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Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


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Meike Lauggas: Kindheits- und Weiblichkeitskonzepte in Mädchenbildungsdiskursen des 18. Jahrhunderts

In der europäischen Bildungsgeschichtsschreibung der vergangenen Jahrzehnte erfuhren die Kategorien Geschlecht und soziale Schicht zunehmende Aufmerksamkeit und erlaubten regional differenzierte Forschungsergebnisse. Mädchengeschichtsschreibung unterscheidet darüber-hinaus nach dem Alter und erfordert den Einbezug von historisierenden Konzepten von Kindheit. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit Vorstellungen von Heranwachsen und Reifen in epochen- und geschlechtsübergreifender Perspektive auf Mädchen anwendbar sind und nicht etwa „,Age’ – a problematic concept for women“ ist (H. L. Smith 2001).

Ausgehend von den Studienhofkommissionakten des späten 18. Jahrhunderts zur Einführung der Unterrichtspflicht in der Habsburgermonarchie wird in diesem Beitrag zunächst dargestellt, welche bildungspolitischen Ambitionen für Mädchen sich durchsetzen ließen und welche nicht. J. J. Rousseaus „Emil“ gehört zusammen mit C. Rollins „Traité des études“ und C. de la Chalotais' „Essai d' éducation nationale“ zu jenen Schriften französischer Philosophen, die die Pädagogik und die Schulreformen in ganz Europa im 18. Jahrhundert nachhaltig beeinflussten und auch in der Habsburgermonarchie bekannt wurden. Die von ihnen formulierten Grundgedanken des Antijesuitismus und der weltlich-staatlichen Nationalerziehung fanden rege Zustimmung, die Einführung der Unterrichtspflicht wurde als gutes Mittel zum Zwecke der Erziehung der Menschen zu brauchbaren Untertanen betrachtet. Weiterführende Ideen der Aufklärungspädagogik wurden zwar vom zweiten Staatsminister und Leiter der Staatskanzlei, J. A. Graf von Pergen, und I. Mathes von Heß vertreten – allerdings ohne Erfolg im Reformabsolutismus, was speziell auch für die Mädchenbildung nachteilige Auswirkungen hatte.

Verhandelt wurden in den erwähnten Schriften jeweils die Zielrichtungen idealer Erziehung und Bildung von Mädchen, die von Geschlechterrollen- sowie Kindheitsvorstellungen geprägt waren, die in ihrer Unterschiedlichkeit erläutert werden. Philip Ariès’ hat in seiner „Geschichte der Kindheit“ nicht nur ihre historische Konzipierung in der frühen Moderne nachgezeichnet, sondern sie auch als männliches Lebensphasenmodell charakterisiert. Insofern lässt sich ausgehend von bildungsreformerischen Texten des 18. Jahrhunderts zu Mädchenbildung hinterfragen, inwieweit das Konzept „Kindheit“ in Intersektion mit „Weiblichkeit“ für historische Analysen tragfähig ist oder nicht Gefahr läuft, männlich formulierte Konzepte wiederum als allgemeingültige Norm zu übernehmen. Diese Problematik wird abschließend anhand der jüngeren Forschungsliteratur über die Historisierbarkeit weiblicher Kindheiten und „Girlhood“ diskutiert.