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Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


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Andreas Huber: Endstation Dozent. Karrieren "jüdischer" Wissenschaftler an der Universität Wien bis 1938

Das politische Klima an den österreichischen Hochschulen der Zwischenkriegszeit war geprägt von einem radikalen Antisemitismus und Deutschnationalismus. Dieser manifestierte sich etwa in Forderungen der Deutschen Studentenschaft nach einem Numerus clausus für Juden, der letztlich aufgehobenen Gleispach’schen Studentenordnung2 wie auch gewalttätigen Ausschreitungen gegen jüdische, linke und liberale Studierende. Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich unter diesen Umständen die Karrieren von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern jüdischer Herkunft bis 1938 – auch im Vergleich zu „arischen“ Lehrenden – gestalteten. Als Datengrundlage dienen die Biographien jener rund 230 Professoren, Dozenten und sonstigen Lehrbeauftragten, die nach dem „Anschluss“ aus rassistischen Gründen aus der Universität Wien vertrieben wurden.3
 
Auswertungen zur Personalstruktur zeigen, dass aus rassistischen Gründen Vertriebene unter den ordentlichen Professoren, der mit Abstand einflussreichsten Statusgruppe, die im Professorenkollegium u. a. über Habilitationsgesuche entschied, klar unterrepräsentiert waren. Sie stellten an der Medizinischen Fakultät 51 Prozent aller Dozenten, aber nur 21 Prozent der ordentlichen Professoren, an der Juridischen Fakultät betrugen die Anteilswerte 39 bzw. 13 und waren lediglich an der Philosophie mit 18 bzw. 11 ausgewogener. Damit einhergehend wiesen „jüdische“ Lehrende auch eine längere durchschnittliche Zeitspanne von der Promotion bis zur (ersten) Habilitation auf. Die Differenz betrug an der Juridischen Fakultät 2,3 Jahre, an der Medizin zwei Jahre und an der Philosophie ein knappes Jahr. So sah sich etwa der Historiker Friedrich Engel-Jánosi nach fakultätsinternem Widerstand aufgrund seiner jüdischen Herkunft gezwungen, sein Habilitationsansuchen 1924 zurückzuziehen. Vier Jahre später unternahm er – nun mit Unterstützung Heinrich Srbiks – einen neuerlichen Versuch und konnte 1929 die Dozentur erlangen. Dass er kein Einzelfall war, demonstrieren die Ergebnisse. Professuren und
Dozenturen „jüdischer“ Wissenschaftler waren in den 1920er und 1930er Jahren aber auch allgemein sukzessive zurückgegangen, woraus ein überdurchschnittlich hohes Lebensalter dieser 230 Lehrenden resultierte.
 
Der Beitrag soll neben der Präsentation der Karriereverläufe aber auch – anhand von Fallbeispielen – zeigen, wie einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diesen Diskriminierungen begegneten und welcher Strategien sie sich bedienten. Besonderes Augenmerkt gilt dabei der Konversion vom Judentum zum Protestantismus oder Katholizismus, wovon zumindest 25 Prozent dieser Lehrenden Gebrauch machten.

1 Der Titel ist ein Verweis auf den Aufsatz „Wissenschaft als Beruf“ von Max Weber und dessen Anspielung auf die Inschrift über der „Höllenpforte“ in Dantes „Göttlicher Komödie“. Weber schreibt: „Wenn junge Gelehrte um Rat fragen kommen wegen Habilitation, so ist die Verantwortung des Zuredens fast nicht zu tragen. Ist er ein Jude, so sagt man ihm natürlich: lasciate ogni speranza.“ Vgl. Max Weber, Wissenschaft als Beruf, in: ders., Schriften 1894–1922, hg. von Dirk Kaesler, Stuttgart 2002, 474–511, 481.
2 Diese regelte die Organisation und Selbstverwaltung der Studierenden und fasste diese nach dem rassistischen „Volksbürgerprinzip“ in Studentennationen zusammen. Der Verfassungsgerichtshof hob die Studentenordnung im Juni 1931 allerdings auf, da er den akademischen Behörden die Kompetenz dafür absprach. Vgl. etwa Brigitte Lich-tenberger-Fenz, Österreichs Universitäten 1930 bis 1945, in: Friedrich Stadler (Hg.), Kontinuität und Bruch 1938 – 1945 – 1955. Beiträge zur österreichischen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte (Emigration – Exil – Kontinuität 3), Münster 2004, 69–82, 69–70.
3 Dabei handelt es sich um all jene Personen, die entsprechend der rassistischen NS-Definition als „Juden“ bzw. „Mischlinge“ ersten oder zweiten Grades galten. Der Begriff „jüdisch“ befindet sich hier dementsprechend stets unter Anführungszeichen.