Interview mit Frau Dr.in Martina Beham -Rabanser

Herausforderungen für Familien in Coronazeiten

Podium Eltern-Karenz-Forum

Julia Semper: Liebe Frau Beham-Rabanser, Sie und Ihre Kolleg*innen beschäftigen sich in Ihrer Forschung intensiv mit dem Thema der Coronakrise und ihre Auswirkungen auf Kinder und Familien.

JS: Wie erleben Kinder die Corona-Krise Ihrer Erfahrung nach?

BR: Bilder aus Krankenhäusern und Intensivstationen, in denen Ärzt*innen und Pfleger*innen in Schutzanzügen und mit Atemmasken zu sehen sind, die Schließung von Kindergärten und Schulen oder Berichte, dass viele alte Menschen erkranken und sterben, können insbesondere bei jüngeren Kindern Ängste auslösen. Eltern oder andere Bezugspersonen in ihrem Umfeld sind hier ganz besonders gefordert, Kinder mit diesen Bildern und Meldungen nicht alleine zu lassen. Gerade Kinder im Volksschulalter brauchen Erwachsene, die ihnen helfen, die aktuelle Situation und die damit verbundenen Veränderungen richtig einzuordnen, die angepasst an das Alter der Kinder einfühlsam auf ihre Fragen, Ängste und Sorgen eingehen.

JS: Was würde es Ihrer Meinung nach benötigen, damit sich die Situation für Familien leichter organisieren lässt?

BR: Familien brauchen einerseits Flexibilität. Wenn wir an die Situation im zweiten Lockdown denken, so brauchen Familien die Möglichkeit zur Betreuung in Kindergärten, Schulen und Horten – auch flexibel und kurzfristig, angepasst an beruflichen und familiären Herausforderungen. Die Erweiterung vom Notbetrieb für Eltern in systemkritischen Berufen im ersten Lockdown zum Angebot für alle Eltern, die diese Betreuung brauchen im jetzigen zweiten Lockdown ist hier ein wichtiges Gebot der Stunde.

Gefragt ist weiters Sensibilität seitens der Unternehmen: Familienfreundlichkeit zeigt sich gerade auch jetzt in der Krise, wenn Arbeitgeber*innen und Vorgesetzte Verständnis und Offenheit zeigen und Sonderbetreuungszeiten flexibel auch dann in Anspruch genommen werden können, wenn Mitarbeiter*innen Auszeiten brauchen, um ihre Kinder im Falle von nicht coronabedingten Erkrankungen zu betreuen.

JS: Wie wirkt sich die Coronakrise auf die Situation von berufstätigen Frauen aus?

BR: Die Corona-Krise macht Problembereiche und Ungleichheiten, die es auch vor Corona gab, deutlicher. In der Krise sind es – wie auch zuvor – in der Regel die Frauen, die den Hauptpart der Betreuung und Fürsorge in den Familien übernehmen und dafür Sorge tragen, dass Familienalltag auch unter diesen schwierigen Bedingungen einigermaßen funktioniert. Es sind daher wieder die Mütter, die in der Zeit des Lockdowns noch mehr als Väter zu spüren bekommen, dass sich Homeoffice schlecht mit gleichzeitigem Homelearning der Kinder verträgt, und dass Überstunden und Urlaubssperre in systemrelevanten Berufen mit Unterstützung der Kinder beim Homelearning nicht zusammenpassen, wie auch wir am Institut für Soziologie in eigenen Forschungsarbeiten feststellen konnten.

JS: Was macht die ganze Situation mit der nächsten Generation?

BR: Junge Menschen am Wendepunkt zu einem neuen Lebensabschnitt, wie den Auszug aus dem Elternhaus, am Beginn eines Studiums, der ersten gemeinsamen Wohnung mit Partner*in trifft die Krise besonders hart. Es ist ein hohes Maß an Rücksichtnahme, das von ihnen erwartet wird – und das seit Monaten als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Die Coronakrise fordert jungen Menschen viel ab, emotional, aber auch wirtschaftlich. Wie schon die Finanzkrise droht auch die Corona-Krise langfristig auf Kosten der jungen Menschen, der heute unter 25-Jährigen zu gehen. Die spezifischen Risiken, die mit der Pandemie für Kinder und junge Menschen einhergehen, dürfen nicht länger ausgeblendet bleiben, sondern es braucht  politische Entscheidungen, die diese im Blick haben, wenn die nächste Generation langfristig nicht zu den Verlierer*innen der Krise gehören soll.

JS: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Frau Dr.in Martina Beham-Rabanser ist Familiensoziologin und arbeitet am Institut für Sozologie an der Abteilung für empirische Sozialforschung an der JKU.

NEWS 21.12.2020