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Sabine Hofmann-Reiter: Zeitverständnis am Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe. Ergebnisse einer empirischen Studie

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Zeitrechnung, Urzeit, Zeitgeschichte, Zeitgeist, Zeitzone, Schulzeit, Zeitzeuge, Zeitmaschine, Kaiserzeit, Barockzeit, Zeitzünder, Zeitgenosse, Zeitpunkt, Römerzeit, Jahreszeit, Zeitstrahl, Notzeiten, Amtszeit, Lebenszeit, Auszeit, Zeitvergleich - diese Begriffsreihe ließe sich beliebig fortsetzen. So wie diese Begriffe sind auch die Redewendungen zum Begriff Zeit zahlreich: Zeit heilt alle Wunden, Zeit schinden, Zeit stehlen, Zeit ist Geld, Zeit sparen etc.

Zeit begleitet den Menschen durch sein Dasein. Doch wie ist sie zu definieren, wie verstehen Kinder, Jugendliche und Erwachsene diesen Begriff? Ab wann kann ein differenziertes Zeitverständnis bei Kindern vorausgesetzt werden? Was bedeutet gestern - heute - morgen -
vor hundert Jahren für Schüler und Schülerinnen? Ist ihnen klar, wie lange 10.000 Jahredauern? Wieso kann in Schulbüchern davon ausgegangen werden, dass die Zeitangabe vor15.000 Jahren von Zwölfjährigen nachvollzogen werden kann?

Unterrichtskonzepte für das Fach Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung gehen davon aus, dass Schüler/innen bereits Zeitkonzepte entwickelt haben. Schulbücher für die Sekundarstufe I arbeiten mit verschiedensten Zeitbegriffen und setzen dabei bereits ein differenziertes Verständnis voraus.

Die durchgeführte Studie beschäftigte sich mit den Zeitkonzepten, die Schüler/innen vor Beginn des Fachunterrichts Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung in der Sekundarstufe I entwickelt haben. Die Untersuchung warf einerseits die Forschungsfrage nach
den Zeitkonzepten auf, über die Schüler/innen am Beginn des Fachunterrichts in der 6. Schulstufe verfügen, andererseits wurde in weiterer Folge der Frage nachgegangen, wie weit Vorstellungen zum Konzept Zeit von Schüler/innen der 6. Schulstufe von jenen Konzepten differieren, die im Anfänger/innenunterricht der Sekundarstufe I im Fach Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung vorausgesetzt werden. Dabei wurde im Rahmen der Untersuchung von der These ausgegangen, dass der Fachunterricht bei allen Schüler/innen der Sekundarstufe I ein einheitliches Konzept von Zeit voraussetzt, ohne dies ausreichend zu didaktisieren, dieses vermutete Konzept Zeit aber beträchtlich von den Zeitkonzepten der Schüler/innen differiert. So nehmen approbierte Schulbücher für Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung der 6. Schulstufe ein bereits entwickeltes differenziertes Zeitkonzept an, das mit den individuellen Zeitkonzepten der Schüler/innen nicht kongruent ist.

Die Untersuchung beschäftigte sich ebenso mit der Frage, ob das Vorwissen zum Konzept Zeit im Anfänger/innenunterricht Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung aktiviert bzw. in die Didaktisierung unter der Annahme mit einbezogen wird, dass es zum Anbahnen
von formalen Zeitkonzepten (u. a. christliche Zeitrechnung, Epocheneinteilung, Jahrhunderte) des historischen Denkens Maßnahmen der Differenzierung und Individualisierung bedarf.

Im Fokus der Untersuchung standen die Verstehensprozesse und Konzeptbildungen von Schüler/innen zu Zeit, mit dem Ziel, die entwickelten Orientierungs- und Deutungsstrategien für den Unterricht transparenter darzustellen1, damit will die Studie einen Beitrag dazu leisten, konkrete Schüler/innengruppen mit den Ergebnissen der Untersuchung in Verbindung zu setzen und Lehrpersonen anregen, eine differenziertere Sichtweise das Konzept Zeit auf ihre Schulklasse bezogen zu entwickeln.2

In einem ersten Schritt wurde anhand des österreichischen Lehrplans für den Fachunterricht Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung der Sekundarstufe I und einer Schulbuchanalyse der Einführungsteile der im Jahr 2010/11 zugelassenen Lehrbücher für die
6. Schulstufe im Fachunterricht Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung eine Status quo Analyse vorgenommen.

Im zweiten Teil der 2012/13 durchgeführten empirischen, qualitativen Studie wurden Daten systematisch erhoben, ausgewertet, interpretiert und an der Wirklichkeit überprüft, die Auskunft über die individuell entwickelten Zeitkonzepte bei Schüler/innen im Anfangsunterricht des Unterrichtsgegenstands Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung in der Sekundarstufe geben könnten.

Als Stichprobenumfang dieser Studie wurde für die Erhebung eine fiktive Wiener Schulklasse mit der Klassenschüler/innenzahl 25 ermittelt. Im Rahmen einer Querschnittuntersuchung wurde diese Zahl an Proband/innen zu dem Zeitpunkt untersucht, an dem sie am Beginn des Unterrichts im Fachgegenstand Geschichte und Sozialkunde/ Politische Bildung standen. Um einen Querschnitt durch die Schüler/innenpopulation Wiens zu erreichen, wurde als Grundgesamtheit der für die Befragung herangezogenen Proband/innen die Zahl der Schüler/innen definiert, die im Schuljahr 2009/10 eine 5. Schulstufe einer Hauptschule, einer Kooperativen oder Neuen Mittelschule oder die Unterstufe einer Allgemeinbildenden Höheren Schule besuchten. Alle Befragten wurden im Jahr 2000 geboren und waren zum Zeitpunkt der Befragung zehn bzw. elf Jahre alt. Die Daten basieren auf einer Veröffentlichung der Statistik Austria aus dem Jahr 2011.3 Die Klassenschüler/innenzahl wurde mit 25 festgelegt, da dies derzeit den Empfehlungen des Bundesministeriums für Unterricht in Österreich, die Gesamtschüler/innenanzahl pro Schulklasse betreffend, entspricht.

Das Ziel der Analyse war es, unter Verwendung von qualitativen Interviews, kindliche Denkweisen, Perspektiven, Modelle und Konzepte zu Zeit kennen zu lernen und individuelle Erklärungen einzufordern, um damit eine empirische Grundlage für fachdidaktisches Handeln im Zusammenhang mit dem Konzept Zeit im Geschichtsunterricht zu generieren.

Im Zuge der qualitativen Inhaltsanalyse wurde eine interviewübergreifende Interpretation, bei der Deutungs- und Erklärungsmuster mehrerer Proband/innen gegenübergestellt wurden, vorgenommen. Im Anschluss daran wurden die Aussagen der Proband/innen den Zeitkonzepten gegenüber gestellt, die in den analysierten Schulbüchern herausgearbeitet wurden. Auf eine interviewimmanente Analyse der Interviews wurde verzichtet, da es für die Beantwortung der Forschungsfragen bedeutsamer erschien, die Aussagen der Proband/innen in den jeweiligen Interviews zu verknüpfen und die Forschungsfragen und Thesen hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu überprüfen.4

Die Erhebung erfolgte an Schüler/innen des Geburtsjahres 2000, die zum Zeitpunkt der Untersuchung 10 bzw. 11 Jahre alt waren und sich am Ende der 5. Schulstufe, also am Ende der ersten Klasse der Sekundarstufe I (Untersuchungszeitraum Juni 2011) oder am Beginn der 6. Schulstufe der Sekundarstufe I, also am Beginn der zweiten Klasse (Untersuchungszeitraum September 2011) befanden. Die befragten Schüler/innen erhielten zu diesem Zeitpunkt noch keinen Unterricht im Fachgegenstand Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung.

Mit der vorliegenden empirisch gestützten Studie zum Zeitkonzept im Anfänger/innenunterricht der Sekundarstufe I könnten Akzente für die Weiterentwicklung der Geschichtsdidaktik gesetzt werden. Der Bedarf scheint hoch, Methoden für eine qualitative Diagnostik im Bereich des Zeitkonzepts zu entwickeln, „um mehr individuelle Möglichkeiten und Bedarfe für weiteres Lernen und Nachdenken und der Förderung“5 aufzuzeigen.

1 vgl. Lange (2008) S. 39f
2 vgl. Kühberger (2013) S. 4
3 vgl. http://www.statistik.at/web_de/statistiken/bildung_und_kultur/formales_bildungswesen/schulen_schulbesuch/ind
ex ./ html schuelerinnen_und_schueler_200910_insgesamt_nach_detaillierten_ausbildungs_029641.pdf; letzter
Zugriff 18.2.2015
4 vgl. Lamnek (2005) S. 403f.
5 Körber, Meyer-Hamme, Schreiber (2007) S. 503