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Sarah Oberbichler: Medien und Migration: Argumentationsmuster im Migrationsdiskurs der Südtiroler Tageszeitungen ‚Dolomiten‘ und ‚Alto Adige‘ am Beispiel der illegal entstandenen Barackensiedlungen in Bozen zu Beginn der 1990er-Jahre

Bereits ein Blick in die Südtiroler Tageszeitungen zeigt, wie brisant und aktuell das Thema Migration für die Südtiroler Bevölkerung war und immer noch ist, auch wenn, oder besonders weil für die Provinz Bozen Migration ein relativ junges Phänomen ist. Südtirol war bis in die 1970er-Jahre ein reines Auswanderungsland, vor allem aus ökonomischen Gründen, aber auch aus politischen. Erst mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Konjunktur und der Stabilisierung des Arbeitsmarktes kam es in den 1990er-Jahren zu einer Intensivierung der Einwanderung, motiviert durch soziale Sicherheit und Arbeit. Die fortlaufende Zunahme an Migrant/innen machte sich insbesondere in der Provinzhauptstadt Bozen bemerkt - eine Stadt, die auf die Intensivierung der Zuwanderung jedoch nicht vorbereitet war. Aber nicht fehlende Arbeit, sondern ein Mangel an Wohnungen bereiteten der Stadt in der frühen Phase der Einwanderung die größten Probleme. Provisorische Barackenlager, wie jene an der Rombrücke, am linken Eisackufer oder in der Bozner Industriezone wurden für die Migrant/innen, die vor allem aus Tunesien und Marokko kamen, zu Notunterkünften, ohne Wasser, Strom oder Heizung. Nur wenige fanden in Heimen wie das ehemalige Saetta-Gebäude oder die ehemalige Uhrenfabrik Zanardi Platz.

Die Stadt Bozen zeigte sich mit der Problematik überfordert, die Lager wurden geschlossen und geräumt, während sich anderorts bereits neue bildeten. Konkrete Maßnahmen seitens der Regierung gab es indes keine und Vorschläge des Bozner Bürgermeisters, Marcello Ferrari, leere Wohnungen für die Migrant/innen zu requirieren, scheiterten am Protest der Bevölkerung. Die einzige Wohnmöglichkeit für viele Einwanderer blieb das provisorische Lager, das in der lokalen Presse stets für negative Meldungen sorgte. Kriminalität, Drogenhandel und die unerträglichen hygienischen Zustände in den Barackenlagern waren vorherrschende Themen in den Südtiroler Tageszeitungen, die über ein „menschenunwürdiges Dasein in unhygienischen Barackenlagern am Bozner Boden“ und von einem „Leben zwischen Müll und Ratten, Vergessen und Hoffen“ schrieben. Es waren Berichterstattungen dieser Art und die fast täglichen vorkommenden Berichte über Kriminalität und Drogenhandel in den Lagern, die das Bild der Migrant/innen in Bozen zu Beginn der 1990er-Jahre prägten und zur Stereotypisierung und Stigmatisierung beitrugen.
 
Im Mittelpunkt des Beitrages steht somit die Wahrnehmung der Bozner Barackenlager durch die italienischsprachige „Alto Adige“ und die deutschsprachige „Dolomiten“. Es sind die auflagenstärksten Zeitungen in Südtirol, aber auch dienen sie als Repräsentanten für die jeweiligen Sprachgruppen (Deutsch, Italienisch und Ladinisch) in Südtirol. Denn so wie es in Südtirol keine Gesamtgesellschaft gibt, sondern voneinander getrennte Subgesellschaften, so informieren auch die Medien nicht die Gesamtbevölkerung, sondern die jeweiligen Subgesellschaften. Auch berichten beide Zeitungen aus einer ethnozentrischen Perspektive, was sich auch im Migrationsdiskurs zeigt.
 
Gegenstand der Forschung ist deshalb der Vergleich der Berichterstattungen und der Leserbriefe beider Tageszeitungen über die Barackenlager in Bozen in den frühen 1990er-Jahren. Mittels qualitativer und quantitativer Medienanalyse wird ein Zugang zu den Artikeln der „Alto Adige“ und „Dolomiten“ zum Thema geschaffen, der die Beantwortung der Forschungsfragen zulässt. Welche Themen, welche Argumentationen herrschen in den im „Lager-Diskurs“ vor? Gibt es auch im Migrationsdiskurs ethnische Sprech- und Argumentationsmuster? Wo gibt es Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Gibt es prototypische Argumente für die jeweilige Sprachgruppe? Inwiefern fühlen sich die Sprachgruppen durch die „neue“ Minderheit, wie Migrant/innen in Südtirol genannt werden, bedroht? Oder entsteht durch die Abgrenzung zur Migrationsgesellschaft sogar ein „Wir-Gefühl“ zwischen der italienischen und deutschen Sprachgruppe?