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Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


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Inhalt:

Peter Dinzelbacher: Über die Gründe der »Renaissance des 12. Jahrhunderts«

Das Panorama des historischen Umbruchs, dessen Höhepunkt mit dem »Bernhardinischen Zeitalter« der Kirchengeschichtsschreibung zusammenfällt, das Panorama also jener Veränderungen, die das hohe Mittelalter als »Achsenzeit« der europäischen Geschichte kennzeichnen, ist seit dem 1927 erschienenen Buch von Charles H. Haskins ein permanentes Thema der Mediävistik. Mit der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts beginnt eine Ära, die wenigstens bis zur Epoche der Aufklärung und der Revolutionen in vielen Lebensbereichen deutliche Kontinuitäten aufweist und sich eben so deutlich von der »Archaik« der frühmittelalterlichen Epoche unterscheidet.

Der Vortrag konzentriert sich auf die mentalitätsgeschichtlichen Neuerungen, wobei davon auszugehen ist, daß diese kaum verstanden werden können, ohne die sich ändernde Haltung Frauen und Kindern gegenüber besonders zu berücksichtigen, die nach der Evidenz sowohl religiöser als auch weltlicher Texte in Teilen der Elite zu konstatieren ist. Sowohl ein weniger aversiver Erziehungsstil als auch die Idee der Gleichberechtigung der Frau, vorerst nur in der 'Männerphantaise' der höfischen Liebe, gehören zu diesen zukunftsträchtigen Innovationen.
 
Vernachlässigt wurde in der Forschung bisher jedoch die Frage nach den Gründen, die zu dem mit dem Stichwort »Renaissance des 12. Jahrhunderts« gemeinten Umbruch führten. Da es um das Verständnis von Wandel geht, ist zunächst eine Übersicht über die bisher vorgelegten generellen Modelle mentalen Wandels zu geben, die von soziologischer und kulturpsychologischer Seite angeboten werden. Während Historikern hier das Konzept von Norbert Elias sehr geläufig ist, sind andere Ansätze, etwa von Franz Zwilgmeyer, Charles Radding oder Willy Obrist, kaum rezipiert worden. Sie werden kurz vorgestellt, primär geht es darum, diese Modelle auf ihre Anwendbarkeit auf die Veränderungen des hohen Mittelalters zu prüfen.

Es ergibt sich schließlich: Nur ein multikausales Modell, das von materiellen Faktoren, wie den klimageschichtlichen, ökonomischen, siedlungshistorischen bis zur psychogenetischen Entwicklung reicht, kann zu einem (immerhin näherungsweisen) Verständnis der Wandlungprozesse jener Epoche führen.
 
(Der Vortrag stellt den zentralen Aspekt einer fast fertigen umfangreichen Studie zur Mentalitätsgeschichte des hohen Mittelalters vor; zur Einführung s. P. Dinzelbacher, Europa im Hochmittelalter 1050-1250. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte, WBG Darmstadt 2003).