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Der Historikertag findet in den Repräsentationsräumen im Uni-Center der JKU statt. ...  mehr zu Tagungsort (Titel)


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Philipp Lehar: »Da fühlte ich mich zu Hause« – Jüdische Pfadfinder zwischen Wien, Sidney und Shanghai

Die internationale Pfadfinderbewegung gehört mit über 40 Millionen Mitgliedern in 187 Staaten zu den größten Jugendorganisationen der Welt. Die Mitgliedschaft in der Pfadfinderbewegung ist offen für alle, unabhängig von Nationalität, Religion, Hautfarbe und Klassenzugehörigkeit. Gegründet wurde sie 1907 vom britischen General Baden-Powell (1857-1941) in Großbritannien. Der aus einer jüdischen Berliner Bankiersfamilie stammende Militärarzt Alexander Lion (1870-1962) brachte durch die Übertragung von dessen Buch „Scouting for Boys“ ins Deutsche die Pfadfinderidee in den deutschen Sprachraum. Auch in Österreich-Ungarn fand die Idee rasch Anhänger. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden die Weltverbände der Pfadfinder und Pfadfinderinnen, und Friedenserziehung wurde zu einem ihrer Schwerpunkte.

Die Entwicklungen der Pfadfinderbewegung waren und sind immer eingebettet in die jeweiligen regionalen und nationalen Gesellschaften. Theoretisch kann jedes Kind und jeder Jugendliche Pfadfinder oder Pfadfinderin werden. In der Praxis gab es dennoch in vielen Ländern, die Frage „Wer kann Pfadfinder/in werden?“. In Österreich zählten jüdische Gruppen zu den Gründungsmitgliedern des interkonfessionellen „Österreichischen Pfadfinderbundes“. Jüdinnen, Juden und Konvertiten prägten dort das Verbandsleben in der Ersten Republik entscheidend mit. Über 800 vorwiegend jüdische Pfadfinder und Pfadfinderinnen wurden nach dem „Anschluss“ vertrieben, andere waren schon vor 1938 nach Übersee ausgewandert. Die Zugehörigkeit zu der weltweiten Pfadfinderbewegung erleichterte ihnen die Kontaktaufnahme mit der Bevölkerung und das Einleben in ihre neuen Heimatländer (z.B. Chile, Haiti und USA). In Shanghai gründeten emigrierte Pfadfinderführer eine Gruppe für Flüchtlinge aus Europa und schufen so ein Stück „Normalität“ im ungewohnten Alltag voller Herausforderungen. Das „Pfadfindersein“ und Erinnerungen an die Jugendjahre wurde für viele von ihnen ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Nach 1945 stellten diese eine Verbindung in die alte Heimat dar, und Kontakte zu in Österreich gebliebenen (nichtjüdischen) Pfadfinderkameraden wurden gepflegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es auch wieder jüdische Mitglieder in Österreich.
 
Für die Untersuchung konnten bisher unbekannte und ungenutzte Quellen (darunter zahlreiche Egodokumente von jüdischen Emigranten), erstmals ausgewertet werden. Auf Basis dieser erstmaligen Auswertung ist es möglich, nun die Geschichte des „Österreichischen Pfadfinderbundes“ sowie Lebensgeschichten einzelner Mitglieder nachzuzeichnen. Erstmals kann der „Österreichische Pfadfinderbund“ als eine Organisation, die von Christen und Juden geprägt war, gezeigt werden. Sichtbar gemacht wird, wie sich der Zeitgeist auch auf diesen Jugendverband ausgewirkt hat, und warum er trotz Widerständen bis zum Verbot im März 1938 ein gemeinsamer Erlebnisraum für christliche und jüdische Jugendliche blieb. Deutlich aufgezeigt werden kann auch, wie die Zugehörigkeit zu einer internationalen Jugendbewegung (transnationale) Identitäten prägen kann. Damit kann neben den jüdischen Jugendbewegungen wie „Hashomer Hatzair“ und „Betar“ auch der „Österreichische Pfadfinderbund“ ebenso als ein Teil der Geschichte jüdischer Jugendlicher in Wien ins Bewusstsein gebracht werden.