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Die Politische Ökonomie der Wettbewerbsfähigkeit und Handelsoffenheit

Eine Analyse der vielschichtigen Dynamiken globaler wirtschaftlicher Integration.

Die im Rahmen des Jubiläumsfonds-Projekts „Die Politische Ökonomie der Wettbewerbsfähigkeit und Handelsoffenheit“ erzielten Ergebnisse dokumentieren eine Verschärfung des Standortwettbewerbs innerhalb Europas und bringen diesen mit einer wachsenden strukturellen Polarisierung der europäischen Staaten in Verbindung. Die wachsende ökonomische Integration Europas fungiert aktuell nicht als die gewünschte „Konvergenzmaschine“, sondern trägt im Gegenteil zu einem strukturellen Auseinanderdriften der Mitgliedsstaaten bei. Diese strukturelle Polarisierung war vor der Finanzkrise in häufig verwendeten makroökonomischen Indikatoren – mit Ausnahme der Leistungsbilanzen – nicht erkennbar, da die strukturelle Polarisierung Europas durch die Herausbildung unterschiedlicher Wachstumsmodelle kurzfristig kompensiert werden konnte.

Unterschiede in der institutionellen und rechtlichen Einbettung (etwa in den Bereichen des Steuer- und Unternehmensrechts, des Arbeitsmarkts oder des Finanzsektors) und bei den technologischen Kapazitäten sind ein wesentlicher Treiber für die Polarisierungstendenzen. Diese Unterschiede haben bereits vor der Finanzkrise zugenommen und zeigen damit langfristige Tendenzen des europäischen Standortwettbewerbs auf. Seit der Finanzkrise und insbesondere durch den damit verbundenen Zusammenbruch des privatverschuldungs-getriebenen Wachstumsmodells der südlichen Euroländer haben sich diese Polarisierungstendenzen weiter verschärft.

Projektdetails

Das Projekt wurde durch den Jubiläumsfond der Österreichischen Nationalbank unter der Fördernummer 17383 finanziert.

Projektleitung

Dr. Jakob Kapeller

Projektmitarbeit

Matthias Aistleitner
Claudius Gräbner
Philipp Heimberger
Bernhard Schütz
Florian Springholz

Projektdauer

04/2017-07/2019

Die Polarisierungsprozesse in Europa sind eng mit der Entstehung unterschiedlicher Wachstumsmodelle in der EU verknüpft, vor allem einem export-getriebenen Wachstumsmodell, das vor allem Kernländer wie Deutschland oder Österreich verfolgen, und einem (privat)verschuldungs-getriebenen Wachstumsmodell, das vor allem in der südlichen Peripherie eine große Bedeutung hat. Beide Modelle können als Reaktion auf die steigende Einkommensungleichheit und den damit einhergehenden Abwärtsdruck auf die aggregierte Nachfrage verstanden werden. Das verschuldungsgetriebene Wachstumsmodell erlitt durch die Krise einen Bruch, und die betroffenen Länder haben es im Rahmen des europäischen Institutionengefüges schwer, ein neues, langfristig tragfähiges Wachstumsmodell zu entwickeln.

Neben der Identifikation unterschiedlicher Wachstumsmodelle konnte ein Polarisierungsprozess auf Ebene der nationalen Produktionsstrukturen diagnostiziert werden: Firmen in den Kernländern haben im Gegensatz zu den Firmen in der Peripherie ein deutlich größeres Maß an technologischen Kapazitäten akkumuliert und weisen daher die für ein exportgetriebenes Wachstumsmodell notwendigen Wettbewerbsvorteile auf der Ebene nicht-preislicher Wettbewerbsfaktoren auf. Die Akkumulation technologischer Kapazitäten ist ein pfadabhängiger Prozess – zugleich gelten technologische Kapazitäten als wichtiger Prädiktor für das langfristige Entwicklungspotential einzelner Volkswirtschaften. Eine sozio-ökonomische Konvergenz zwischen den EU-Mitgliedsländern wird sich daher nicht von selbst einstellen.

Vor diesem Hintergrund scheint ein weiteres Auseinanderdriften der ökonomischen Entwicklungspfade ohne ein koordiniertes wirtschaftspolitisches Einschreiten unvermeidbar. Denn die großen Unterschiede in den Produktionsstrukturen der EU-Länder und die damit verbundene höchst ungleiche Verteilung technologischer Kapazitäten haben selbstverstärkenden Charakter und werden die Polarisierung weiter verschärfen. Vielmehr sind koordinierte Maßnahmen in verschiedenen Politikbereichen – insbesondere in der Lohn-, Geld-, Fiskal- und Industriepolitik – von zentraler Bedeutung, um eine langfristig erfolgreiche wirtschaftliche Basis für den gemeinsamen europäischen Wirtschafts- und Währungsraum zu schaffen und der strukturellen Polarisierung wirksam entgegen zu treten.

Eine zunehmende Integration des europäischen Binnenmarktes ist für sich dagegen nicht geeignet, eine Konvergenz in Europa herbeizuführen: Die steigende wirtschaftliche Integration wirkt auf verschiedene Ländergruppen sehr unterschiedlich. Auf Basis ihrer Reaktion auf steigende ökonomische Offenheit konnten wir vier Ländergruppen identifizieren: die zentraleuropäischen Kernländer (Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Deutschland und Schweden), ein vor allem in Südeuropa angesiedelte Gruppe von Peripheriestaaten (Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal, Spanien und Zypern), Europas finanziellen Zentren (Luxemburg, Niederlande, Malta und Irland) und den vor allem in Osteuropa gelegenen Catch-Up Staaten (Bulgarien, Rumänien, Tschechien, Estland, Lettland, Litauen, Ungarn, Polen, Slowenien und Slowakei). Während die Auswirkungen wachsender Offenheit innerhalb der Gruppen ähnlich ist, gibt es insbesondere gravierende Unterschiede zwischen den Gruppen.

Auch im Hinblick auf die Faktoren, auf denen europäische Länder ihre Exportstrategie aufbauen, finden sich erhebliche Unterschiede, die interessanterweise zu einer ähnlichen Länderklassifikation führen. Es zeigt sich, dass in Europa aktuell sechs verschiedene ‚Handelsmodelle‘ koexistieren: Ein auf den ersten Sektor fokussiertes Primärgütermodell (Lettland und Estland); ein durch geringe Löhne aber einen wachsenden Industriesektor gekennzeichnete industrielles Werkbankmodell (Slowenien, Polen, die Slowakei, Ungarn und Tschechien); ein durch hohe Löhne und ein hohes Maß technologischer Fähigkeiten gekennzeichnetes High-Tech Modell (Österreich, Schweden, Dänemark, die Niederlande, Belgien, Irland, Finnland, und Deutschland); das technologisch an Boden verlierende und durch steigende Ungleichheit gekennzeichnete Peripherie-Modell (Portugal, Spanien, Frankreich, Italien und Griechenland); und zwei sehr spezielle und auf Deregulierung ausgerichtete Modelle in Luxemburg (starker Finanzsektor und Steueroase) und Großbritannien (deregulierter Arbeitsmarkt mit hoher Ungleichheit).

Es zeigt sich, dass diese Modelle mit unterschiedlichen Konsequenzen für (1) Wachstum und Beschäftigung, (2) Handelsperformance und (3) sozio-ökonomische Ungleichheit einhergehen. Das High-Tech Modell sticht hervor, weil es seine internationale Wettbewerbsfähigkeit bei gleichzeitig stabiler wirtschaftlicher Entwicklung und vor allem leicht fallender Ungleichheit sichert – eine einzigartige Kombination, die auch bei Verwendung diverser methodischer Verfahren wiederholt hervorsticht.

Bei der genaueren Analyse der entscheidenden Erfolgsfaktoren im internationalen Wettbewerb zeigt sich, dass es innerhalb Europas vor allem die „nicht-preisliche Wettbewerbsfähigkeit“ ist, die über den Erfolg im internationalen Wettbewerb entscheidet – vor allem bei komplexeren und für die sozio-ökonomische Entwicklung eines Landes besonders zentralen Produkten. Diese Ergebnisse weisen unmittelbare Politikrelevanz auf, da sie geeignet sind, das häufig vorherrschende Narrativ der alternativlosen Austeritäts- und Lohnzurückhaltungspolitik in Frage stellen.

Im Zuge einer ausführlichen Auseinandersetzung mit den methodischen Grundlagen der ökonomischen Forschung zu steigender Offenheit wurden im Rahmen dieses Projekts mehr als 20 Indikatoren für ökonomische Offenheit in einem Datensatz zusammengeführt und anhand der Dimensionen de facto, de jure, reale, finanzielle und Hybrid Indikatoren kategorisiert. Eine Korrelationsanalyse zeigt, dass diese Indikatoren unterschiedliche Dimensionen ökonomischer Offenheit messen und die Wahl der Indikatoren zu substanziell unterschiedlichen Ergebnissen in der empirischen Forschung führen kann. Eine explizite Begründung der verwendeten Indikatoren, die die im Papier eingeführte Systematik berücksichtigt, wäre daher in der empirischen Forschung stets sinnvoll.

Eine Analyse gegenwärtiger Diskurse in Top-Zeitschriften der Volkswirtschaftslehre zeigt, dass letztere von einem normativen Bias zugunsten einer Politik der Handelsliberalisierung geprägt sind. Negative Effekte von Freihandel werden systematisch als gering eingeschätzt und nicht-ökonomische Einflüsse und Implikationen (z.B. politische, soziale, kulturelle sowie umweltbezogene Aspekte) von Handelspolitik bleiben entweder unerwähnt oder werden durch reine ökonomische Kriterien rationalisiert.

Projektbezogene Publikationen:

Kapeller, J., Schütz, B. & Tamesberger, D., 2016. From free to civilized trade: a European perspectiveReview of Social Economy, 74(3), pp.320–328.

Kapeller, J., 2016. Internationaler Freihandel: Theoretische Ausgangspunkte und empirische FolgenWirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Zeitschrift, 39(1), pp.99–122.

Gräbner, C., Heimberger, P., Kapeller, J. & Schütz, B., 2017. Is Europe disintegrating? Macroeconomic divergence, structural polarization, trade and fragility.

Gräbner, C., Heimberger, P., Kapeller, J. & Schütz, B., 2018. Structural change in times of increasing openness: assessing path dependency in European economic integration.

Gräbner, C., Heimberger, P., Kapeller, J. & Springholz, F., 2018. Measuring Economic Openness: A review of existing measures and empirical practices.

Gräbner, C., Heimberger, P. & Kapeller, J., 2019. Export performance, price comeptitiveness and technology: Revisiting the Kaldor paradox.

Flechtner, S. & Gräbner, C., 2019. The heterogeneous relationship between income and inequality: a panel co-integration approach.

Gräbner, C., Tamesberger, D., Heimberger, P., Kapelari, T. & Kapeller, J., 2019. Trade Models in the European Union.

Aistleitner, M. & Pühringer, S., 2019. Exploring the trade narrative in top economics journals.

Kapeller, J., Gräbner, C. & Heimberger, P., 2019. Economic Polarisation in Europe: Causes and Policy Options.