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Matthias Egger: „Die materiellen Opfer sind dringend notwendig“. Die Fürsorge der Habsburgermonarchie für die österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen in Russland im Spannungsfeld von staatspolitischen Interessen und Humanität

»Die materiellen Opfer sind dringend notwendig«1: In den Jahren 1914/18 stieg der finanzielle Aufwand der Habsburgermonarchie für die Unterstützung der insgesamt rund 2,1 Millionen österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen in Russland stetig an, wobei schließlich sogar zwei- bzw. dreistellige Millionenbeträge in diesen Bereich flossen. Gleichzeitig hatten die verantwortlichen österreichisch-ungarischen Institutionen auf verschiedenen Wegen und mit einem beträchtlichen Aufwand versucht, die Lebensbedingungen der Kriegsgefangenen in Russland zu verbessern, obwohl gemäß der HLKO von 1907 eigentlich die Gewahrsamsmacht für eine adäquate Versorgung der gefangenen Soldaten und Offiziere verantwortlich gewesen wäre.

Dass dieses Engagement der Monarchie nicht selbstverständlich war, sondern einer Erklärung bedarf, zeigt etwa ein Blick auf die Haltung Italiens und Russlands zur Kriegsgefangenenfürsorge. Ungeachtet des Elends, in dem sich hunderttausende italienische Kriegsgefangene in den Lagern der Mittelmächte befanden, sprach sich die militärische und politische Führung Italiens kategorisch gegen staatliche Fürsorgemaßnahmen für die Gefangenen aus. Einzig für die rund 19.500 kriegsgefangenen Offiziere wurden von offizieller Seite Hilfsmaßnahmen ergriffen. Die Mannschaft hingegen blieb ihrem Schicksal überlassen. Aber die Behörden beließen es nicht dabei, auf offizielle Hilfe zu verzichten, sondern sie versuchten auf verschiedene Art und Weise auch private Liebesgabensendungen von Angehörigen möglichst einzuschränken. Diese überaus harte Politik gegenüber den kriegsgefangenen Landsleuten hatte ihre Ursache in einer geradezu pathologischen Angst vor Desertionen: „All along, the government’s overriding concern was to ensure that the rank and file in the army were thoroughly disabused of any notion that being captured might be a good thing and that prisoner-of-war camps were an agreeable or at least tolerable way of sitting out the war.”2 Je schlechter es den Kriegsgefangenen ergehen würde, desto höher wäre die Kampfmoral der italienischen Armee, so das Kalkül. Wenngleich auch die Konsequenz mit der Rom diese Politik verfolgte für den Ersten Weltkrieg einzigartig ist, standen die italienischen Militärs und Politiker mit ihren Ansichten keineswegs alleine da.

Auch im Zarenreich vertrat die Armeeführung die Ansicht, dass ein (zu) großes Engagement für die über zwei Millionen russischen Kriegsgefangenen in Deutschland und Österreich-Ungarn – insbesondere wenn darüber öffentlich berichtet werde – die Kampfmoral der eigenen Truppen negativ beeinflussen würde. Darüberhinaus schwingt in den einschlägigen Schriftstücken eine gehörige Portion Misstrauen gegenüber den gefangenen Landsleuten mit, die mit ihrer Arbeitsleistung die Kriegsanstrengungen der Gegner unterstützen würden und denen es in den Lagern der Mittelmächte immer noch besser ergehe als den russischen Soldaten in den Schützengräben. Wenn man den Kriegsgefangenen schon helfen wolle, dann solle die Unterstützung leise und möglichst unauffällig erfolgen.

Ein ähnlich allgemein gehaltenes Misstrauen gegenüber den „in Feindeshand“ geratenen Soldaten und Offizieren lässt sich in den Akten der österreichisch-ungarischen Heeresverwaltung nicht ausmachen. Im Gegenteil, dort ist die Rede davon, dass die Monarchie ihre „braven ins Unglück gekommenen Soldaten nicht zugrunde gehen oder verkommen lassen [dürfe], koste es was es wolle.“3 Diese Auffassung scheint im Lichte der zahlreichen Berichte über (angebliche) Massendesertionen umso bemerkenswerter. Es stellt sich somit die Frage, warum die Verantwortlichen in Wien keinen ähnlichen Standpunkt wie Rom – oder zumindest eine zurückhaltendere Haltung wie Petrograd – gegenüber der Kriegsgefangenenfürsorge einnahmen, sondern sich dazu entschlossen, sich für die kriegsgefangenen Landsleute einzusetzen? Folgten sie in ihrem Engagement einem humanitären Pflichtgefühl? Oder lag der Kriegsgefangenenfürsorge der Monarchie ein staatspolitisches Kalkül zu Grunde? Diese Fragen sollen im Rahmen des Beitrages untersucht werden.

1. ÖStA, KA, KM 1915 Abt. 10 Krt. 983, 1915 10 A. 10/35/27/26 [handschriftliche Notizen des Obersten Stutz für einen Vortrag beim Kriegsminister, 25.10.1915].
2. Gooch, The Italian Army and the First World War, 275.
3. ÖStA, KA, KM 1916 Abt. 10 Krt. 1356, 1916 10/KgA. 10/35/132.