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Inhalt:

Kurt Gritsch/Julia Tapfer: (Arbeits-)Migration in Südtirol: Einwanderung und Transformationsprozesse in Südtirol von 1972 bis in die Gegenwart

Spricht man in Südtirol von Minderheiten, muss man präzisieren. In diesem Beitrag geht es um die sogenannten „neuen“ Minderheiten, wie Migrant_innengruppen im Gegensatz zu den autochthonen Minderheiten Südtirols, der deutschen und ladinischen (und, je nach Blickpunkt, italienischen) Sprachgruppe, genannt werden. Als Teil des Projektes „(Arbeits)Migration in Südtirol seit dem Zweiten Autonomiestatut“ des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck beschäftigen sich Kurt Gritsch und Julia Tapfer in Zusammenarbeit mit Fernando Biague mit den Migrationsnetzwerken in Südtirol. Im Fokus der Forschung stehen dabei Selbstorganisationen von Migrant_innen, die sich in den letzten Jahrzehnten in Südtirol entwickelt haben. Bisher ist dieses Gebiet noch weitgehend unerforscht. Dies hängt nicht zuletzt mit der ethnischen Heterogenität der Zuwanderung – es sind über hundert Nationen vertreten – zusammen. So vielfältig und zahlreich die Herkunft der Migrant_innen ist, so dürftig ist die Quellenlage: Fehlende Archivierungspflicht und mangelndes historisches Bewusstsein führten und führen dazu, dass mit Ausnahme der jüngsten Vergangenheit kaum Archivalien zur Auswertung bereitstehen. Um ein umfassenderes Bild der Lebenswelten von Migrant_innen entstehen zu lassen, werden deshalb Zeitzeug_innen sowohl zu den Vereinigungen von als auch den Vereinen und Organisationen für Zuwanderer erforscht. Der methodische Ansatz vereinigt auf zwei Ebenen emische und etische Perspektive – zum einen in der Darstellung der Innensicht der Migrant_innen ebenso wie der Außensicht der Mehrheitsgesellschaft und zum anderen in Form der Zusammenarbeit mit dem migrantischen Forscher Fernando Biague. Zu den Forschungszielen gehören neben der Erfassung und Darstellung der Netzwerke auch die Schaffung von Quellen in audiovisueller Interviewform und, soweit möglich, die Archivierung von Dokumenten zur Migration.

Migrationsgeschichte: Neuland in Südtirol
Das Projekt „(Arbeits-)Migration in Südtirol“ widmet sich der Erforschung der Geschichte der Zuwanderung seit dem Zweiten Autonomiestatut. Damit wird erstmals die Geschichte jener „vierten Gruppe“ erzählt, die in der Geschichtsschreibung der an den drei Sprachgruppen orientierten Südtiroler Gesellschaft bisher weitgehend unsichtbar war.
Das Projekt steht unter der Leitung der Historiker Eva Pfanzelter und Dirk Rupnow vom Institut für Zeitgeschichte in Innsbruck. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Darstellung der Migration aus emischer und etischer Perspektive: Kurt Gritsch und Julia Tapfer beschäftigen sich in Zusammenarbeit mit dem migrantischen Forscher Fernando Biague von der Universität Padua mit der Darstellung von Vereinigungen von und für Migrant_innen.
 
Fragestellungen
Wie kann eine zeitgemäße Südtiroler Geschichte geschrieben werden, welche – unter Einbeziehung aktueller Debatten und Theorien – den Realitäten der heutigen Gesellschaft gerecht wird? Eine Gesellschaft, in der nicht zuletzt unter dem Einfluss von Migration das Konzept der drei Volksgruppen Deutsche, Italiener und Ladiner, auf die das Zweite Autonomiestatut angelegt war, aufzuweichen beginnt und neue Fragen aufgeworfen werden?
Ein Kernpunkt dieser Beschäftigung mit der noch relativ jungen Migrationsgeschichte – Zuwanderung nimmt in Südtirol erst ab Mitte der 1980er langsam Fahrt auf – wird die Suche nach Quellen sein. Weder gibt es ein eigenes Archiv der Migration, noch wurden migrationsrelevante Quellen in allgemeinen Archiven systematisiert und geordnet.
 
Von den „unsichtbaren“ Migrant_innen der 70er und 80er Jahre bis zur „badante“
Zuwanderung wird in Südtirol, das bis in die 1970er-Jahre selbst Auswanderungsland war, bis Mitte/Ende der 1980er-Jahre als „italienisches“ Thema, d. h. bezogen auf Bozen, Meran oder Leifers im Sinne eines „Stadtphänomens“, wahrgenommen. Ins Bewusstsein der deutschen Sprachgruppe tritt die Thematik vermehrt in den ausgehenden 1980er-Jahren in Form der „Marocchini“, vorwiegend aus dem Maghreb stammende Migranten, die u. a. als Erntehelfer oder Wanderhändler, so genannte „Teppichhändler“, arbeiten.
Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 setzt in der Folge eine beträchtliche Zuwanderung von erneut saisonalen Arbeitskräften aus Polen, der (damaligen) Tschechoslowakei und aus Ungarn, insbesondere in der Landwirtschaft, ein. Zugleich erreicht eine erste größere nationale Einwanderungswelle Italien und Südtirol, jene der Albaner, gefolgt von Flüchtlingen des Jugoslawien-Kriegs.
In den 1990er-Jahren steigt die im Vergleich mit den Nachbarländern niedrige Zahl von Ausländer_innen in Südtirol, vor allem durch die EU-Erweiterung. Die größte Gruppe bleibt jene aus Deutschland. Osteuropäer_innen wiederum finden meist in den Dörfern aufgrund guter Deutschkenntnisse rasch Arbeit im Gastgewerbe und in der Landwirtschaft, während sich Migrant_innen mit Referenzsprache Italienisch an den Städten orientieren. Damit teilt sich die Zuwanderung einerseits in Stadt-Land und andererseits hinsichtlich der Integration in die Südtiroler Gesellschaft in Italienisch-Deutsch.
Ab den 2000er-Jahren werden auch in Südtirol im Zuge sich verändernder gesellschaftlicher Verhältnisse zunehmend im Gesundheitswesen Arbeitskräfte gesucht. Die rumänische Krankenschwester, die „badante“ aus der Ukraine oder der polnische Altenpfleger sind nun keine Seltenheit mehr. Während im öffentlichen Dienst Fachpersonal aus aller Welt mit Arbeitsverträgen ausgestattet wird, werden private Altenpfleger_innen allerdings häufig illegal und zu schlechten Konditionen beschäftigt.
 
Migration als ethno-politisches Phänomen
Es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen der Migration nach Südtirol oder Österreich, der Einwanderung nach Bozen oder z. B. Innsbruck. Denn die Migrant_innen in Südtirol stellen das Autonomiestatut von 1972, das v. a. auf den zwei Pfeilern Zweisprachigkeit in allen öffentlichen Bereichen und ethnischer Proporz nach „Sprachgruppen-zugehörigkeitserklärung“ beruht, vor neue Herausforderungen. Wie sollte beispielsweise die Sprachgruppenzuordnung von Migrant_innen erfolgen? Durch Zuordnung zu einer der drei bestehenden Gruppen oder durch Schaffung einer vierten, den anderen gleichgestellten? Da das Autonomie-Modell aber weder Ausnahmen noch Mehrsprachigkeit vorsieht, bemühen sich die Sprachgruppen nun zunehmend um die Migrant_innen.
Südtirols Italiener erkannten recht bald die Bedeutung der Zuwanderer als Möglichkeit, den Rückgang der eigenen Sprachgruppe abzufedern. Die deutschsprachige Ethnie, die in jüngster Vergangenheit Einwanderer als potentielle Wähler entdeckt, reagierte erst, als das Thema Migration zum so genannten „volkstumspolitischen“ Argument avancierte: Die Bemühung um Einbeziehung von Migrant_innen in die deutsche Kultur oder die Integration von Migrantenkindern in die deutsche Schule erhielten dadurch einen wesentlichen Impuls.
Fakt ist, dass „der Migrant“ in Südtirol in nicht unbeträchtlichem Maße vor dem Hintergrund des Sprachgruppen-Modells des Zweiten Autonomiestatuts wahrgenommen wurde und wird. Eine davon losgelöste Sichtweise, die auf der Darstellung der Geschichte der Migration, der Migrant_innen und ihrer Netzwerke, also den Vereinen von und nicht nur für Migrant_innen, basiert, gehört neben der Generierung und Archivierung von Quellen zur Geschichte der Einwanderung in Südtirol zu den wesentlichen Zielen des Projekts „(Arbeits-)Migration in Südtirol“.