Zur JKU Startseite
Kepler Tribune
Was ist das?

Institute, Schools und andere Einrichtungen oder Angebote haben einen Webauftritt mit eigenen Inhalten und Menüs.

Um die Navigation zu erleichtern, ist hier erkennbar, wo man sich gerade befindet.

Besser wird's nicht

Ob Corona, Ukraine-Krieg oder Inflation: Langsam zweifeln wir an unserer Sorglosigkeit und der Gewissheit, dass die Welt, in der wir leben, eine immer bessere wird. Aber wenn es nicht mehr bergauf geht, wohin geht es dann?

Von Lisa Edelbacher

ILLUSTRATION: BETTINA WILLNAUER
ILLUSTRATION: BETTINA WILLNAUER

Wer nach einem Soundtrack zur aktuellen Stimmungslage sucht oder zumindest mal eine erste Nummer, landet irgendwann bei Stevie Wonder und dem Lied „Overjoyed“. Eine beschwingte Ballade in typischer Wonder- Manier, bestimmt nicht sein bester Track, auch nicht der beliebteste, aber einer, auf den sich sämtliche DJs dieser Welt – von Hochzeit bis Berghain – einigen können. Es ist aber ein Track, der bei den Partygästen nicht sehr beliebt ist, und das liegt weniger an dem Sound als daran, dass er immer dann gespielt wird, wenn die Lichter angehen. Oder anders gesagt: wenn der Spaß jetzt wirklich vorbei ist. Das Gefühl, das dieses Lied in uns auslöst, ist das Gefühl dieser Zeit. Und das, obwohl wir vor ein paar Jahren noch wild tanzten und ohne gröbere Probleme recht sorgenfrei durchs Leben stolperten. Und jetzt?

Jetzt ahnen wir, dass es so nicht mehr weiter gehen wird, mit der Sorglosigkeit sowieso nicht, die hat sich mit Corona verabschiedet, aber auch mit dem Wohlstand, wir vermuten, dass Verzicht möglicherweise mehr bedeutet als Intervallfasten und dass man unter Katastrophe etwas anderes verstehen könnte als einen defekten WLAN-Router. Ganz wahrhaben wollen wir es aber nicht und fragen uns stattdessen, wieso das, was wir seither für Normalität hielten, ausgerechnet jetzt vorbei sein soll, genau in dem Moment, wo die Infektionszahlen wieder sinken, sich die Intensivstationen leeren und es in Südspanien schon so warm ist, dass man stundenlang in andalusischen Buchten herumlungern kann und der Verbleib der Luftmatratze zur Abwechslung mal das Einzige ist, worüber wir sorgenvoll nachdenken müssen. Und zugegeben, jetzt würden wir ihn schon gut brauchen können, den Billigflug, weil das Budget momentan für mehr kaum reicht. Ausgerechnet jetzt, wo man endlich mal wieder eine Pause bräuchte von all dem Wahnsinn.

Die Menschheit, das wissen wir inzwischen, hat ein ziemlich schlechtes Händchen, was Krisen angeht. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der Wissen gelehrt und Unwissen praktiziert wird“, schreibt der Soziologe Harald Welzer in „Es könnte alles anders sein“ und meint damit unsere Fähigkeit, Offensichtliches beharrlich zu verdrängen, selbst wenn das bedeutet, dass wir unsere Spezies mit Schwung gegen die Wand fahren.

Immer besser, immer reicher, immer gesünder. Oder doch nicht?

Das mag sein, aber die Wahrheit ist auch: Wir haben das gute Leben so verinnerlicht, dass es uns alternativlos erscheint. Wir kennen nur eine Welt, die immer besser wird und in der wir immer reicher, gesünder und gerechter werden. Eine Welt, in der alles unaufhaltsam wächst: die Volkswirtschaft, das BIP, die Häuser und ganz besonders die Garagen, weil die Autos darin immer monströser und vor allem viel mehr werden: waren 2004 noch knapp 4,1 Millionen Autos angemeldet, sind es in diesem Jahr eine Million mehr, obwohl ja angeblich alle Bahn fahren. Wir leben im Schnitt um zwölf Jahre länger als noch vor 50 Jahren und verreisen fünf Mal öfter, als in den 90ern. Das Happy End wurde zur Gewissheit, es hat sich so fest in unser Bewusstsein eingeschrieben, dass sich die meisten kein ernstes Unglück, keine allgemeine Katastrophe, ja nicht einmal einen Verzicht auf ihren gewohnten Lebensstil vorstellen können.

Glaubt man nun aber einer Reihe Ökonom*innen, geht es längst nicht mehr so steil bergauf mit uns: Der Zenit sei überschritten, das Gerüst unseres Wohlstands mehr als nur ein bisschen rostig, es ist ordentlich ins Wanken geraten und begonnen hat es nicht erst mit Corona oder dem Krieg, sondern schon einige Jahre vorher, und zwar ausgerechnet im Kern unserer Wohlstandsgesellschaft. So lautet zumindest die These des Ökonomen Oliver Nachtwey. Er schreibt: „Unter der Oberfläche einer scheinbar stabilen Gesellschaft erodieren seit Langem die Pfeiler der sozialen Integration, mehren sich die Abstürze und Abstiege.“ Es war schließlich ein Naturgesetz, dass die Kinder auf den Schultern ihrer Eltern sitzen dürfen und deshalb mehr sehen, höher steigen, weiter kommen. So wurden aus Fließbandarbeitern damals Schuster, aus Handwerkssöhnen wurden Lehrer, aus Lehrersöhnen wurden Anwälte und aus Anwaltstöchtern wurden, nun ja, Journalistinnen mit Scheinanstellung, Architekten mit Dreimonatsverträgen und Drehbuchautoren, die seit Jahren knapp vor dem großen Durchbruch stehen. „Generation Projekt“ nennt Martina Beham-Rabanser von der JKU die freien Dienstnehmer, Minijobberinnen oder Leiharbeiter, die sich selbst mit Uniabschluss jahrelang mit miserablen Gehältern herumschlagen, bevor sie – möglicherweise – Fuß fassen.

Im Rahmen des Social Surveys Austria, eine der größten sozialwissenschaftlichen Befragungen, forschte die Soziologin gemeinsam mit Johann Bacher zu sozialer Mobilität. Insgesamt könne zwar noch nicht von einer Abstiegsgesellschaft die Rede sein, aber es zeichne sich langsam doch ein Trend dazu ab. Der berufliche Aufstieg jedenfalls zähle längst nicht mehr zu den Selbstverständlichkeiten unserer Zeit. Und für Menschen, die ohnehin zur unteren Mittelschicht gehören, so Beham-Rabanser, sei die Gefahr deutlich größer, in die Armut abzurutschen.

Man könne davon ausgehen, dass es das Generationsversprechen in Zukunft jedenfalls nicht mehr so geben wird. Mit anderen Worten: Egal, wie sehr wir uns abmühen, wie hoch wir springen, die meisten von uns werden die Schultern ihrer Eltern nicht mal mehr mit den Fingerspitzen erreichen, ja manche werden sich in Zukunft gar fest an ihre Hosenbeine klammern müssen, um nicht abzustürzen. So viel ist klar: Die Hochglanzversion unseres guten Lebens ist angekratzt und schuld daran sind natürlich nicht nur diese verdammten Minijobs, sondern auch die Katastrophen, die so nah an uns herangerückt sind wie schon lange nicht mehr. Da stehen wir nun da, in kollektiver Überforderung, aber mit einem Matcha Latte in der Hand und schauen auf eine Welt, in der allem Anschein nach gar nichts mehr funktioniert. Eine Welt, die sich so rasant aufheizt, dass sie stellenweise nicht mehr bewohnbar ist, die an der einen Seite zu brennen beginnt, während die andere in Fluten versinkt, und in der Virus-Varianten genauso schnell vorankommen wie vor einem Jahr die Taliban.

Und jetzt auch noch Krieg

Und dann ist da auch noch der Krieg, der uns endgültig aus unserem moralischen Ideenhimmel gebombt hat und der, glaubt man zumindest Komplexitätsforscher*innen, ein ziemlich sicheres Zeichen dafür ist, dass Krisen nicht mehr einzeln daherkommen, sondern in einer Vielzahl und dass sie sich beschleunigen und miteinander interagieren, ja dass die Bomben, das Bienensterben, die Inflation, die ausgebrannten Pfleger*innen und Scheinanstellungen etwas miteinander zu tun haben. Dass diese Krisen sich gegenseitig verstärken und dass sie ganz sicher nicht mehr so schnell vorübergehen. Oder wie Bernd Ulrich, der stellvertretende Chefredakteur der „Zeit“ in einem Essay schreibt: „Krisen sind nicht mehr die Ausnahme von der Normalität, sondern die Normalität der Ausnahme.“ Eine Erkenntnis, die auch bei den Politiker*innen angekommen ist. Man merkt das, weil sie selten so verpeilt und hilflos gewirkt haben hinter ihren Pulten, und daran, dass Wörter wie „Normalität“ und „Rückkehr“ irgendwann in der Bedeutungslosigkeit versandeten und Reden stattdessen um den schmissigen Begriff „Zeitenwende“ arrangiert wurden.

Und plötzlich sprachen nicht nur Politiker* innen, sondern auch Wirtschaftsvertreter* innen von Verzicht, von Tempolimits, kühlen Schwimmbädern und von Stricksocken und Pullover, die man sich ja überziehen könne, wenn’s mal kälter wird, davon, dass man mit Mäßigung einen – wenn auch sehr kleinen – Beitrag leisten kann gegen das unbeschreibliche Leid, das nur ein paar hundert Kilometer hinter unserer Grenze passiere. Und tatsächlich: Energiesparen sei, so die Rechnungen von Umweltökonom*innen, eine sinnvolle Möglichkeit, den Einfluss Putins einzudämmen und sich selbst aus der Schockstarre zu lösen, und ganz sicher tut es unseren Planeten gut, wenn wir weniger Abgase in die Luft blasen.

Aber hinter den Verzichtsappellen steckt eben noch mehr: Sie markieren womöglich einen Epochenwechsel, der unsere Art des Zusammenlebens fundamental verändern könnte. Ja, das mit der Zeitenwende stimmt schon, nur anders, als es wahrscheinlich Olaf Scholz bei einer Sondersitzung des Bundestags gemeint hat, es ist in Wahrheit ein Bruch mit dem Wachstumsversprechen – und das in einer Gesellschaft, die auf Wachstum ausgelegt ist und deren bisheriger Wohlstand und zum Teil auch deren Sorglosigkeit darauf beruht. Vielleicht erging es ja dem Philosophen Hegel ähnlich, als er 1806 in seinem Studierzimmer in Jena saß, an seinem ersten Grundlagenwerk arbeitete und den herannahenden Kanonendonner Napoleons hörte. Quasi in Echtzeit verarbeitete er das Erlebte, den Krieg, die Zerstörung, das menschliche Leid, aber vor allem den Beginn einer neuen Epoche. Und womöglich waren die Kanonen, die Hegel hörte, damals das, was heute die überfüllten Intensivstationen, die Hitzewellen, die in den Himmel schießenden Preise und die Flüchtlinge in den Aufnahmezentren sind: kleine Belege dafür, dass die Zeit vorbei ist, in der Katastrophen und Extreme woanders passieren.

Die Grenzen des Wachstums

Klingt pathetisch? Mag sein, aber Tatsache ist: Alles verschwindet, nichts, wirklich gar nichts, das einst auf die Ewigkeit angelegt war, blieb der Menschheit erhalten. Genauso wie das Römische Reich einst untergegangen ist, werden auch der Big Mac, Twitter, der Vatikan oder die NFTs früher oder später einmal Geschichte sein. Und was wir als Normalität wahrgenommen haben – die Jahre in Sicherheit, Frieden und Überdruss –, war aus welthistorischer Sicht ohnehin eine absolute Ausnahme; verglichen mit dem, was das übrige Jahrhundert so zu bieten hatte, war die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts tatsächlich eine wilde Party. Und zwar eine, die auf Kosten anderer geschmissen wurde, vornehmlich auf der der Länder des Südens und unseres Planeten – aber auch auf Kosten der nächsten Generation.

Geht es nämlich so weiter wie bisher, wachsen gerade Menschen heran, die ihre Zukunft teilweise in Berichten des Weltklimarats nachlesen können, und wenn diese nicht gerade wunderbar klingende Zukunft für sie dann zur Gegenwart wird, schauen sie zurück und sehen Menschen, die davon überzeugt waren, dass der spontane Wochenendtrip nach Barcelona zur Grundausstattung eines modernen Lebens gehöre. Gut möglich, dass sie einmal mit Häme auf unseren Optimismus blicken werden und sich darüber totlachen, wie furchtbar naiv alles war, als man noch ernsthaft dachte, dass es mit Papierstrohhalmen, Vertical Gardening und der Veränderung der Motoren getan sei. Ziemlich sicher aber werden sie schmerzlich erfahren, dass die Philosophie vom grenzenlosen Wachstum, in der alle Teil einer endlosen Steigerung sind und in der es der nächsten Generation noch besser geht – was nicht zuletzt bedeutet, dass sie mehr Rohstoffe, Tiere, Pflanzen und Energie verbrauchen –, unweigerlich an ihre natürlichen Grenzen stößt.

Was aber bedeutet das wirklich für unsere Kinder und Kindeskinder? Müssen sie jetzt in Zeitlupe mitansehen, wie sie in eine Apokalypse manövriert werden, während man ihnen auf Schultern klopft und „Wird schon“ zuruft? Nein, sagt Andreas Janko vom Institut für Strafrecht und politische Wissenschaften der JKU, es zeichne sich ab, dass die Jungen nicht ohnmächtig ihrem Schicksal gegenüberstehen, vielmehr würden sie alle Mittel ausschöpfen, um ihr Recht auf Zukunft einzufordern – und sie gingen dabei immer öfter auch juristische Wege. Da ist etwa die Klimaklage, die Kinder und Jugendliche vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erfolgreich eingereicht haben, da ist das Klimavolksbegehren, das zu großen Teilen aus Klassenzimmern organisiert wurde, und dann ist da das Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts, das das zwei Jahre zuvor in Kraft getretene Klimaschutzgesetz für verfassungswidrig erklärte. Es handle sich laut Janko um ein komplett neues Phänomen: Wenn Staaten und Unternehmen Klimaziele ignorieren, wenn sie also – um im Bilde zu bleiben – unbeirrt weiter feiern würden, während sie die Augen vor der herannahenden Katastrophe so vehement verschließen, dass sie die Grundrechte der nächsten Generation gefährden, sollen sie sich dafür verantworten müssen. Denn – und so viel steht fest – ihr Handeln war grob fahrlässig. Die

Zukunft wird im Jetzt gemacht

Immerhin weiß man um die Folgen der Klimakrise nicht erst, seit der Eisschild in Grönland zu schmelzen begann, und auch über die Grenzen des westlichen Lebensstils, der auf Fortschritt und Wachstum beruht, schrieb schon der Club of Rome vor 50 Jahren, das Waldsterben war in den 80ern mindestens genauso präsent wie Boris Becker und schon 1992 fand der erste UN-Umweltgipfel in Rio statt, ein historischer Auftakt, der vor allem zweierlei hervorbrachte: die Erkenntnis, dass uns der Klimawandel irgendwann den Garaus machen könnte, und – vielleicht eher dem damaligen Zeitgeist entsprechend – die türkisgrüne Umweltedition einer „Swatch“. Niemand weiß, ob wir wirklich gerade vor einem Epochenwechsel stehen. Einen Wandel bemerkt man allemal, und zwar nicht nur, was die Krisen betrifft, er findet auch in den Köpfen statt. Weil, obwohl die Einheit „Generation“ für gefühlspolitische Analysen normalerweise unbrauchbar ist, trifft vielleicht eines doch auf sie zu: nämlich, dass sie lieber zu Hause bleiben, als auf der Tanzfläche zu warten, bis „Overjoyed“ von Stevie Wonder kommt. Vielleicht, weil die Shutdown-Zeit zu bestimmten Erfahrungen geführt hat, etwa, dass Waldspaziergänge und leere Straßen toll sind oder dass es niemanden stört, wenn die Frisur rausgewachsen ist, sehr wohl aber, wenn so etwas wie Umarmungen fehlen. Vielleicht freuen sie sich auch darauf, dass sich bald eine Lücke auftut, es bald neue Chancen für sie gibt, dass sie endlich in die Hand nehmen können, was viele vor ihnen verabsäumt haben, jetzt, wo die Alten im Begriff sind, an Macht einzubüßen. Anders jedenfalls wäre das Ergebnis des Sozialen Surveys der JKU Forscher Dimitri Prandner und Robert Moosbrugger beim besten Willen nicht zu begreifen, in dem es nämlich heißt: Die Jungen unter 25 sind die größten Optimist*innen von uns, niemand sonst blickt so positiv in die Zukunft wie sie.