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„Herd Behaviour in Humans“ oder: Die Mehrheit hat nicht immer recht

Warum die Immobilienblase geplatzt ist, kann man leicht erklären. Schwieriger wird es zu verstehen, warum es überhaupt zu solch einer wirtschaftlichen Bombe kommen kann. Professor Andrew Oswald von der Universität Warwick macht den menschlichen Herdentrieb dafür verantwortlich. In seinem Vortrag am 16. November 2011 anlässlich der 14. Kurt W. Rothschild Vorlesung an der JKU Linz gab der britische Wissenschafter einen Einblick in seine Forschung.

Der Saal konnte den Andrang kaum bewältigen, als Prof. Oswald seine Ausführungen begann. Warum zahlen wir für eine Rolex Unsummen, obwohl eine Fünf-Euro-Uhr denselben Zweck erfüllt? Warum kommt es immer wieder zu Spekulationsblasen, obwohl jeder weiß, dass diese irgendwann platzen müssen? „Menschen scheinen die unbewusste Furcht zu haben, dass sie hinter den anderen ihrer Gruppe zurückfallen“, erklärt Prof. Oswald.

Eine Untersuchung zeigt, dass Nachbarn, die neben Lotto-Gewinnern wohnen, signifikant häufiger neue Autos kaufen als andere Menschen. „Glück und Nutzen sind relativ. Es kommt z.B. nicht darauf an, wie viel Geld ich verdiene, sondern wie viel ich im Vergleich zu meinen Kollegen bekomme“, erläutert der Wissenschafter. Nicht der absolute, sondern der relative Nutzen ist daher ausschlaggebend. „Das macht in der Natur durchaus Sinn“, so Oswald. „Wenn ein Raubtier kommt, ist nicht wichtig, wo ich mich gerade befinde, sondern wo ich mich in Relation zum Räuber befinde.“ Die Herde bietet hier Schutz.

In unserem Alltag führt die Orientierung an der Masse aber nicht nur zu Erscheinungen wie Mode, die ja ebenfalls keinen praktischen Zweck erfüllt, sondern auch zu kurzsichtigem wirtschaftlichen Verhalten. „Wir neigen stark dazu, uns mit anderen zu vergleichen.“ So wurde Mitarbeitern einer US-Universität offengelegt, wie viel Geld ihre Kollegen verdienen. Der Effekt: Die weniger gut bezahlten waren frustriert, die gut verdienenden deshalb aber auch nicht motivierter. „Dieser negative Effekt, wenn wir im Vergleich schlecht aussteigen, kann mittlerweile auch als körperliche Reaktion nachgewiesen werden“, erklärt Prof. Oswald. Dieser ständige Vergleich und Wettbewerb habe die westlichen Gesellschaften auf einen gefährlichen Pfad geführt. „Wir stecken in einem Hamsterrad. Können Menschen und Gesellschaften dauerhaft immer noch mehr und immer noch schneller arbeiten?“, mahnt der Ökonom. Denn selbst in der Tierwelt hat der Herdentrieb auch Schattenseiten: So mache Schafherde ist schon – ihrem Leittier folgend – über eine Klippe gestürzt.

[Christian Savoy]