Seitenbereiche:



Menü des aktuellen Bereichs:

Zusatzinformationen:

Tagungsort

Hier den Alternativtext zum Bild eingeben!

Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


Positionsanzeige:

Inhalt:

Thomas Bunte: Der Aufstand gegen die Habsburgische Okkupation des Kurfürstentums Bayern im Jahr 1705/06. Ein Asymmetrischer Konflikt?

Die Arbeit behandelt ein Thema, welches noch heute in der bayerischen Erinnerungskultur einen Stellenwert einnimmt, der am ehesten mit der Bedeutung des Jahres 1809 in der Tiroler Öffentlichkeit vergleichbar ist. Der Aufstand, eine Episode des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714), brach in Oberbayern, Niederbayern und in der Oberpfalz und damit in vielen Teilen des Kurfürstentums los und brachte zunächst auch Anfangserfolge, wie die Besetzung von Schärding und Braunau durch die Aufständischen. Bald jedoch gewann die kaiserliche Administration die Oberhand und der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Im Zuge der Napoleonischen Kriege und der Nationalstaatswerdung des Königreichs Bayern wurde der Aufstand zum Heldenstück verklärt und die Topoi dieser Geschichtsschreibung hielten sich teilweise bis in das 20. Jahrhundert.

Die unterschiedlichen Facetten, mit welchen der Auf stand in Publikationen eingeordnet wurde, reichen von Volksaufstand über Revolte und Aufstand bis zur Revolution. Auf Grund ihrer Wortbedeutung geben diese Bezeichnungen jedoch bereits die Untersuchungsrichtung vor, wenn der Versuch unternommen wird, die unterschiedlichen Motive, Ursachen und Vorgehensweisen des Gesamtkonflikts zu untersuchen. Die Ursachenforschung stellt jedoch die lohnendste Beschäftigung mit diesem Thema dar, da die Gründe des Aufstandes in der Literatur eher schematisch abgehandelt werden. Meist werden dabei die repressive Besatzungspolitik oder die Fürstentreue der Bevölkerung in Kombination als Motiv genannt, wobei je nach Autor unterschiedlich gewichtet wird. Der Aufstand von 1705/1706 wurde in der bisherigen Literatur vor allem in seinem ereignisgeschichtlichen Ablauf betrachtet. Um die Gesamtkonstellation des Aufstands zu untersuchen, eignet sich deshalb der relativ junge Begriff des „asymmetrischen Konflikts“, welch er aus der Politikwissenschaft entlehnt wurde. Hier setzt nun die Grundfrage an, ob es sich bei de m Aufstand um einen asymmetrischen Konflikt handelt.

Nachdem der Forschungsstand auf Grundlage der Quell en und der wichtigsten Gesamtdarstellungen zur bayerischen und zur österreichischen Geschichtefestgehalten wurde, definiert die Arbeit in einem politikwissenschaftlich gehaltenen Abschnitt, den Untersuchungsbegriff des asymmetrischen Konflikts. Es lassen sich bei diesem Aufstand verschiedene Asymmetrien feststellen: in der Legitimation, in der Motivation, im Ungleichgewicht der Kräfte und in den unterschiedlichen angewandten Mitteln.

Es erhoben sich Bevölkerungsteile gegen ein von ihnen empfundenes Unrecht, welche ansonsten von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen waren. Das Kurfürstentum war vom Reichstag dem Kaiser zur wirtschaftlichen Nutzung für die Führung des Reichskriegs zugesprochen worden. Nun stellte also die Erhebung der bayerischen Landbevölkerung ein Verbrechen gegen den Inhaber der höchsten staatlichen Souveränität dar ein „crimen laesae maiestatis“. Durch die Rechtsentwicklung an der Wende zur Neuzeit, wurzelnd in der Constitutio Criminalis Carolina von 1532, wurde Widerstand an sich kriminalisiert. Aus den schriftlichen Einschätzungen der kaiserlichen Seite wird deutlich, dass diese in den Aufständischen auch nichts weiter sah als Verbrecher. Die Teilnehmer des, an und für sich in drei Teilaufstände zerfallenden, Aufstandes waren sich auch dessen bewusst, dass ihre Handlungen als Rechtsbruch angesehen wurden, was ihre Rechtfertigungsversuche im Vorfeld des Vorrückens auf die Landeshauptstadt München überausdeutlich machen. Einerseits gaben die Aufständischen an, im Einverständnis und mit Wissendes Kurfürsten zu handeln. Andererseits wurde dies unterstrichen durch den etwas schwammigen Verweis auf das göttliche Naturrecht, welches ein Widerstandsrecht gegen die hoheitlichen Maßnahmen der kaiserlichen Besatzungsmacht ermögliche.

Der Aufstand brach in mehreren Phasen über die Besatzer des bayerischen Kurfürstentums herein. Gründe für den Ausbruch waren die von der Bevölkerung als drückend empfundenen Steuerlasten. So richtete sich der Volkszorn zuerst gegen die direkte Bedrückung. Die Aufständischen befreiten zwangsrekrutierte Männer und überfielen Schlösser und Amtshäuser, denn sie machten die Kollaboration des bayerischen Beamtentums und ihrer Feudalherrn für die hohen Steuerleistungen mitverantwortlich, da diese das Geld für die Besatzungsmacht eintreiben mussten. Erst in einer zweiten Phase des Aufstandes, als es den Aufständischen gelungen war einige Stützpunkte zu erringen und sich zu organisieren, wurden auch politische Ziele formuliert. Jedoch war die erreichte Einigkeit und Organisation unter den Aufständischen nie groß genug, um eine erfolgreiche Erhebung sicherzustellen, da die divergierenden Einzelinteressen klare Zielvorgaben unmöglich machten. Während ein Teil der Aufständischen, darunter die Landbevölkerung, sich immer weiter radikalisierte und schlussendlich sogar die Wiederherstellung der bayerischen Souveränität forderte, versuchte der andere Teil der Aufständischen, wie Beamte, Adel und große Teile des Klerus , mit der kaiserlichen Verwaltung einen Konsens zu erzielen, um die Lage der Bevölkerung zu verbessern.

Von Beginn an stehen sich zwei asymmetrische Konfliktparteien gegenüber. Während die kaiserlichen Truppen das Kurfürstentum in perfektem Einklang mitdamaligen reichsrechtlichen Normen besetzten, begingen die bayerischen Aufständischen einen Rechtsbruch, welcher auch in der heutigen westlichen europäischen Streit- und Diskussionskultur als Verbrechen angesehen werden würde. Die kaiserliche Seite kann zumindest als staatenähnliches Gebilde im modernen Sinn interpretiert werden, bei den Aufständischen handelt es sich um ungesetzliche Kombattanten, die sich nie über längerfristige politische Ziele einigen konnten. Im Gegenzug waren die Motive der kaiserlichen Armee klar. Die Ressourcen des zum Reichsfeind erklärten bayerischen Kurfürsten sollten der kaiserlichen Kriegsführung verfügbar gemacht werden, weshalb ein politischer Ausgleich mit den Aufständischen im Grunde nicht möglich war.

Auf militärischem Gebiet war der Unterschied zwischen den Kontrahenten ebenso enorm. Die aufständischen Bayern versuchten zwar die sich zuerst spontan erhebende Bevölkerung auf Basis der bayerischen Landesdefensionsordnung zu organisieren, doch schon unter kurfürstlicher Herrschaft waren die besten Teile dieser Miliztruppe regelmäßig zum regulären Heer abgezogen worden. Es fehlte also ebenso an Kadern wie auch an gut ausgebildeten Mannschaften. Die Eroberung der festen Plätze Burghausen und Braunau und andere Einzelereignisse können als gelungene Kommandoaktionen angesehen werden, doch so oft sich die bayerischen Aufständischen in symmetrischer Kriegsführung versuchten, kam die Überlegenheit des kaiserlichen Militärs in Bewaffnung, Taktik, Disziplin und Führung zum Tragen.

Auch wenn der Aufstand im Kurfürstentum Bayern der kaiserlichen Verwaltung und damit der habsburgischen Kriegsführung zeitweise gefährlich zu werden schien, so musste er doch scheitern, da der Versuch aus asymmetrischen Anfängen in die symmetrische Kriegsführung zu wechseln misslang. Den Aufständischen fehlte vor allem der Faktor Zeit um diese Aufgabe zu meistern.


Die bayerische Bevölkerung musste einen hohen Blutzoll für diese Rebellion entrichten. Wenn man jedoch die Folgen des Aufstandes betrachtet, muss man eingestehen, dass zahlreiche Ziele der Aufständischen erreicht wurden. Im besetzten Bayernwurden die Zwangsrekrutierungen eingestellt, der überwiegende Teil der Aufständischen blieb aufgrund der kaiserlichen Generalamnestie straffrei und in den Folgejahren wurde Bayern insgesamt doch schonender behandelt.

Auch wenn die Eingangsfrage dieser Arbeit beantwortet werden konnte, so musste aufgrund der Grenzen, welche eine Diplomarbeit auferlegt, aber auch wegen der reich vorhandenen Quellen eine Auswahl getroffen werden, um den asymmetrischen Charakter des bayerischen Aufstandes zu belegen. Da sich der Aufstand in mehreren Landesteilen gleichzeitig und weitgehend unabhängig voneinander entwickelte, konnte zwangsläufig nicht jedes Scharmützel, welches mit der asymmetrischen Führung eines Aufstandes einhergeht, Erwähnung finden.

Während der Aufstand im bayerischen Oberland, welcher vor den Toren Münchens in Sendling sein blutiges Ende fand, relativ umfassend erforscht ist, gibt es noch zahlreiche Möglichkeiten die regionale und soziale Breite des Aufstandes zu untersuchen. Denn entgegen seiner Etikettierung als gesamtbayerisches Ereignis blieb es doch in vielen Teilen Bayerns ruhig und die oberen sozialen Schichten beteiligten sich kaum an der Erhebung. Die Einberufung des „Braunauer Parlaments“ wurde teilweise bereits als Urform parlamentarischer Repräsentanz verklärt. Hier finden sich ebenso noch Ansatzpunkte für weitere Forschungen wie im Einfluss des Topos „Bayerischer Aufstand“ auf die nationalstaatliche Entwicklung Bayerns.