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Raum und Staat in Mitteleuropa im langen 19. Jahrhundert. Lokale Verwaltung in kulturgeschichtlicher Perspektive

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Vorsitz und Kommentar:
Peter Becker

16.9.2015, 9.00–12.00

SZ 3

Ellinor Forster

Verwaltungskonkurrenzen an der Grenze: Wettstreit um Raum und Bevölkerung zwischen Salzburg und Tirol im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert

Josef Löffler

Die grundherrschaftliche Verwaltung im Vormärz

Thomas Stockinger

Von der Herrschaftskanzlei zum Bezirksamt: Lokale und regionale Verwaltung in Österreich 1840–1870

Anette Schlimm

Der Dorfbürgermeister in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: ein „Making of“

 

Staatsbildung und Herrschaftsverdichtung sind als plurisäkularer Prozess anzusprechen, der sich für die meisten Gebiete Europas bis in die Frühe Neuzeit und teilweise darüber hinaus zurückverfolgen lässt. Im langen 19. Jahrhundert erreichte dieser Komplex verbundener Entwicklungen im Rahmen und in Verbindung mit den allgemeinen politischen und gesellschaft-lichen Transformationen dieser Zeit allerdings ein neues Niveau der Beschleunigung und Intensivierung.

Zu den Aspekten, unter denen dies zutrifft, zählt die fortschreitende Durchdringung des Raumes mit staatlicher Präsenz und staatlichem Handeln. „Raum“ meint dabei nicht nur den physischen Raum der Entfernungen und der physisch-geographischen Gegebenheiten, der mittels neuer Technologien in Verkehrswesen und Kommunikation erschlossen und durch gestaltende Eingriffe in die Landschaft überformt wurde, sondern auch soziale, ökonomische und mentale Räume, die durch den Auf- und Ausbau staatlicher Präsenz verändert oder erst geschaffen wurden. Angesprochen sind weiters Räume verschiedener Dimensionen: Territorien wurden durch eine Vielzahl neu entwickelter Praktiken und Wissensformen als Gegenstände der Wahrnehmung, der Darstellung und des Handelns staatsnaher Akteure neu konstruiert und sollten in der Folge zu einem Staatsgebiet homogenisiert werden. Innerhalb davon wurden besondere Orte staatlicher Autorität geschaffen, designiert oder in Besitz genommen: Amtshäuser, öffentliche Plätze, Kasernen, Unterrichtsgebäude und vieles mehr bildeten Wirkungsstätten staatlichen Handelns und zugleich symbolische Marker des Herrschaftsanspruchs.

Der „Staat“ ist bei alledem nicht als Entität zu hypostasieren, deren Existenz und Wirkmächtigkeit evident oder notwendig wären, sondern vielmehr als Produkt sich verstärkender politisch-gesellschaftlicher Diskurse und institutioneller Praxis: als Wahrnehmungsmuster und als Projekt, an dem sich zahlreiche Akteure in verschiedenem Maße und aus unterschiedlichen Motiven beteiligten. Dementsprechend kann sein Ausbau nicht als einseitiger Vorgang der Normsetzung und der Schaffung ideeller und materieller Strukturen
begriffen werden, sondern als dynamische Interaktion mit oft nicht-linearem Verlauf. Andere Träger formeller und informeller Macht – etwa Grundherrschaften, kirchliche Institutionen, Gemeinden, Klientel- und Parentelverbände – standen zur Unternehmung „Staat“ in komplexen, oft ambivalenten und sich wandelnden Verhältnissen der Kooperation, Indienstnahme oder Konkurrenz. Die Bevölkerung wurde ihrerseits auf verschiedene, teils neue Weisen politisch konzeptualisiert und mobilisiert: als „Untertanen“, als „Staatsbürger“, als „Volk“ oder „Nation“. Sie beteiligte sich oft mitwirkend, fallweise aber auch widerständig an den Aushandlungsprozessen um die Rolle des Staates in ihrem Leben. Die Räume, in die der Staat vordrang und die er dabei umgestaltete, waren mithin nicht leer oder amorph, sondern durch Anwesenheit und Wirken anderer Akteure sowie durch deren Wissensbestände, Erfahrungen, Vorstellungen, Normen, Denk- und Handlungsmuster vorstrukturiert.

Von den zahlreichen Feldern, in welchen sich Vorgänge der staatlichen Durchdringung und Aneignung von Räumen vollzogen, nimmt die Sektion besonders den Bereich der Verwaltung in den Blick und konzentriert sich dabei auf regionale und lokale Verwaltung außerhalb der Zentren. Dieser Blick soll ein kulturgeschichtlicher und praxeologischer sein, welcher nicht Normen allein, sondern tatsächliche Handlungsweisen detailliert und quellengestützt untersucht, auf ihre Bedeutungen hin befragt und vermeintliche Evidenzen in Frage stellt. Er wird sich auf unterschiedlichste Aspekte der Verwaltungswirklichkeit richten, etwa auf das Personal, seine Rekrutierung, Ausbildung und Selbstwahrnehmung; auf die materielle Ausstattung, von den Bauten bis zum Büromaterial, in ihren technisch-praktischen wie symbolischen Wirkungen; auf Formen der Interaktion zwischen Beamten und den von ihnen Verwalteten; auf Verhältnisse zwischen staatlicher Verwaltung und anderen lokal wirksamen Machtträgern; oder auf die Sprache und die Form des Behördenschriftguts. Diese Aufzählung ist nicht als taxativ zu verstehen.