projektes "Bestandsaufnahme Arbeitspolitik in Oberösterreich. Herausforderungen und Perspektiven von Industrie 4.0 und veränderten Marktanforderungen." Das Forschungsprojekt wurde gemeinsam mit ausgewiesenen Expert/innen des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI) und des Institutes of Human Resource & Change Management der Johannes Kepler Universität in Linz durchgeführt. Den gesamten Projektbericht gibt es zum Download (siehe unten).

Aufbauend auf eine umfassende Literaturstudie zum Thema Industrie 4.0 und Arbeitsgestaltung (Auswertung 140 externer Quellen), wurden eigene qualitative Daten in 10 Betriebsfallstudien erhoben. Bei der Fallauswahl wurde darauf geachtet, ein möglichst breites Spektrum der oberösterreichischen Betriebslandschaft abzudecken. Es wurden produzierende Betriebe in unterschiedlichen Größen und aus möglichst verschiedenen Branchen in das Projekt mit einbezogen. In jedem Betrieb wurden Expertengespräche mit Geschäftsführung, Personalleitung, Fachbereichsleitungen (vorwiegend Produktionsleitung) und Betriebsräten geführt. Ergänzt wurde das Bild durch Betriebsbegehungen und Expertengespräche auf Ebene der Verbände mit Vertreter/innen von Sozialpartnern (Arbeiterkammer OÖ, Wirtschaftskammer OÖ) und Interessenvertretungen (Industriellenvereinigung OÖ, Oberösterreichischer Gewerkschaftsbund). In diesem Zusammenhang wird auch allen teilnehmenden Betrieben, Organisationen und Gesprächspartner/innen Dank ausgesprochen.

Nachstehend eine Übersicht der zentralen Thesen aus diesem Forschungsprojekt:
• Fragen der Arbeitspolitik (Arbeitszeit, Qualifikationsversorgung, Arbeitsorganisation etc.) sind in allen befragten Betrieben zentral und werden als herausfordernd wahrgenommen. Insbesondere gilt es, die Balance zwischen dem Wunsch nach Autonomie seitens der MitarbeiterInnen und dem Wunsch nach Flexibilität seitens der Betriebe zu finden.
• Nahezu alle Betriebe sehen aufgrund neuer technologischer Möglichkeiten besondere Herausforderungen für die Führungskräfte.
• Das Know-how der MitarbeiterInnen wird als Basis für unternehmerischen Erfolg gesehen. Herausfordernd wird hier vor allem das Gewinnen und die Bindung von qualifiziertem Personal gesehen. Erhöhte Ansprüche an eine Work-Life-Balance verstärken diese Herausforderung.
• Industrie 4.0-Technologien halten bereits Einzug in den Betrieben, der Begriff selbst wird jedoch als Hype wahrgenommen. Die zentralen Technologien, welche in oberösterreichischen Betrieben vermutlich eine Rolle spielen und spielen werden, sind intelligente und vernetzte Produkte, mobile Endgeräte und Apps, Virtualisierung und mit Abstrichen auch kollaborative Robotik. Auch der gezielte Umgang mit betrieblichen Daten wird als großes Potenzial gesehen. Cyberphysische Systeme sind noch nicht in den Betrieben angekommen. 3D-Druck/Additive Fertigung spielt wohl auch in Zukunft nur eine geringe Rolle.
• Innerbetriebliche Vernetzung wird von allen befragten Betrieben angestrebt, automatisierte Vernetzung über Betriebsgrenzen hinweg wird jedoch innerhalb der Kunden-Lieferanten-Beziehung durchaus differenziert bewertet.
• Bei den Qualifikationen rechnen die Betriebe vor allem mit einer Verschiebung von einfachen hin zu höheren Qualifikationen, wobei Prozess- und IT-Fähigkeiten als besonders relevant bezeichnet werden.
• Wie sich die Arbeitsbedingungen ändern werden, wird vom konkreten Technologieeinsatz im Einzelfall abhängen. Zu enge Steuerung der Mitarbeiter/innen kann jedoch zu kritischem Know-how- und Motivationsverlust (Stichwort Entmündigung) führen. Betriebe, die eine betriebliche Interessenvertretung in ihre Überlegungen eingebunden haben, kamen in der Regel zu besonders reflektierten Ergebnissen und Planungen.
• Die Arbeitsmarktauswirkungen von Industrie 4.0 können derzeit nicht endgültig abgeschätzt werden und werden von Betrieb zu Betrieb sehr individuell sein. Folgende Einflussfaktoren konnten identifiziert werden: Fertigungstyp, Anteil an nicht automatisierbarer Handarbeit, Grad der Internationalisierung, produzierte Stückzahlen sowie Position und Marktmacht in der Wertschöpfungs- und Lieferantenkette.
• Die große Dichte und Vielfalt produzierender Betriebe in Oberösterreich wird als positiv wahrgenommen. Die regionale Einbettung empfinden daher alle befragten Betriebe wertvoll für die eigene Leistungsfähigkeit.
• Die befragten Betriebe schätzen die Leistungen der Sozialpartner, insbesondere im Service-Bereich. Vereinzelt gab es auch Formen direkter Zusammenarbeit zwischen Betrieben und den Sozialpartnern bei der Gestaltung individueller betrieblicher arbeitspolitischer Maßnahmen (z.B. Arbeitszeitmodelle). Solche individuellen Lösungen werden sehr positiv bewertet.
• In der Mehrzahl der untersuchten Betriebe haben die Betriebsräte eine abwartende und eher reaktive Rolle eingenommen, was die Gestaltung der Arbeit und die Entwicklung arbeitspolitischer Konzepte betrifft. Hier wären aktive Anreize, beispielsweise durch stärkere Einbindung in die Planungen, ein sinnvoller Weg, die betriebliche Interessenvertretung zu einer proaktiven Rolle zu motivieren.
• Über die Ziele des Mithaltens, des Nicht-Weiter-Zurückfallens und des Überlebens im globalen Wettbewerb hinaus braucht die oberösterreichische Wirtschaft eine klare Vision, wohin die weitere Entwicklung gehen soll und wie sich unser Bundesland im europäischen und im globalen Standortwettbewerb profilieren und behaupten kann.
Handlungsempfehlungen des IAA

Arbeit ist eine Gestaltungsaufgabe
Die wirtschaftlichen Herausforderungen, der gesellschaftliche Wandel und die wachsenden technologischen Möglichkeiten lassen das Thema Arbeitsgestaltung/Arbeitspolitik zunehmend wichtiger werden. Zugleich steigen und erweitern sich die Anforderungen in diesem Bereich. Das IAA empfiehlt daher eine intensivere kooperative Zusammenarbeit zwischen Betrieben, Sozialpartnern und Interessenvertretungen in Bezug auf betriebliche Konzepte im Bereich der Arbeits- und Organisationsgestaltung und einen stärkeren Austausch über arbeitspolitische Leitbilder. Arbeitspolitische Themen sollten auf der Ebene systematischer, überbetrieblicher Erfahrungsaustausche (Good-Practice-Sharing) und Initiativen der Sozialpartner eine größere Rolle spielen.

Arbeit erfordert ein angemessenes Verhältnis zwischen Regulierung und Gestaltungsfreiheit
Das IAA empfiehlt, das Verhältnis von Regulierung zu Gestaltungsfreiheit auf betrieblicher Ebene einer gründlichen Evaluierung zu unterziehen. Dabei sollte an konkreten Herausforderungen erhoben werden, ob die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten den vielfältigen arbeitspolitischen Anforderungen gerecht werden und inwiefern überbetriebliche Regulierungs- und Unterstützungsleistungen hilfreich oder auch hinderlich sein können. Manchmal machen standardisierte Regelungen Sinn, manchmal können individuelle Lösungen auf betrieblicher Ebene, auch in Zusammenarbeit mit Sozialpartnern und Interessenvertretungen, sowohl für die Beschäftigten als auch für das Unternehmen sowie den Arbeitsmarkt insgesamt besser sein.

Arbeit braucht Visionen
Der oberösterreichischen Arbeitswelt mangelt es an positiven Zukunftsperspektiven. Politik, Sozialpartner, Interessenvertretungen und Betriebe sollten gemeinsame Bilder von Arbeitswelten entwerfen und aufgreifen, die sich von Mut und positiver Zukunft nähren oder von der konstruktiven Differenzierung zu anderen Regionen. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten für eine positive Entwicklung der Arbeitswelt.

Industrie 4.0 ist kein Selbstläufer
Industrie 4.0 ist eine arbeitspolitische Herausforderung auf sämtlichen Ebenen: Gesellschaft, Politik, Sozialpartner, Interessenvertretungen und Betriebe. Für die Gesellschaft zum Beispiel in den Bereichen Arbeitsmarkt und Qualifizierung, für die Politik in der Frage rechtlicher Normierung, für Sozialpartner und Interessenvertretungen in der Gestaltung überbetrieblicher Arbeitsbeziehungen und für Betriebe mit Blick auf die Gestaltung von Arbeits- und Organisationsstrukturen. Das IAA empfiehlt allen AkteurInnen, sich aktiv bei der Gestaltung des arbeitspolitischen Rahmens für Industrie 4.0 zu beteiligen. Wer sich nicht beteiligt, überlässt die Gestaltung von Arbeitswelten anderen.


Download der Ergebnisse: http://arbeitsforschung.at/publikationen/

Foto v.l.: Sigl, Strugl, Zierler; Credit: Land OÖ/Grilnberger

[Christian Savoy]