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Thomas Stockinger: Von der Herrschaftskanzlei zum Bezirksamt: Lokale und regionale Verwaltung in Österreich 1840–1870

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Vorgestellt werden soll ein auf mehrere Jahre angelegtes Forschungsvorhaben, das sich derzeit noch in der Konzeptionsphase befindet. Es setzt sich mit einem Umbruch in der österreichischen Verwaltung auseinander, welcher ungeachtet der ihm meist zugeschriebenen großen Bedeutung noch kaum im Detail untersucht worden ist: den Auswirkungen der Aufhebung der Grundherrschaft im Gefolge der Revolution von 1848 oder, anders formuliert, dem Übergang von patrimonialer zu staatlicher Lokalverwaltung in den Ländern des Kaisertums Österreich.

Während die Entwicklung der Behördenorganisation und ihrer gesetzlichen Grundlagen zumin-dest in den Grundzügen als bekannt gelten kann, fehlt es bis jetzt weitgehend an fundierten Untersuchungen zur Umsetzung und zur Verwaltungspraxis, und somit an einer verlässlichen Basis für eine Einschätzung, wie einschneidend die Folgen von 1848 aus der Sicht der unmittelbar Betroffenen waren. Dass es sich in rechtlicher Hinsicht und dem Anspruch nach um einen entscheidenden Schritt bei der Durchdringung des Territoriums mit staatlicher Präsenz handelte, steht außer Frage; doch könnten verschiedene Faktoren dies bei näherer Betrachtung möglicherweise relativieren: zum einen das beträchtliche Ausmaß, in welchem die Dominien bereits im Vormärz staatliche Verwaltung im übertragenen Wirkungsbereich ausübten, zum anderen die bisher ungeklärte Frage, wie schnell und mit welchem Erfolg sich der keineswegs mit unbeschränkten Ressourcen ausgestattete staatliche Behördenapparat seinen neuen Aufgaben anpassen konnte.

Anhand einer noch festzulegenden Untersuchungsregion im Umfang von einem Kreis oder einigen Bezirken soll diesen Fragen auf mehreren Ebenen nachgegangen werden, von denen hier drei hervorzuheben sind: das Personal, Umfang und Gegenstände der Geschäftstätigkeit sowie die Art der Interaktion mit den Verwalteten. Dabei sind drei Zeitstufen in den Blick zu nehmen: Zunächst soll versucht werden, die Zustände in den 1840er Jahren zu rekonstruieren. Dann sind die Vorgänge im näheren Umfeld der Umstellung, von 1849 bis in die frühen 1850er Jahre, nachzuvollziehen, ehe in einem dritten Schritt zu klären ist, inwieweit sie einen relativ stabilen Endzustand zum Ergebnis hatten respektive wie stark in den beiden folgenden Jahrzehnten bis etwa 1867/70 weitere Veränderungen eintraten, vor allem nach dem Ende des Neoabsolutismus am Beginn der 1860er Jahre. Den Endpunkt markieren die Reformdebatten um die in der Dezemberverfassung 1867 vorgesehene, aber erst 1875/76 in die Tat umgesetzte Einrichtung des Verwaltungsgerichtshofes. Im Vordergrund sollen dabei die staatlichen Kreis- und Bezirksbehörden stehen, wobei allerdings die Gemeinden, deren Rolle gleichfalls stark aufgewertet wurde, ebenfalls berücksichtigt werden müssen; für einige Fragen werden vermutlich auch die meist als Gutsverwaltungen fortbestehenden ehemals grundherrschaftlichen Institutionen relevant bleiben.

Hinsichtlich des Personals ist die mehrfach geäußerte Vermutung, nach welcher in den ausgebauten staatlichen Dienst in erheblichem Maße Personen aus den ehemaligen patrimonialen Verwaltungsstellen übernommen wurden, zu überprüfen. Über den gesamten Untersuchungszeitraum ist zu ermessen, in welchem Maße sich die Zusammensetzung und die Qualifikationen der Beamtenschaft veränderten und inwiefern dies das Ergebnis gezielter Maßnahmen zur Vereinheitlichung der Anforderungen und der Beamtenausbildung war. Als Quellen sind hierzu in erster Linie Personalakten heranzuziehen.

Die Tätigkeit der Behörden wird insbesondere anhand von Geschäftsbüchern zu erfassen, aber auch aus Einzelakten stichprobenweise zu rekonstruieren sein. Es sollte hier möglich sein, zumindest annähernd quantitativ zu ermessen, welche Verwaltungsgegenstände innerhalb des gesamten Tätigkeitsumfangs größeren oder geringeren Platz einnahmen. Dies kann entweder auf Kompetenzverschiebungen zwischen staatlichen Ämtern, Herrschaften und Gemeinden oder auf einen absoluten Ausbau der Regulierung und Überwachung bestimmter Lebensbereiche verweisen; auch die Komplexität einzelner Vorgänge kann gesteigert, möglicherweise aber auch in Einzelfällen reduziert worden sein.

Das Verhältnis der Beamten zu den ihrer Verwaltung unterstehenden Menschen und die Modalitäten der Interaktion werden aus dem regulär anfallenden Behördenschriftgut zweifellos nur teilweise zu ersehen sein. Hier ist besonderes Augenmerk auf Rekurse in Streitfällen zu legen, bei deren Verhandlung auch solche Erwartungen und Grenzen der Handlungsspielräume zur Sprache kommen können, die im verschriftlichten Normenbestand nicht ausgesprochen sind. Inwieweit sich rekonstruieren lässt, ob und wie sich das Erleben dieser Interaktion aus der Sicht der Verwalteten veränderte, wird anhand der Quellenüberlieferung erst zu erheben sein.

Der Vortrag soll Ergebnisse der bis dahin durchzuführenden archivalischen Prospektion präsentieren und die an dieser Stelle dargelegten Annahmen zur Quellenlage und Fragestellung des Vorhabens damit präzisieren und weiterentwickeln.