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Inhalt:

Michael Pammer: »Die Diphtherie in den im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern in den Jahren 1880 bis 1912«, Geschichte und Region/Storia e regione 14/1 (2005), 70-89.

Abstract: Im 19. Jahrhundert entwickelte sich nach der Eindämmung der Pocken durch die Vaccination die Diphtherie zur gefährlichsten Kinderkrankheit, auf die gut ein Zehntel aller Todesfälle unter Kindern zurückging. Die Situation änderte sich grundlegend nach 1894, da nun nach der Erfindung der Passivimmunisierung durch Emil Behring eine effektive Therapie nach Ausbruch einer Diphtherieerkrankung zur Verfügung stand. Die Passivimmunisierung setzte sich binnen weniger Jahre durch, die Sterblichkeit durch Diphtherie sank auf etwa ein Sechstel der Werte der frühen achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Die Diphtheriesterblichkeit hing aber nicht ausschließlich von der Verbreitung der Passivimmunisierung ab, sondern wies auch unabhängig davon eine hohe zeitliche und regionale Variabilität auf. Fraglich ist somit, welche Faktoren die Häufigkeit von Diphtherietodesfällen bestimmten. Folgende Hypothesen werden getestet:
1. Die Passivimmunisierung hat zwar aufgrund administrativer Schwierigkeiten nicht einen schlagartigen Rückgang der Sterbezahlen zur Folge gehabt, wohl aber einen Rückgang innerhalb weniger Jahre.
2. Eine höhere Bevölkerungsdichte führte vor und nach 1894 ceteris paribus auch zu höheren Sterbezahlen, weil die Ausbreitung einer Infektionskrankheit in dichter besiedelten Gebieten leichter erfolgt.
3. Gebiete mit schlechterer ärztlicher Versorgung hatten vor und nach 1894 ceteris paribus höhere Sterbezahlen, weil die wichtigsten Behandlungsformen (Luftröhrenschnitt, Seruminjektion) zu jedem Zeitpunkt einen Arzt erforderten.
3.a Städtische Gebiete waren daher im Vorteil, weil in Städten die ärztliche Versorgung besser war.
3.b Unter den ländlichen Gebieten waren großräumig und dünn besiedelte Gebiete im Nachteil, weil eine effektive Behandlung der Diphtherie möglichst bald nach Ausbruch der Krankheit zu erfolgen hat und große Entfernungen tendenziell zu Verzögerungen führen.
4. Die Häufigkeit von Diphtherietodesfällen war in jenen Gebieten höher, in denen auch die sonstige Kindersterblichkeit höher war, weil die sonstige Kindersterblichkeit zu einem großen Teil auf andere Infektionskrankheiten zurückging und Übertragungsweisen und Erkrankungsrisiken für diese Krankheiten meist ähnlich sind.
5. Die Häufigkeit von Diphtherietodesfällen folgte über die genannten Faktoren hinaus regionalen Mustern, weil sich Regionen hinsichtlich ihres allgemeinen Entwicklungsstandes, aber auch hinsichtlich ihrer Umweltbedingungen voneinander unterschieden und sich die sonstigen Faktoren daher regional in spezifischer Weise auswirkten.
Diese Thesen werden anhand von Daten der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder aus den Jahren 1880 bis 1912 untersucht. Die Erhebung erfolgte auf der Ebene der politischen Bezirke jeweils mit Jahresdaten. Verwendet wurden die Sterbezahlen der Diphtherietoten, die Zahlen zur Kindersterblichkeit, die Geburtenzahlen und die Flächenzahlen der Bezirke. Eingeschlossen sind alle Länder mit allen Bezirken des jeweiligen Jahres. Die Analyse erfolgt auf der Grundlage eines gepoolten Datensatzes mit allen Jahreswerten aller Bezirke. Für einige Prozeduren werden nur Teile des Datensatzes verwendet. Einige wesentliche Variablen wie die Zahlen der Ärzte sind im Datensatz noch nicht

Ergebnisse:
These 1: Die Diphtheriesterbezahlen sind bereits vor der Einführung der Passivimmunisierung leicht zurückgegangen, danach für einige Jahre weitaus stärker, bis sie auf einem viel niedrigeren Niveau als zuvor stagnierten.
These 2: Die Bevölkerungsdichte hatte keinen einheitlichen Effekt auf die Diphtheriesterbezahlen. In dichter besiedelten ländlichen Gebieten waren die Sterbezahlen höher als in weniger dicht besiedelten Gebieten. In städtischen Gebieten spielte die Siedlungsdichte wahrscheinlich keine Rolle.
These 3: Die These kann vorläufig nur mit Näherungsvariablen geprüft werden, da die Ärztezahlen noch nicht verfügbar sind. Die Ergebnisse deuten darauf hin, daß eine bessere ärztliche Versorgung zumeist niedrigere Sterbezahlen zur Folge hatte.
These 3a: Die Diphtheriesterblichkeit war in Städten vor 1894 ceteris paribus wahrscheinlich niedriger, nach 1894 läßt sich ein solcher Zusammenhang vorläufig nicht behaupten.
These 3b: Großflächige Gebiete waren bei der Bekämpfung der Diphtherie im Nachteil und hatten daher ceteris paribus höhere Sterbezahlen.
These 4: Ein Zusammenhang zwischen der Diphtheriesterblichkeit und der sonstigen Kindersterblichkeit ist nicht festzustellen.
These 5: Über die sonstigen Faktoren hinaus bestanden klare regionale Unterschiede in der Häufigkeit von Diphtherietodesfällen. Regionale Unterschiede lassen sich selbst im Vergleich der Kronländer feststellen, bei schärferer, kleinräumiger Definition von Regionen umso mehr.