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Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


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Solveig Grebe: Reich und Reichstag des späten 18. Jahrhunderts in der Wahrnehmung britischer Diplomaten

Auch im späten 18. Jahrhundert war Großbritannien im Reich noch sehr präsent: In den hier zu betrachtenden Jahren zwischen 1774 und 1783 verfügte Großbritannien über 16 Vertretungen außerhalb und 16 innerhalb des direkten Reichsgefüges, auf gesamteuropäischer Ebene also über 32 an der Zahl.

Spätestens seit 1714, als der hannoversche Kurfürst Georg Ludwig als George I. den Titel des Königs von Großbritannien, Irland und Frankreich annahm, war das britisch-deutsche Ver-hältnis um ein Vielfaches komplexer geworden. Überhaupt hatte die bis 1837 andauernde Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover einen bis dato ungesehenen und unerprobten Kommunikations-, Rezeptions- und Handlungsraum generiert, der seinerseits da-für sorgte, dass sich zwischen Reich und Großbritannien völlig neue Dynamiken entfalteten. Die Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Reich beschränkten sich also keines-wegs auf diplomatische Kontakte. Dennoch sind es die diplomatischen Vertretungen, die einen besonders detaillierten und facettenreichen Einblick in dieses politische und kulturelle Mit- und Gegeneinander zwischen Inselreich und Kontinent gewähren.

Vorrangig gilt dies für die Gesandtschaft am Regensburger Reichstag. Hier war nicht nur ein britischer Vertreter präsent, sondern ebenso ein hannoverscher Comitialgesandter, der im Kurfürstenkollegium die Interessen des britischen Königs in seiner Funktion als Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg vertrat. Neben Wien war Regensburg der einzige Ort im Reich, an dem auch im späten 18. Jahrhundert britische und hannoversche Gesandte aufeinandertrafen. Während jedoch der britische Vertreter in Wien die Instruktion erhielt, hannoversche und britische Angelegenheiten absolut voneinander zu trennen, wurden die Regensburger Gesandten seitens des Londoner Secretary of State ausdrücklich zur Zusammenarbeit aufge-fordert. Diese Kooperation war insbesondere für die Einarbeitungsphase der britischen Kollegen gedacht, die bei Antritt ihres Postens in Regensburg in der Regel weder der deutschen Sprache mächtig, noch in Funktionsweise und Gepflogenheiten des Reichstages bewandert waren. Als Resultat dieser „Orientierungsperiode“ finden sich in den diplomatischen Korres-pondenzen der britischen Regensburgmission aus den 1770er Jahren umfangreiche Darstellungen des Reichstages, die von der formalen Beschreibung der Gremien bis hin zu Charakte-risierungen der Abgeordneten reichen. Sie liefern eine ergiebige Quelle für die Interpretation der sozialen und institutionellen Merkmale der Reichspolitik aus britischer Sicht.

Der Vortrag macht es sich zur Aufgabe, die britische Wahrnehmung des Reiches und des Reichstages im späten 18. Jahrhundert zu analysieren, und rückt dementsprechend die Diplomaten der Regensburgmission als Schlüsselakteure dieses Prozesses in den Mittelpunkt der Betrachtung. Somit soll nicht nur jenen bislang kaum bis gar nicht beachteten Teilen der britischen Gesandtschaftskorrespondenz zu mehr Aufmerksamkeit verholfen, sondern über-haupt die von der Forschung nach wie vor vernachlässigten 1770er und frühen 1780er Jahre in beziehungsgeschichtlicher Perspektive näher beleuchtet werden. Darüber hinaus bietet der Beitrag auch in methodischer Hinsicht neue Impulse auf dem Felde der Neuen Diploma-tiegeschichte und der politischen Ideengeschichte.