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Florian Schwanninger: Erinnerungskultur in Oberösterreich nach 1945

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In Oberösterreich drängte sich nach 1945 die Frage des Umgangs mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und der Erinnerung an diese Zeit in besonderer Weise auf. Mit Mauthausen, Gusen, Hartheim und Ebensee befanden sich zentrale Stätten des NS-Terrors und der Vernichtung in diesem Bundesland, 15 Außenlager von Mauthausen waren in Oberösterreich situiert. Des Weiteren befinden sich in Oberösterreich Hinterlassenschaften der NS-Zeit, die über lange Jahre – und zum Teil bis heute – bei vielen Menschen ein zumindest teilweise positives oder verharmlosendes Bild des Nationalsozialismus hinterließen. Stellvertretend seien hier die Wohnbauten in Linz („Hitlerbauten“) – der Umgang mit ihnen entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem konfliktträchtigen Thema – sowie die Industriebauten, allen voran die Linzer VÖEST, genannt. Dieses „doppelte Erbe“ des Nationalsozialismus bestimmte neben anderen überregionalen politischen und gesellschaftlichen Faktoren die Erinnerung an bzw. den Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus in Oberösterreich.

Der Beitrag soll die verschiedenen Phasen, Kontroversen, Bruchlinien und AkteurInnen auf dem Gebiet der Erinnerungskultur in Oberösterreich bzw. des Umgangs mit der NS-Zeit sowie ihren Opfern beleuchten. Neben den „‚festen’ Formen gesellschaftlicher Erinnerung“, wie z. B. Denkmälern als „Leitobjekten des ‚kulturellen Gedächtnisses‘“, sollen die wissenschaftliche und literarische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in Oberösterreich sowie andere „’flüssige’ Formen des Gedächtnisses“ Beachtung finden.

Eine Einbettung in europäische und vor allem gesamtösterreichische Entwicklungen, Diskurse und Konflikte sowie das Herausarbeiten von regionalen Spezifika (die auch in Wechselwirkung mit der überregionalen Ebene standen) soll verhindern, dass die Untersuchung auf einer isolierten, regionalen Ebene bleibt.

Ausgehend von einer kurzen Phase eines antifaschistischen Gründungskonsenses der Zweiten Republik und erster Bemühungen um die Etablierung einer Erinnerungskultur für die Opfer des Nationalsozialismus wird die Herausbildung einer hegemonialen Kultur des Gedenkens an die gefallenen Wehrmachtssoldaten unter den Vorzeichen der Re-Integration der früheren Nationalsozialisten und des ausbrechenden Kalten Kriegs beleuchtet. Damit verbunden war eine Externalisierung des NS-Terrors, die Zentralisierung des Gedenkens an die NS-Opfer in der Gedenkstätte in Mauthausen, die Beseitigung der meisten Spuren an den Orten der Außenlager und die Verdrängung des Gedenkens an Widerstand und Verfolgung in gesellschaftliche Nischen. Initiativen auf dem Gebiet des Erinnerns und Gedenkens an die Opfer des NS-Terrors kamen ab den frühen 1950er Jahren fast ausschließlich von ausländischen Organisationen oder in Österreich politisch marginalisierten Gruppen. Aufgrund des politischen Klimas war die Schaffung von Erinnerungszeichen über Jahrzehnte kaum möglich. Nicht zuletzt aufgrund der Bemühungen einer jungen Generation von HistorikerInnen an der Linzer Universität bzw. des Engagements von Einzelpersonen sollte es (nicht nur) in Oberösterreich zu einer Wiederentdeckung des Widerstands und einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bzw. der Zeitgeschichte kommen. In den 1980er Jahren verstärkte und verbreiterte sich dieser Trend und zahlreiche „Graswurzel“-Initiativen nahmen die regionale Aufarbeitung und das Gedenken ihre Hände. Befördert durch die Waldheim-Debatte und das Bedenkjahr 1988 konnten an vielen oberösterreichischen Orten – u. a. bei ehemaligen Außenlagern von Mauthausen – Erinnerungszeichen errichtet werden. Nicht zuletzt war dafür auch ein Generationenwechsel in Politik und öffentlichem Leben verantwortlich. In den 1990er und 2000er Jahren nahmen Stadt Linz und Land Oberösterreich groß angelegte Projekte zur Erforschung der NS-Zeit in Angriff. Es konnten sich Gedenkinitiativen institutionalisieren und in der Folge die Gedenkstätten in Ebensee und Hartheim dauerhaft etabliert werden. Die Erinnerungskultur in Oberösterreich verbreiterte sich nicht nur in geografischer Hinsicht, sondern seit den 1980er Jahren wurden zusehends lange Zeit am Rande stehende Opfergruppen miteinbezogen. Durch verschiedenste lokale und regionale Initiativen und Projekte setzte sich in den letzten Jahren eine starke Dezentralisierung des Gedenkens durch, die zum Teil auch in einer neuen Formensprache, in innovativen Formen des Gedenkens und Erinnerns ihren Ausdruck fand. Der Status der Erinnerungskultur bleibt dennoch – bei weitem nicht nur in Oberösterreich – prekär und der Befund wirkt ernüchternd: Während trotz einer durchaus bemerkenswerten Dezentralisierung von einer landesweiten, flächendeckenden Aufarbeitung bzw. Erinnerungskultur keine Rede sein kann, herrscht bei nicht wenigen Menschen das Gefühl einer „Übersättigung“ und die Relevanz der Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus wird zusehends in Frage gestellt.