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Georg Schinko: Musizieren und Singen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit (Österreich 1918–1938)

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Zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts fanden in Österreich (wie auch in anderen Ländern) tiefgreifende Veränderungen der Organisation von Arbeit statt. Die Neubestimmung von Arbeit umfasste u.a. die juristische Kodifizierung und soziale Absicherung bestimmter Arbeitsformen, die Konstruktion sowohl von Arbeitsmärkten als auch von Arbeitslosigkeit durch Arbeitsvermittlungen, und die Durchsetzung von beruflicher Erwerbsarbeit als Idealzustand des Arbeitens. Gleichzeitig veränderten sich auch die Praktiken des Musizierens und Singens (in Folge kurz: Musizieren) aufgrund einer Vielzahl an Entwicklungen. Die Ausweitung bzw. Entdeckung von Freizeit im Rahmen sich ausbreitender Lohnarbeitsverhältnisse ermöglichte großen Bevölkerungsgruppen sowohl das aktive Musizieren als auch die Rolle als Publikum bei musikalischen Auftritten. Die Entstehung von Massenkultur sowie einer eigenen Unterhaltungsindustrie boten bestimmten Gruppen von MusikerInnen neue Möglichkeiten, durch Musizieren den Lebensunterhalt zu bestreiten. Gleichzeitig wurde Musizieren in ökonomisch schlechten Zeiten von Vielen als Not-Unterhalt genutzt.
 
All diese Prozesse verliefen nicht linear oder eindeutig. Die Geschichte unterschiedlicher Arbeitsformen des Musizierens ist immer auch eine Geschichte der Auseinandersetzungen darüber, was Arbeit/Beruf/Erwerb (und entsprechend auch Nicht-Arbeit/Nicht-Beruf/Nicht-Erwerb) war, und welche Bedeutung sie haben sollten. Wer ein Berufsmusiker war und wer nicht, wer legitimiert war durch Musizieren seinen Lebensunterhalt zu verdienen, waren stets umkämpfte Fragen. Diese Perspektive, Arbeit und Musizieren über Differenzierungen und Auseinandersetzungen zu verstehen, ist Ausgangspunkt meiner Forschung.
 
Die Dissertation untersucht spezifische Tätigkeiten – Musizieren und Singen - danach, in welchen Arbeits- und Nichtarbeitsformen sie zwischen 1918 und 1938 in Österreich praktiziert (d.h. organisiert, beschrieben, ausgeübt) wurden, und welche Auseinandersetzungen sich aus diesen unterschiedlichen Praktiken des Musizierens ergaben. Diese Untersuchung erweitert unser Verständnis nicht nur darüber, wie musiziert wurde, sondern vor allem auch darüber, welche Inhalte zentrale Arbeits-Begriffe wie Beruf oder Erwerb bezüglich einer spezifischen Tätigkeit annehmen konnten und wie diese konstruiert wurden. Die Tätigkeit des Musizierens ist für eine derartige Untersuchung sehr gut geeignet, weil sie in den unterschiedlichsten Arbeitsformen ausgeübt wurde: Als Beruf und Nicht-Beruf, als Erwerb und unentgeltlich, kontinuierlich oder fallweise etc. Darüber hinaus erweitert meine Untersuchung die Geschichte der Arbeit – die sich bislang nur wenig mit Tätigkeiten der Unterhaltung oder der Kunst befasste – um einen wichtigen Aspekt.
 
Zur Untersuchung der Fragestellung wurde eine Reihe von Quellen verwendet, die teilweise für arbeits- oder musikhistorische Forschungen noch nicht nutzbar gemacht wurden. Hauptkriterium der Quellenerhebung war die Fokussierung auf Streit- und Grenzfälle zwischen unterschiedlichen Arbeitsformen. Damit fanden diverse Quellen wie Gesetzestexte, parlamentarische Debatten, Druckwerke von Interessensvertretungen von MusikerInnen, Musikerberechtigungsscheine, Produktions- und Bettelmusiklizenzen, arbeitsgerichtliche Entscheidungen und Tageszeitungen Eingang in meine Untersuchung. Den Hauptteil der Untersuchung bildet allerdings ein systematischer Vergleich einer Sammlung von autobiographischen Erzählungen von MusikerInnen. In diesen Erzählungen werden die Perspektiven auf und Praktiken des Musizierens der jeweiligen Person sichtbar. Dabei werden die Erzählungen nicht als Ansammlung biographischer Informationen verstanden, sondern das Erzählen als eigene Praktik der Positionierung in einem Raum des Musizierens aufgefasst. Um die unterschiedlichen Erzählpraktiken aufeinander beziehen zu können, wurde eine Auswahl von 49 autobiographischen Erzählungen systematisch miteinander verglichen. Der systematische Vergleich der Erzählungen erfolgte mittels der Methode der Multiplen Korrespondenzanalyse. In einem ersten Schritt wurden die Erzählungen nach 398 Fragen mit 973 Antwortmöglichkeiten kategorisiert und so eine Vielzahl von Informationen über die konkrete Erzählpraktik generiert. Diese Fragen und deren Antwortmöglichkeiten wurden in Folge mittels der Korrespondenzanalyse analysiert. Ergebnis war eine geometrische Darstellung, in der Kontraste zwischen Erzählpraktiken sichtbar gemacht wurden. Ziel der Analyse war die Herausarbeitung und Benennung der wichtigsten Prinzipien, nach denen die Erzählpraktiken variieren, wobei die anfangs erhobenen Quellen sowie Sekundärliteratur zur Kontextualisierung der Ergebnisse eingesetzt wurden.
 
In meinem Referat werden vor allem die Ergebnisse dieses systematischen Vergleichs präsentiert. Als wichtigste Differenzierungsprinzipien haben sich die zentralen Referenzen von Kunst und Beruf herausgestellt. Diese werden im Kontext des Untersuchungszeitraums charakterisiert und die sich daraus ergebenden wichtigsten Musizierformen und deren Konflikte beschrieben.

1. Die Dissertation fand im Rahmen des Forschungsprojektes „Production of Work“ statt, welches von Sigrid Wadauer geleitet und vom European Research Council, ERC grant agreement 200918, sowie vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Projekt Y367-G14, unterstützt wurde. Sie wird in den nächsten Monaten zur Fertigstellung gelangen.