Seitenbereiche:



Menü des aktuellen Bereichs:

Zusatzinformationen:

Tagungsort

Hier den Alternativtext zum Bild eingeben!

Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


Positionsanzeige:

Inhalt:

Peter März: NS-Opfer als Akteure in der oberösterreichischen Nachkriegszeit

Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gehört für den Großteil in Politik und Medien in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht zu den vordringlichen Aufgaben. Die politische Situation des Kalten Krieges trägt zur Rehabilitierung von NS-Funktionären bei, während die NS-Opfer kaum noch in der Öffentlichkeit präsent sind. Diejenigen, die unter dem NS-Terror am meisten gelitten haben, finden nach dem Krieg kaum Anerkennung und Unterstützung. Die Ereignisse werden selten artikuliert, im öffentlichen Bewusstsein verdrängt; viele der Betroffenen ziehen es vor, zu schweigen. Ihr Streben nach Entschädigungen dauert oft viele Jahre, in manchen Fällen sogar jahrzehntelang. Sie sind an den Rand gedrängt und werden von einer Gesellschaft, in der jeder mit sich selbst beschäftigt ist, kaum wahrgenommen.

Mit dem Opferfürsorgegesetz vom 4. Juli 1947 unternimmt Österreich den halbherzigen Versuch einer „Wiedergutmachung“. Für Antragsteller bedeuten die bürokratischen Hürden oftmals unüberwindliche Hindernisse. Opfergruppen wie Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Deserteure, Angehörige von NS-Euthanasie-Opfern, Homosexuelle und so genannte „Asoziale“ sowie Kriminelle bleiben lange Zeit überhaupt von Entschädigungen ausgeschlossen. In Oberösterreich stellen rund 3.700 Personen bei der Opferfürsorgebehörde einen Antrag auf eine Amtsbescheinigung, einen Opferausweis oder auf Haftentschädigung. Rund 2.200 Personen (60 Prozent) erhalten einen positiven Bescheid, aber nur 1.200 von ihnen bekommen eine Amtsbescheinigung, mit der zahlreiche Vergünstigungen verbunden sind. Für einen Antrag müssen wichtige Dokumente, etwa Haftbestätigungen, selbst oder mit Hilfe der NS-Opferverbände gesucht werden. Vor allem in den ersten Jahren nach dem Krieg ist dies nicht einfach. Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft sind, bis auf Ausnahmenregelungen, die einen Wohnsitz in Österreich vor 1938 betreffen, grundsätzlich von der Opferfürsorge ausgeschlossen. Im Rahmen des Beitrags sollen nicht zuletzt die Konflikte innerhalb des Gruppe der Verfolgten und mit externen Kräften um die Definition von NS-Opfern beleuchtet werden.

Unmittelbar nach der Befreiung organisieren sich zahlreiche NS-Opfer zunächst in lokalen und regionalen Initiativen. Der „Landesverband ehemals politisch Verfolgter in Oberösterreich“, kurz KZ-Verband, stellt den größten Zusammenschluss dar. In dessen Vorstand sitzen Mitglieder der SPÖ, der ÖVP und der KPÖ. Die Fixierung auf die „politischen“ Opfer führt immer wieder zu Konflikten, in erster Linie mit den jüdischen Überlebenden, unter anderem mit Simon Wiesenthal, die sich nicht entsprechend vertreten fühlen. Der Kalte Krieg verhärtet rasch die Fronten zwischen den Parteien, der gemeinsame Verband wird im März 1948 durch das Innenministerium aufgelöst und die Parteien gründen parteieigene bzw. offiziell von ihnen unabhängige Verbände. Diese Nachfolgeverbände arbeiten erst seit Mitte der 1960er Jahre wieder enger zusammen. Der Panelbeitrag versucht, die politischen Auseinandersetzungen innerhalb des oberösterreichischen Verbandes, die Auswirkungen auf seine Tätigkeit und die Reaktionen der Mitglieder auf die zwangsweise Auflösung nachzuzeichnen.

Die NS-Opferverbände bemühen sich um zahlreiche Hilfeleistungen. Außerdem treten sie hartnäckig für den Beschluss eines Wiedergutmachungsgesetzes ein. Zu ihren Aufgaben gehören die Mithilfe beim Erlangen von Trafiken und Kinolizenzen, die Unterstützung von Hinterbliebenen und von Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft, die Verteilung von Rot-Kreuz-Paketen und die Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche. Sie organisieren Weihnachtszuwendungen, Bekleidung, Möbel, Holz und Kohle. Außerdem beteiligen sie sich an der Suche nach NS-Tätern und treten immer wieder für eine raschere Rückstellung arisierter Vermögenswerte ein. Ein besonderes Kapitel eigenverantwortlichen Handelns stellt der Protest von rund hundert jüdischen Holocaustüberlebenden im Dezember 1945 in Linz dar. Sie bilden einen Demonstrationszug und fordern auf Transparenten bessere Lebensbedingungen sowie die Bildung eigener Wohnsiedlungen für jüdische Displaced Persons. Der Protest zeigt Wirkung. Nach zähen Verhandlungen wird seitens der US-Militärregierung ein Teil der Siedlung am Linzer Bindermichl geräumt und für 2.000 Jüdinnen und Juden als neuer Wohnort zugewiesen. Die Wiener Künstlerin Heidi Schatzl hat Fotos dieser Aktion im Yad Vashem Archiv gefunden und im Herbst 2014 die Demonstration reinszeniert.

Die Etablierung einer Erinnerungskultur, die dem Vergessen entgegengewirkt und die Dimension der NS-Verbrechen bewusst macht, fällt der (ober)österreichischen Nachkriegsgesellschaft schwer. So ist es keineswegs selbstverständlich, dass das Konzentrationslager Mauthausen und seine zahlreichen Nebenlager in Gedenkstätten umgewandelt werden. Ehemalige Verfolgte und WiderstandskämpferInnen setzen sich an den verschiedenen Orten des NS-Terrors für die Schaffung von Erinnerungszeichen ein, in Städten und Gemeinden versuchen sie Denkmäler zu schaffen oder initiieren die Umbenennung von Straßennamen. Auch versuchen sie in aufklärender Absicht durch Ausstellungen und Publikationen die Hintergründe und Auswirkungen der NS-Herrschaft zu vermitteln oder über den Widerstandskampf gegen den Nationalsozialismus in Publikationen zu berichten. Nicht selten agieren Initiativen zur Errichtung von Denkmälern und Gedenkstätten mit sehr bescheidenen materiellen Ressourcen und in einem ihnen ablehnend bis feindlich gesonnenen Umfeld und stoßen schnell an die Grenzen des politischen Willens. Im Rahmen des Panelbeitrags sollen diese Initiativen und Bemühungen der früheren Verfolgten des NS-Regimes dargestellt und die Ergebnisse vor ihrem jeweiligen politischen und regionalen Hintergrund herausgearbeitet werden.