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Anette Schlimm: Der Dorfbürgermeister in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: ein „Making of“

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Bürgermeister sind ohne Zweifel eine zentrale Gruppe von Akteuren für die Erforschung des Vordringens staatlicher Autorität und Struktur in lokale Zusammenhänge. Die Bürgermeister repräsentierten einerseits die staatliche Autorität im lokalen Raum, andererseits entstammten sie häufig selbst der Gemeinde, der sie vorstanden. In Landgemeinden, die nach Grundsätzen der Selbstverwaltung verwaltet und organisiert waren, war dieser Doppelcharakter des Bürgermeisters besonders spürbar.

Die Forschungen zur Geschichte der (Dorf-)Bürgermeister haben bislang vor allem die Handlungsspielräume dieser Amtsträger in der Interaktion mit übergeordneten Behörden herausgestellt.1 Diese Interaktion war keineswegs unproblematisch. Joachim Eibach hat herausge-stellt, wie stark die Bürgermeister im Baden der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als „unsichere Kantonisten“ galten. Aufgrund ihrer notwendigen Klientelbeziehungen vor Ort misstraute ihnen die staatliche Verwaltung; sie wurden mit entsprechend wenigen Befugnissen ausgestattet.2

Trotz der Bedenken, die der entstehende Verwaltungsstaat den lokalen Amtsträgern entgegenbrachte, wurden die Befugnisse der Gemeindeverwaltungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder ausgeweitet. Wachsende öffentliche Aufgaben machten die lokale Verwaltung zu einem wichtigen Handlungsträger des modernen Interventionsstaates, während ältere Handlungsfelder der Gemeinde als Genossenschaft demgegenüber zurücktraten. In diesem Spannungsfeld von lokalen Aufgaben und staatlicher Expansion kam den Dorfbürgermeistern als (häufig einzigen) Trägern der dörflichen Gemeindeverwaltung eine zentrale Stellung zu, die bislang noch wenig erforscht ist. Man weiß weder systematisch etwas über die Herkunft und Stellung der Dorfbürgermeister im sozialen Gefüge der ländlichen Gemeinden noch über die Formen ihrer Amtserfüllung oder gar ihrer Professionalisierung.

Der vorgeschlagene Vortrag geht dem „making of“3 des Dorfbürgermeisters in verschiedenen Territorien des Deutschen Reiches ab 1871 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges auf der Grundlage von drei Lokalstudien nach. Vor allem soll danach gefragt werden, welche Verhaltens- und Tätigkeitsnormen durch Gesetze, Vorschriften, Handbücher und anderes Verwaltungsschriftgut etc. an Bürgermeister in dörflichen Gemeinden herangetragen wurden und wie (bzw. ob) diese Normen sich in der Tätigkeit der Bürgermeister niederschlugen. Die Bürgermeister werden dabei als Kreuzungspunkte verschiedener sozialer Kontexte verstanden: Überregionale soziale, politische und rechtliche Verhaltensnormen trafen auf die Positionierung der Bürgermeister in alltäglichen, lokalen Netzwerken. Der Vortrag fragt also nach der „Subjektwerdung“ der Bürgermeister, die mit der Wahl zum Gemeindevorsteher keineswegs abgeschlossen war. Diese Subjektwerdung soll sowohl individuell (für verschiedene Amtsträger) als auch überindividuell (im Sinne von sich herausbildenden „Subjektschablonen“) analysiert werden und damit zu einer praxisorientierten Verwaltungsgeschichte des späten 19. Jahrhunderts beitragen. In dieser Phase bildeten sich institutionelle, soziale und kulturelle Ordnungen heraus, die einerseits zur Subjektwerdung der Bürgermeister beitrugen, andererseits von ihnen im lokalen Raum praktiziert und institutionalisiert wurden. Insofern bietet die Untersuchung des „making of“ der Dorfbürgermeister die Möglichkeit, die Umgestaltung politischer Räume durch den expansiven Interventionsstaat historisch untersuchbar zu machen und dabei strukturelle und praxeologische Ansätze systematisch miteinander zu verknüpfen.


1. Christine MAYR, Zwischen Dorf und Staat. Amtspraxis und Amtsstil französischer, luxemburgischer und deutscher Landgemeindebürgermeister im 19. Jahrhundert. Ein mikrohistorischer Vergleich (PROMT. Trierer Studien zur Neueren und Neuesten Geschichte 1, Frankfurt am Main et al. 2006).
2. Joachim EIBACH, Der Staat vor Ort. Amtmänner und Bürger im 19. Jahrhundert am Beispiel Badens (Campus historische Studien 14, Frankfurt am Main–New York 1994) 95. Vgl. außerdem die Studie von Stefan Brakensiek zur (Selbst-)Disziplinierung von Ortsbeamten in Niederhessen in der Sattelzeit: Stefan BRAKENSIEK, Fürstendiener – Staatsbeamte – Bürger. Amtsführung und Lebenswelt der Ortsbeamten in niederhessischen Kleinstädten (1750–1830) (Bürgertum. Studien zur Zivilgesellschaft 12, Göttingen 1999).
3. Methodisch orientiert sich der Vortrag an neueren Überlegungen zu den „Praktiken der Subjektivierung“ sowie an Stephen Greenblatts Idee des „self-fashioning“ in der Renaissance. Vgl. Selbst-Bildungen. Soziale und kulturelle Praktiken der Subjektivierung, hg. von Thomas ALKEMEYER–Gunilla BUDDE–Dagmar FREIST (Praktiken der Subjektivierung 1, Bielefeld 2013); Stephen GREENBLATT, Renaissance Self-Fashioning. From More to Shakespeare (Chicago–London 1980). Meines Wissens sind die Konzepte bislang in der Verwaltungsgeschichte noch nicht systematisch berücksichtigt worden. Dr. Timo Luks (Univ. Chemnitz) bearbeitet ein Projekt, das auf ähnlichen methodischen Werkzeugen beruht und die Herausbildung des Polizisten als Subjekt im 19. Jahrhundert zum Gegenstand hat.