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Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


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Inhalt:

Rupert Klieber: Bischofsernennungen für Österreich vor und nach 1918 – ein Qualitätssprung?

Die Kreation des Bischofsamtes gehört zweifel¬los zu den bedeutendsten Weichenstellungen der Christengeschichte. Wie jede strukturelle Regelung der Menschenwelt hat es Stärken und Schwächen. Zu letzteren gehört das konfliktträchtige Ringen darum, wer unter welchen Umständen in dieses Amt gelangt. Da Personalia interessie¬ren, Konflikte Quellen erzeugen, und Geschichte meist von „Siegern“ geschrieben wird, präsentiert sich traditionelle Kirchengeschichte daher in hohem Maße als „Bischofsgeschichte“.

Der Vortrag thematisiert die Frage, inwieweit der Epochenbruch 1918 Art und Qualität der Bischofsbestellungen verändert hat. Materialfeld ist das große alte und das kleine neue Österreich zwischen 1848 und 1939. Substrat der Erörterungen sind Zwischenergebnisse von zwei Forschungsprojekten. Das erste betrifft die Erstellung eines mehrbändigen Handbuches mit Amtsbiographien der Bischöfe der Donaumonarchie zwischen 1804 bis 1918. Dafür liegen bereits fast alle der rund 450 Bischofsbiogramme vor - erarbeitet von Historikerteams aus allen neun Nachfolgestaaten der Monarchie. In diesen Jahren führten drei Wege ins Bischofsamt. In den allermeisten Fällen war es die Ernennung durch den Monarchen (zuletzt de facto durch die Regierungen der Reichshälften), die in Rom „konfirmiert“ werden musste. In Salzburg und Olmütz hatten die Domkapitel freie Wahl, deren Ergebnisse freilich ebenfalls von Wien und Rom bestätigt werden mussten. Einzigartig in der katholischen Welt gab es schließlich das Privileg der Salzburger Erzbischöfe, die Bischöfe von Gurk-Klagenfurt, Graz-Seckau und Marburg-Lavant sowohl ernennen als auch konfirmieren zu dürfen – somit der einzige „romfreie“ Bestellmodus. Das zweite relevante Forschungsprojekt analysiert die Österreich-relevanten Quellen des Pontifikates Pius XI. (1923-1939). Erst die Öffnung der vatikanischen Archive für diesen Zeitraum hat es ermöglicht, auch die ersten fünf rein „römischen“ Bischofsernennungen nach 1918 in den Blick zu nehmen und so mögliche Qualitätssprünge zwischen vorher und nachher zu eruieren.

Einige Ergebnisse vorweggenommen: Die Vorteile des Modus nach 1918 liegen auf der Hand und betreffen v.a. die Entflechtung staatlicher und kirchlicher Kompetenzen sowie eine potenziell überregionale Kandidatenauswahl. Sie wurden jedoch durch erhebliche Nachteile erkauft. Sie bestanden u.a. in der geringeren Transparenz der Prozesse. Hatte es vor 1918 einen regen Austausch der involvierten Stellen über Vor- und Nachteile von Kandidaten gegeben, so waren die folgenden Erkundigungen Einbahnen in Richtung Rom. Sie flossen fast exklusiv durch den Filter des Nuntius, dem dadurch eine sachlich unangemessen starke Position zufiel. Innerhalb der geringen Bandbreite kurialer Kriterien wurde der Rom- und Linientreue eine überproportional große Bedeutung zugemessen. Politische Interventionen erfolgten nun durch die Hintertür von Sonderkontakten zu Nuntius oder Kurie. Der neue Modus bevorzugte Kandidaten, die durch römische Erfahrungen oder politisches Geschick die „kuriale Klaviatur“ bzw. das „Billard“ über staatliche und kirchliche Bande meisterlich beherrschten. Damit wurden auch persönlichem Ehrgeiz größere Einfallstore geöffnet, als angesichts des hohen Verantwortung der Betroffenen wünschenswert war.