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Claudia Reichl-Ham: Die Rezeption der Türkenkriege in der europäischen Museumslandschaft

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„Die größten Feinde der Vergangenheit waren die ‚Türken‘, der so genannte Erbfeind, der das christliche Abendland und seine Machtstrukturen spürbar bedroht hatte. Die Osmanen waren im ausgehenden 18. Jahrhundert dauerhaft besiegt worden, das Feindbild ‚Türke‘ jedoch blieb erhalten und ist bis heute wirksam einsetzbar.“ Mit diesen eindrücklichen Worten leiten Johann Heiss und Johannes Feichtinger die in einem Sammelband mit dem Titel „Der erinnerte Feind. Kritische Studien zur Türkenbelagerung“ zusammengefasste Diskussion zur Rezeption des Türkenbildes in Europa ein.1

Das Stereotyp des Türken als Erbfeindes der Christenheit basiert vor allem auf dem jahrhun-dertelang auf Expansion, Unterdrückung und Gewalt ausgerichteten politischen und militäri-schen Streben und Wirken des Osmanischen Reiches. Die militärische Expansion der Osmanen – ursprünglich ein Nomadenstamm aus dem nordwestlichen Anatolien – nach Europa begann Mitte des 14. Jh. Die Osmanen unterwarfen große Teile Südosteuropas. 1453 wurde Konstantinopel erobert. Anfang des 16. Jh. eroberten die Osmanen Persien, Armenien, Palästina, Syrien und Ägypten.

Ab der zweiten Hälfte des 15. Jh. kam es vermehrt zu Überfällen, Plünderungszügen und Brandschatzungen durch türkische Streifscharen auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie. Mit dem Sieg der Osmanen gegen die Ungarn in der Schlacht von Mohács (1526), dem Tod des ungarischen Königs Ludwig II. in dieser Schlacht und dem Antritt des böhmischen und ungarischen Erbes durch den Habsburger Ferdinand (I.) vollzog sich eine radikale Wende in den osmanisch-österreichischen Beziehungen. Das Osmanische Reich war durch die Besetzung eines Großteils Ungarns zum direkten Gegner der Habsburger geworden. Dies führte in den folgenden Jahrhunderten zu zahlreichen osmanisch-habsburgischen Konflikten, den sogenann-ten Türkenkriegen. Die Abwehr des osmanischen Großangriffs auf Wien im Jahre 1683 war von epochaler Bedeutung und führte zum anschließenden „Rollback“, der „Rückeroberung“ weiter Teile des von den Osmanen besetzten Gebietes. Man hatte erkannt, dass nur ein massives, einigermaßen koordiniertes Vorgehen des christlichen Europa gegen die Osmanen der Er-oberungspolitik eben dieser Einhalt gebieten konnte. Die großartigen Erfolge des vereinigten christlichen Heeres bei der Abwehr vor Wien sowie bei den Rückeroberungsfeldzügen riefen in Europa ein gewaltiges Echo hervor und steigerten das Ansehen des Hauses Habsburg be-trächtlich – man bemühte sogar den Topos des Kaisers als Retter des Abendlandes. Der osmanische Expansionismus hingegen hatte seine Kraft verloren.

Doch selbst, als das Imperium in der Folgezeit nur noch aus der Defensive agieren konnte, war kein Feindbild in dem Maße wie jenes der Osmanen dazu angetan, identitätsstiftend zu wirken und angesichts des Zerfalls alter Ordnungen neue Einheiten zu schaffen, wie etwa das Prinzip der nationalen Identität. Das WIR-Gefühl wurde gestärkt im Hinblick auf das Anders-sein, das durch die Osmanen einerseits durch die unterschiedliche Religion, andererseits durch das Image der Barbarei, das ihnen lange Zeit anhaftete, vertreten wurde, und ließ sich wunder-bar dazu verwenden, von Bedrohungen und Krisen im Inneren abzulenken. Trotz der zunächst abschreckenden Wirkung der Osmanen brachte man ihnen auch größte Bewunderung aufgrund ihrer ausgefeilten Kriegführung sowie ihrer Kunst und Kultur entgegen
Die Erinnerung an den Erbfeind blieb über die Jahrhunderte gewahrt, sei es in literarischer Form, in der Kunst, im Brauchtum oder im Rahmen von Ausstellungen. „A la turca“ war in der Mode ebenso en vogue wie in der Kunst. Die Sammlungen der Fürsten- und Adelshäuser in ganz Europa waren reich an Turcica, orientalischen oder orientalisierenden Objekten, die nur zum Teil eine Reminiszenz an kriegerische Auseinandersetzungen waren, zum Teil vor allem aber auch Ausdruck einer sich über mehrere Jahrhunderte erstreckende Sammelleidenschaft, die, wie etwa im Fall der Kurfürsten von Sachsen, in regelrechte Einkaufstouren nach Konstan-tinopel ausartete, war.

Der Vortrag wird sich mit der Frage beschäftigen, wie die Türkenkriege und die Osmanen selbst in der europäischen Museumslandschaft präsentiert werden, welche Schwerpunkte bei der Schaustellung (Stichwort: Türkenbeute) gesetzt werden und welche Rolle der „Erbfeind“ in der Ausstellung letztlich einnimmt. Da in den letzten Jahren einige Sammlungen komplett überarbeitet und neu aufgestellt wurden, wird weiters der Frage nachzugehen sein, ob diese nach neuen Ausstellungskonzepten gestaltet sind – mit kulturhistorischen Ansätzen, wo nach Methoden gesucht wird, um den Exponaten eine eigene Sprache zu geben, bzw. mit szenogra-fischen Darstellungen, Storylines und Narrativen –, die es Besuchern ermöglichen, ihr Ver-ständnis für Ursachen, Führung und Folgen des Krieges zu erweitern oder ob es sich nach wie vor um reine „Waffenschauen“, wie dies bis in die 1980er Jahren üblich war, handelt, die nur begrenzte Ausschnitte der Kriegsrealität zeigen können.

Anhand von exemplarischen Beispielen werden die oben genannten Fragestellungen einer Ana-lyse unterzogen, wobei der Schwerpunkt naturgemäß auf Museen und Schausammlungen in Wien, Niederösterreich, dem Burgenland und Tirol liegen wird. Aber auch die deutschen, pol-nischen und türkischen Museen werden eingehende Erwähnung finden. Einen ergänzenden Schwerpunkt wird das virtuelle Museum des Badischen Landesmuseums Karlsruhe („Karlsru-her Türkenbeute“) bilden.

1. Johann Heiss/Johannes Feichtinger, Der erinnerte Feind. Kritische Studien zur Türkenbelagerung, Wien 2013, S. 7.