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Hinter den Steinen: Erinnerungskultur(en) an die Opfer des Nationalsozialismus – Schwerpunkt Oberösterreich

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Vorsitz: Cathrin Hermann

14.9.2015, 14.00–16.30

SZ 3

Herwig Czech

Denkmäler für Opfer der NS-Medizin zwischen Inszenierung, Abstraktion und Aufklärung

Cathrin Hermann

Eingeschrieben in die Stadt: Denkmäler und Gedenkkultur an die Opfer des Nationalsozialismus in Linz

Peter März

NS-Opfer als Akteure in der oberösterreichischen Nachkriegszeit

Florian Schwanninger

Erinnerungskultur in Oberösterreich nach 1945

 

Das eingereichte Panel befasst sich mit der österreichischen Erinnerungskultur und ihren Akteuren, der regionale Schwerpunkt liegt dabei auf dem Bundesland Oberösterreich. Die vielfältigen Formen und Transformationen des Gedenkens und Erinnerns an die Opfer des Nationalsozialismus sollen im Rahmen dieses Panels unter verschiedensten Gesichtspunkten und aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt werden.

Mit den Beiträgen von Cathrin Hermann und Florian Schwanninger werden die Erinnerungskulturen im Bundesland Oberösterreich und in der Landeshauptstadt Linz gegenübergestellt. Dies bietet die Möglichkeit, sowohl die Bedeutung der unterschiedlichen politischen Gegebenheiten bei der Entwicklung des lokalen Gedenkens in einem Bundesland, in dem der Nationalsozialismus deutliche Spuren hinterließ, herauszuarbeiten. Ein solcher Vergleich, der Parallelitäten als auch asynchrone Entwicklungen darstellt, fehlt bislang für andere Regionen Österreichs.

Das Referat von Florian Schwanninger versucht, die Voraussetzungen und Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer Erinnerungskultur für die Opfer des Nationalsozialismus in Oberösterreich herauszuarbeiten. Der Bogen reicht von der unmittelbaren Nachkriegszeit im Zeichen eines antifaschistischen Gründungsgeistes über die Versuche einer Externalisierung des NS-Terrors bei gleichzeitiger Reintegration der früheren Nationalsozialisten und dem flächendeckenden Gedenken an die Wehrmachtssoldaten ab den späten 1940er Jahren, den (Auf-)Brüchen der 1970er und 1980er Jahre bis hin zu einer, wenn auch prekären Neuformierung der Erinnerungskultur ab den 1990er Jahren. Die Analyse verharrt dabei nicht bei den staatlichen AkteurInnen und dominierenden bzw. meinungsbildenden Medien, sie geht auch nicht von einem wie auch immer gearteten „Erinnerungskollektiv“ aus, sondern versucht in den Prozessen und Konflikten minoritäre Strömungen und (Einzel-)AkteurInnen sowie gegensätzliche Tendenzen zu erfassen.

Ausgehend von der Frage, ob sich in Linz in den unter US-amerikanischer und sowjetischer Verwaltung stehenden Zonen ein unterschiedlicher Umgang mit den im Stadtraum vorhandenen Relikten des Nationalsozialismus etablierte, geht Cathrin Hermann auf die Linzer Erinnerungskultur(en) ein. Bedingt durch die lange Passivität der städtischen Politik und deren Haltung zur nationalsozialistischen Diktatur oblag die Errichtung und Erhaltung von Erinnerungszeichen bis in die 1980er Jahre außerhalb der städtischen Verwaltung stehenden Initiativen und Organisationen. Erst durch personelle bzw. generationelle Wechsel innerhalb der Stadtpolitik rückte die kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die Erinnerung an dessen Opfer in den Fokus, womit eine breit gefächerte Denkmalkultur einsetzte. In einem zweiten Schritt soll die Herausbildung einer Gedenk- bzw. Denkmalskultur in der Stadt Linz im Hinblick auf die sich ändernde ästhetische Gestaltung bzw. die Formensprache der Erinnerungszeichen und ihre Aussagen und Inhalte betrachtet werden.

Während die Beiträge von Hermann und Schwanninger die Rahmenbedingungen für die Herausbildung regionaler Erinnerungskultur(en) am Beispiel Oberösterreichs abstecken, behandeln die Referate von Herwig Czech und Peter März die Erinnerung an zwei Gruppen von Opfern, die sich im Hinblick auf ihre Rolle als (mögliche) Subjekte einer sich herausbildenden und unter Konflikten verändernden Erinnerungskultur stark unterschieden.

In Oberösterreich befinden sich mit Hartheim und Niedernhart zwei bedeutende Orte der NS-Euthanasiemorde. Herwig Czech geht in seinem Beitrag der Entwicklung einer Erinnerungskultur für diese lange Zeit besonders marginalisierte Gruppe von NS-Opfern nach. Er fasst dabei den geographischen Rahmen jedoch weiter, um durch einen Vergleich mit anderen österreichischen Regionen zu aussagekräftigen Befunden zu gelangen. Die NS-Medizinverbrechen richteten sich gegen Menschen, die auch nach 1945 einer fortwährenden Stigmatisierung und Marginalisierung ausgesetzt blieben. Die Ausbildung von Ansätzen einer Erinnerungskultur in diesem Bereich erfolgte daher weitgehend ohne die aktive Teilnahme der Opfer, denen kollektive Handlungsmöglichkeiten fehlten. Historische Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit waren daher oft eine Sache von kritischen Angehörigen der Gesundheitsberufe, nicht selten lag das Gedenken überhaupt in den Händen von Einrichtungen, die in einer direkten Nachfolge zu den „Täterinstitutionen“ standen.

Im Kontrast dazu arbeitet Peter März in seinem Beitrag die aktive Rolle von NS-Opfern bei der Etablierung von Formen des Gedenkens unmittelbar ab der Befreiung im Mai 1945. Er umreißt die weitreichenden Aufgaben, welche den Organisationen der ehemaligen NS-Verfolgten zukamen, und die neben dem Gedenken und der Schaffung einer eigenen Identität vor allem auch konkrete Maßnahmen der (Über-)Lebenshilfe umfassten. Die Tätigkeit nicht weniger Verfolgter des NS-Regimes umfasste neben den erwähnten materiellen Unterstützungsleistungen auch Bemühungen zur Aufklärung der Öffentlichkeit über die Verbrechen des Nationalsozialismus, Recherchen zu NS-Verbrechen und den TäterInnen sowie die Unterstützung ihrer juristischen Verfolgung und ging somit weit über den Bereich des Gedenkens und Mahnens hinaus – letzteres war nur ein, wenn auch wichtiger und komplementärer Teil ihrer Anstrengungen.

Allen Beiträgen des Panels ist gemein, dass sie durch die Beleuchtung unterschiedlicher Aspekte Reflexionen, aber auch Anregungen zur Gestaltung und Weiterentwicklung der aktuellen Erinnerungs- und Gedenkkulturen leisten möchten. Neben der Frage, wie Denkmäler und Erinnerungszeichen für NS-Opfer jenseits von antiquiertem Pathos und zu großer Abstraktion gestaltet werden können, stellt sich auch jene, wie eine aktive Erinnerungskultur rund 70 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit in einer heterogenen, von Migration geprägten Gesellschaft – auch nach dem Ableben der letzten ZeitzeugInnen – verankert werden kann.