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Joachim Bürgschwentner: „den patriotischen Gedanken möglichst zu fördern“ - Offizielle Postkarten im Dienste der gesellschaftlichen Mobilisierung

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Das Kriegshilfsbüro, neben Kriegsfürsorgeamt und Rotem Kreuz ein zentraler Pfeiler der staatlichen Kriegsfürsorge in der österreichischen Reichshälfte während des Ersten Weltkriegs, stellte in seinem Rechenschaftsbericht 1917 fest: „Einen besonderen Zweig der kommerziellen Tätigkeit der Kriegsfürsorge bildete der Vertrieb von Ansichtskarten.“1
Aus Sicht des Historikers ist diese Produktion an sich bereits bemerkenswert: Die Forschung zu deutschen Kriegspostkarten kam zum Schluss, dass diese „von offizieller Seite keineswegs in Auftrag gegeben sondern nur mit Zensurbestimmungen geduldet“ wurden. Als Verkaufsartikel kommerzieller Verlage sei die Postkarte deshalb viel mehr ein „Spiegel der Mentalität“ als gezielte staatliche Propaganda.2 Im Gegensatz dazu ist in Österreich und auch Ungarn ein aktiver staatlicher Einsatz der Kriegsansichtskarte feststellbar: In der österreichischen Reichshälfte, auf die sich dieser Beitrag fokussiert, begann die Produktion bereits im August 1914 und umfasste bis 1918 etwa 2000 bis 2500 verschiedene Motive, wobei dieser Korpus bislang noch nicht systematisch erfasst und erforscht ist. Dass die Produktion und Verbreitung des Massenmediums Ansichtskarte in den Händen der Kriegsfürsorge und nicht etwa des Kriegspressequartier lag, weist auf die weit über den sozialen Bereich hinausgehende Bedeutung der Kriegsfürsorge hin.

Im Kontext der gesellschaftlichen Mobilisierung sind sowohl der kommerzielle wie auch der visuelle Aspekte der Ansichtskartenproduktion von zentraler Bedeutung. Eine primäre Funktion der in hohem Maß auf Spenden und Freiwillige angewiesenen Kriegsfürsorge lag in der finanziellen und personellen Entlastung des Staates. Durch die Einbindung der Bevölkerung in den War Effort war die Kriegsfürsorge ein zentraler Faktor bei der Mobilisierung der sogenannten Heimatfront. Die Ansichtskarte erfüllte das, auch bei vielen anderen populären Aktionen (etwa den Kriegsnagelungen) wichtige Kriterium, für die breite Masse erschwinglich zu sein: die Möglichkeit, so an der „großen Zeit“ teilzuhaben, wurde zur moralischen Verpflichtung. Der Verkauf von offiziellen Ansichtskarten auf Wohltätigkeitsveranstaltungen und mittels Briefversand stieß dabei durchaus auch auf Ablehnung. Das Kriegshilfsbüro präsentierte seine Tätigkeit als geschäftlichen Erfolg, Kritiker bemängelten jedoch die Höhe der Produktions- und Nebenkosten.

Während Ansichtskarten somit zunächst als Mittel zum Zweck der Lukrierung finanzieller Mittel erscheinen, verfolgten auch die verbreiteten Bilder eine mobilisierende Funktion. Eduard Prinz Liechtenstein, Leiter des Kriegshilfsbüros, erklärte rückblickend, seine Institution habe sich immer „von dem Bestreben leiten lassen, den patriotischen Gedanken möglichst zu fördern“.3 Diese 'Förderung des patriotischen Gedankens' erfolgte insbesondere durch die Verbreitung von Herrscher- und Feldherrenportraits, Glorifizierung der „Heldentaten“ einzelner Soldaten und verharmlosende Darstellung des Krieges. Die Verbreitung aggressiver Karikaturen wurde jedoch explizit abgelehnt. Auch ein Mangel an appellativen Botschaften nach dem Muster der Kriegsanleiheplakate ist auffallend. Im Hinblick auf die Techniken wurde in der 1914-17 erschienenen, etwa 700 Karten umfassenden Hauptserie die Fotografie beinahe vollkommen ignoriert. Die Offiziellen Karten bilden damit einen starkem Kontrast zu der sich stark wandelnden Bilderwelt illustrierter Zeitungen. Ihr Bildprogramm (sofern man überhaupt von einem „Programm“ sprechen kann) entsprach den konservativen Eliten der Monarchie. Seine Wirkmächtigkeit muss aus heutiger Sicht kritisch betrachtet werden.

1. KRIEGSHILFSBÜRO DES K. K. MINISTERIUM DES INNERN (Hg.), Rechenschaftsbericht des Kriegshilfsbüro des k. k. Ministerium des Innern vom August 1914 bis 31. Januar 1917, Wien 1917, 61.
2. Elisabeth von HAGENOW, „Mit Gott für König, Volk und Vaterland. Die Bildpostkarte als Massen- und Bekenntnismedium“, in: Raoul ZÜHLKE (Hg.), Bildpropaganda im Ersten Weltkrieg (20th century imaginarium 4), Hamburg 2000, 145–178, hier 156 und 173; vgl. a. Christine BROCKS, Die bunte Welt des Krieges. Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg 1914–1918 (Beiträge zur Historischen Friedensforschung 10), Essen 2008, S. 29–38.
3. Eduard von und zu LIECHTENSTEIN, „Offizielle Kriegsfürsorge. Einleitung“, in GESELLSCHAFT VOM SILBERNEN KREUZ ZUR FÜRSORGE FÜR HEIMKEHRENDE SOLDATEN UND INVALIDEN (Hg.), Viribus Unitis. Österreich-Ungarn und der Weltkrieg, Wien 1919, S. 1–4, hier S. 3.