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Tagungsort

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Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


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Inhalt:

Niels Grüne: Von deutschen „Wiches“ und „Thoris“. Das britische Regierungssystem in der politischen Literatur und Argumentationspraxis des Alten Reichs im 18. Jahrhundert

Nicht erst im historiographischen Rückblick fiel der politischen Ordnung Englands bzw. Großbritanniens spätestens seit der Revolution von 1688/89 eine Sonderstellung zu. Schon zeitgenössische kontinentaleuropäische Beobachter registrierten die Spezifika des proto-parlamentarischen Regierungssystems jenseits des Ärmelkanals und setzten sie in verglei-chende Beziehung zu den heimischen Herrschaftsverhältnissen. Die Rezeption beschränkte sich keineswegs auf den Höhenkamm der Staatsphilosophie, obwohl Meisterdenker wie Vol-taire, Montesquieu und Rousseau oder Pufendorf, Leibniz und Justi solcherart tiefe Spuren in der politischen Ideengeschichte hinterlassen haben. Vielmehr vermittelte sich ein mutmaß-lich noch breitenwirksameres Englandbild über eine Fülle von Reiseberichten und tagespubli-zistischen Schriften, deren Verfasser/innen ausdrücklich oder implizit eine komparative Per-spektive einnahmen, Gemeinsamkeiten und Differenzen erörterten und diese auf Selbstver-gewisserungs- und Adaptionspotentiale hin ausloteten.

In dem Vortrag wird in einem ersten Zugriff daher exemplarisch eine Reihe deutschsprachiger England-Kommentatoren des 18. Jahrhunderts zu Wort kommen. Im Vordergrund steht zum einen die Wahrnehmung und Beurteilung jener Elemente der Verfassung(skultur), die Großbritannien eine Vorreiterrolle in der politischen Entwicklung zu bescheren schienen: z.B. der Schlüsselposition des Parlaments, namentlich des Unterhauses, und der weltanschau-lich-parteilichen Polarisierungen in „Whigs“ und „Tories“, Regierung und Opposition sowie „court“ und „country“. Das Augenmerk richtet sich zum anderen aber auch auf die Charakte-risierung der vermeintlichen Schattenseiten: etwa des antiquierten Wahlrechts und der damit verbundenen Korruptionspraktiken oder der verbreiteten Abgeordnetenbestechung. In beiden Hinsichten gilt es zu fragen, welche (kritische, affirmative etc.) Funktion die Beschäftigung mit den britischen Ordnungsmustern für die Autor/innen mit Blick auf die politischen Strukturen im Alten Reich und seinen Territorien hatte.

Diese Analysedimension leitet zum zweiten Untersuchungsfeld des Vortrags über: dem Systemvergleich als denk- und handlungsprägender Kommunikationskategorie in konkreten Ar-gumentationszusammenhängen. Beispielhaft wird für das Herzogtum Württemberg im 18. Jahrhundert gezeigt, wie Akteure verstärkt um 1740 und erneut seit den 1760er Jahren An-leihen aus dem Vokabular des britischen Verfassungslebens nahmen, um die politischen Strukturen und Dynamiken im Herzogtum zu kennzeichnen und ihren eigenen Standpunkt zu markieren. So konnte etwa von „Thoris“ und „Wiches“ die Rede sein, wenn hof- bzw. regierungsnahe und -kritische Kreise in einem ebenfalls als proto-parlamentarisch imaginierten landständischen Gefüge etikettiert werden sollten. In solchen Fällen tritt mithin besonders plastisch die Praxisrelevanz politischer Wahrnehmungs- und Beziehungsgeschichte(n) über größere geographische Distanzen hervor.