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Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


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Daniel Groth: Der Erste Weltkrieg in österreichischen und deutschen Museen und Ausstellungen: Erinnerungs- und geschichtskulturelle Diskurse und Hegemonien

Kriege nehmen in den Erinnerungs- und Geschichtskulturen einer Gesellschaft stets breiten Raum ein. Das liegt vor allem daran, dass Krieg, der immer die Bedrohung von Leben und Existenzen bedeutet, traumatisierend wirkt und sowohl individuelle als auch kollektive Formen des Erinnerns und Vergessens hervorbringt. Formen erinnerungs- und geschichtskultureller Auseinandersetzungen mit dem Krieg kommt hier große Bedeutung zu, da sie als Objektivati-onen bestimmte Geschichtsbilder transportieren und öffentlich wirksam machen. Museen kön-nen in diesem Zusammenhang als Spiegel wie auch Produzent von Geschichtskultur gesehen werden. Formen der Visualisierung des Krieges im musealen Raum sind dabei immer abhängig von den Kriegsdiskursen, die in einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit wirksam sind. Diese sind nach Ernesto Laclau und Chantal Mouffe stets instabil, da sie durch vorläufige Fi-xierungen von Bedeutung zustande kommen.1 So können Konkurrenzen zwischen unterschied-lichen Formen des Erinnerns und Visualisierens des Krieges entstehen, das Museum wird zum „conflicted space“ (Gordon Fyfe), auf dem Kämpfe um kulturelle Hegemonien ausgetragen werden. Der Vortrag möchte diese „conflicted spaces“ anhand der Musealisierung des Ersten Weltkrieges in österreichischen und deutschen Museen und Ausstellungen in einer Längsschnittperspektive nachzeichnen. Dabei werden exemplarisch Formen der musealen Präsentation des Krieges seit den 1920er-Jahren diskutiert.

In Deutschland kam es in den 1920er-Jahren schnell zu Konflikten um Formen der Kriegserinnerung. Ernst Friedrich, der 1925 sein internationales Anti-Kriegsmuseum in Berlin eröffnete, präsentierte erstmals Bilder von im Krieg schwer Verwundeten, die er zuvor bereits in „Krieg dem Kriege“ veröffentlichte, außerhalb medizinischer und ökonomischer Diskurse, die bereits während des Krieges eine Wiederherstellung der versehrten Körper versprachen – man denke nur an die zahlreichen Ausstellungen für Verwundeten- und Krankenfürsorge oder gar die Zurschaustellung des Prothesenorchesters in der Kriegsausstellung im Wiener Prater. Friedrichs Präsentationsformen blieben nicht unangefochten. In sein Museum quartierte sich 1933 die SA ein, Friedrich wurde inhaftiert und floh später ins Exil. In Österreich und Deutschland entstanden zudem schon in den 1920er-Jahren Erinnerungskulturen, die sich im Umfeld im Ersten Weltkrieg eingesetzter Regimenter etablierte. In Tirol schloss sich z.B. der Alkaiserjä-ger-Club aus überlebenden Offizieren der vier Kaiserjägerregimenter zusammen, der sich der „Pflege und würdige Zurschaustellung der […] teuren Erinnerungen und Erlebnisse"2 sowie der Dokumentation der „Leistungen“ der Regimenter im Ersten Weltkrieg widmete. Zu disku-tieren ist an dieser Stelle gemäß der oben angestellten Überlegungen, warum sich im Verlauf der 1920er- und 1930er-Jahre letztere Perspektive – und nicht die Erinnerungen an das durch den Krieg herbeigeführte Leid und die Zerstörung – als hegemoniale symbolische Ordnung etablieren konnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Erste Weltkrieg zunächst zu einem vergessenen Krieg, der hinter den „Schatten“ des Zweiten Weltkrieges zurücktritt. Warum aber hat der Erste Weltkrieg in Deutschland und Österreich nicht den gleichen Stellenwert wie in Frankreich oder Großbritannien, wo er bis heute als „großer Krieg“ bezeichnet wird? Warum konnte der Erste Weltkrieg zudem im Museum für Deutsche Geschichte, dem zentralen Geschichtsmuseum der DDR, und dem Armeemuseum der DDR nahtlos in die musealen Narrative eingefügt werden? An dieser Stelle sind die diskursiven Eigenlogiken der jeweiligen Gesellschaften zu diskutieren, die dem Ersten Weltkrieg eine jeweils spezifische Bedeutung zuweisen.

Eine weitere zu diskutierende diskursive Verschiebung, die im Vortrag zu beleuchten ist, zeichnet sich seit den 1990er-Jahren ab. Durch das zunehmende Ableben der im Ersten Welt-krieg kämpfenden Soldaten ist eine Ablösung persönlich gebundener Erinnerungen durch eine von diesen unabhängigen Geschichtskultur des Ersten Weltkrieges zu verzeichnen.3 Die zentrale These an dieser Stelle ist, dass dieser Umstand wie auch die zunehmende Transnationali-sierung von Museen und Ausstellungen einen grundlegenden Wandel in der Musealisierung des Krieges mit sich brachten. Betrachtet man die zahlreichen Museen und Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg, die seit 1990 neu eröffnet wurden, so lässt sich erstens die Etablierung neuer Themen erkennen, die, neben differenzierten Betrachtungen der Kriegsursachen, -folgen und der Merkmale des industrialisierten Krieges, insgesamt mehr und mehr die Erfahrungen am Krieg beteiligter Männer und Frauen einbezieht. 2014, im Kontext des einhundert-jährigen Ju-biläums des Kriegsausbruchs, waren zahlreiche Ausstellungen zu sehen, die eine solche Perspektive durch die durchgängige Einbindung persönlicher Schicksale intensivierten.4 Wird aber durch diese Personalisierung des Krieges der Blick auf den Ersten Weltkrieg intensiviert oder gar verstellt? Eine Frage, die im Kontext der aktuellen Projekte zum Ersten Weltkrieg immer wieder kontrovers diskutiert worden ist und auch hier beleuchtet werden muss. Im Zuge der angesprochenen Transnationalisierung von Museen und Ausstellungen lassen sich im Kontext von 2014 zahlreiche grenzüberschreitende Projekte ausmachen, die – häufig in Partnerschaft zwischen Schulen und Museen durchgeführt – einen transnationalen wie intergenerationalen Austausch über den Ersten Weltkrieg ermöglichen.

Wo sind also die Ausstellungspraktiken des 21. Jahrhunderts rund um den Ersten Weltkrieg zu verorten? Der Vortrag schließt mit einem kurzen Ausblick hinsichtlich der didaktischen Chancen und Grenzen aktueller Projekte zum Ersten Weltkrieg.

1. Ernesto Laclau/Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie. Herausgegeben und übersetzt von Michael Hintz und Gerd Vorwallner, 4., durchgesehene Aufl., Wien 2012.
2. Franz Huter, Ein Kaiserjägerbuch. II. Kurzgeschichte des Bergiselmuseums und Katalog, Innsbruck 1985, S. 12.
3. Vgl. Andrea Brait, Der Erste Weltkrieg in österreichischen und deutschen Historischen Museen, in: Verband Österreichischer Historiker und Geschichtsvereine in Zusammenarbeit mit dem NÖ Landesarchiv (Hg.), 25. Österreichischer Historikertag, St. Pölten 2008. Tagungsbericht (Veröffentlichungen des Verbandes Österreichischer Historiker und Geschichtsvereine, Bd. 34 zugleich Studien und Forschungen aus dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde, Sonderbd. 2010), St. Pölten 2010, S. 421-428, hier S. 421.
4. Exemplarisch sei hier nur auf einige Ausstellungen verwiesen, so z.B. Jubel und Elend. Leben mit dem Großen Krieg 1914-1918, Schallaburg; 14 – Menschen – Krieg, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden; Menschen im Krieg 1914-1918 am Oberrhein, deutsch-französisches Kooperationsprojekt zwischen dem Landesarchiv Baden-Württemberg und des Archives Départementales du Haut-Rhin.