Das Glück im Scheitern

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte voller Missverständnisse, eine Geschichte von Scheitern, Fehlern und Irrtümern. Oder ist es ganz anders? Ist sie nicht viel eher eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte? Und das, obwohl wir unser Ende schon von Anfang an kennen. Der Versuch einer Annäherung.

Von Jürgen Schwarz

Ein unlösbares Rätsel.

"In the long run, we are all dead.“ Was der Ökonom John Maynard Keynes in wenigen Worten zusammengefasst hat, bringt das menschliche Dilemma – in Wissenschaft und Kunst oft beschrieben und kaum besser verarbeitet als von Goethe in seinem „Faust“ – gut auf den Punkt. Egal, was wir tun, egal, wie groß Einzelne in der Geschichte gehandelt haben: Wir kennen das Ende heute schon. Religionen, Ideologien und Philosophien versuchen, eine Antwort auf jene Frage zu geben, die sich daraus unweigerlich stellt: Warum sollen wir überhaupt etwas tun? Wie kann es Antrieb im Angesicht des Unausweichlichen geben? Die Antwort auf das Scheitern des Ichs ist immer sehr ähnlich. Es ist das Wir. Zeitlich und inhaltlich entzerrt. „Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen“, sagte der Wiener Bürgermeister Karl Seitz bei der Eröffnung des Karl-Marx-Hofes im Oktober 1930 und er zeigt, wie Politiker* innen, Wissenschaftler*innen, Religionsgründer und -verbreiter in 200.000 Jahren Menschheitsgeschichte versucht haben, dem Leben und dem Scheitern einen Sinn zu geben.

Wenn man über Scheitern spricht und über Erfolge, kommt man unweigerlich nicht darum herum, auch über Sieger- und Verlierertypen nachzudenken. Über die, bei denen immer alles schiefgeht, und die anderen, die alles richtig machen, egal, ob sie riskieren oder auf Nummer sicher gehen. Bis vor wenigen Jahren, so scheint es zumindest, wurde ziemlich selten aus einem großen Versager noch ein großer Gewinner, egal, wie oft er es probiert hat. Aber dann kam die Start-up-Welt und da waren stinkreiche Leute, die davor schon mal alles in den Sand gesetzt hatten. Es war plötzlich gar nicht so schlecht, erzählen zu können, irgendwann schon mal etwas richtig vergeigt zu haben. Davor wusste man maximal von Walt Disney, der, bevor er Micky Maus und Donald Duck erfand, bei einer Zeitung rausgeschmissen wurde, weil er zu wenig kreativ war.

Wie auch immer: Es gibt sie also doch, die Gescheiterten, die zu Gewinnern werden, die aus alles „falsch“ alles „richtig“ gemacht haben. Zumindest was Erfolg betrifft.

„Wo shi shishi qiushipai“

Und das geht auch noch einige Nummern größer. „Unser Himmlisches Reich besitzt alle Dinge in reichem Überfluss und es fehlt kein Produkt innerhalb seiner Grenzen. Es besteht daher keine Notwendigkeit, die Hersteller von externen Barbaren gegen unsere eigenen Produkte zu importieren“, sagte der chinesische Kaiser Qianlong 1792. Er war sich damals sehr sicher, dass er mit dem Britischen Empire nichts zu tun haben wollte. 47 Jahre später schossen sich britische Boote die chinesischen Häfen frei – die Häfen eines Landes, das abhängig war von Opium, rückständig in seiner Waffentechnik und weitgehend wehrlos. Und dann gingen die Niederlagen erst richtig los. Nach den Niederlagen im Ersten und Zweiten Opiumkrieg verloren die Chinesen 1895 einen Krieg gegen Japan. Dann kam das demütigende Boxerprotokoll 1901. Ab 1937 verloren die Chinesen große Teile ihres Landes an die Japaner. Von 1958 bis 1961 verloren die Chinesen mit dem „Großen Sprung nach vorn“ viele Millionen Einwohner*innen in einer der größten Hungersnöte der Menschheit. Dann kam die Kulturrevolution mit fast noch mehr Toten.

2014, also nur knapp 30 Jahre später, ist China die größte Handelsmacht der Welt. Was ist auf diesem Weg passiert? 1987 beschrieb Deng Xiaoping die politische Richtschnur, die er in einem Leben voller Hochs und Tiefs für sich entwickelt hatte: „So gesehen bin ich weder Reformer noch Konservativer. Man könnte, präziser, sagen – „Wo shi shishi quishipai“ – dass ich von jenem Flügel bin, der die Wahrheit in den Fakten sucht.“

Und damit war alles gesagt. Ab 1992 begab sich China auf jene Reise, die viele auf der Welt und viele in der Geschichte vor ihm gegangen sind: Richtig ist, was erfolgreich ist. Es gibt keine Disziplinen und keine Methoden, keine Normen und keine Einschränkungen: Es gibt nur erfolgreich und nicht erfolgreich.

„Das habe ich noch nie vorher versucht. Also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!“

Dieses Probieren, Scheitern, wieder Probieren begleitet den Menschen seit 200.000 Jahren. Seit seinem Aufbruch aus Afrika. Und genauso lange scheitern Menschen. Jedes Scheitern ist eine Tragödie für sich. Es ist Leid und Schmerz und oft auch Tod. Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass Scheitern jemals in der Geschichte schön war. Es hieß, gefressen zu werden, zu verhungern, hemmungsloses Leiden und Enttäuschung.

Doch aus dem Scheitern des Einzelnen wurde oft der Erfolg der vielen. Entdecker*innen und Wissenschaftler* innen sind grandios gescheitert. Keinem Alchemisten ist es je gelungen, Gold herzustellen. Große Teile unserer heutigen Naturwissenschaft basieren auf jenen Erkenntnissen, die die gescheiterten Goldproduzenten des Mittelalters gewonnen haben.

Susanna Zierler, Pharmakologin an der Medizinischen Fakultät der JKU, weiß, dass das auch für ihr Fach gilt: „Viele grundlegende Erkenntnisse der Medizin basieren auf falschen Annahmen, verunglückten Thesen und Misserfolgen. 1993 staunten britische Minenarbeiter nicht schlecht, als der Bluthochdruck nicht sank, dafür aber die erektile Standfestigkeit ungeahnte Ausmaße annahm. Sie waren Teil jener Versuchsgruppe, die ein Medikament namens Sildenafil testen durfte.“ Und damit waren sie die ersten Männer, die jene blaue Pille bekommen haben, die bisher über drei Milliarden Mal eingenommen wurde. Viagra war mehr ge- als erfunden.

Die Hölle, das sind die anderen

 Jeder menschliche Schritt war immer von Zweifeln und Angst begleitet. So wie die monotheistischen Religionen auf die Rückkehr des Messias oder das Jüngste Gericht warten, ist Knieriem im „Lumpazivagabundus“ davon überzeugt, „die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang, lang, lang“. Und im „Lieben Augustin“ heißt es – zeitgemäß zur Pandemie: „Jeder Tag war ein Fest, Und was jetzt? Pest, die Pest! Nur ein groß’ Leichenfest. Das ist der Rest.“

Die Antwort, warum die Menschheit Dinge tut, ist immer gleich. Niemand macht es für sich, aber gemeinsam machen wir es für uns. Für die, die nach uns kommen. Nach dem Zurückdrängen der Religionen haben politische Ideologien dieselben Ideen aufgegriffen. Vom sozialistisch-kommunistischen Kollektiv und von der Masse bis zum faschistischen „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ Selbst das Richtige kann falsch sein.

In der postmodernen Zeit des Superindividualismus stellt sich diese Frage aufs Neue. In einer Welt, in der es weniger um das Erreichen und den Erfolg als um das Wissen, warum die anderen die Schuld am Scheitern tragen, geht, gilt Sartres Satz ganz besonders: Die Hölle, das sind die anderen.

Dabei zeigt uns die Geschichte der Menschheit unsere Zukunft: Klima, Digitalisierung, Migration, Demografie – wir werden die Fragen lösen. So wie wir jede Frage in der Vergangenheit gelöst haben. Größere und schwerere Fragen. Im Rückblick wird jede Herausforderung klein, die davor unüberwindbar schien. Aber es wird nicht die eine große Antwort geben. Nicht den Big Bang. Auf Antworten werden Fragen folgen, auf Lösungen Herausforderungen. Deng Xiaoping hat Chinas Weg zum Erfolg einmal so beschrieben: „... crossing the river by feeling the stones.“ Der große Sprung kann nur misslingen. Erfolgreich sind die vielen kleinen Schritte und Erfolge.

Deshalb wird es entscheidend sein, wieder Lust zu finden. Freude am Spielen. Lust am Scheitern. Der Sieg der Menschheit ist die Summe unserer Niederlagen.

Bisher haben wir immer gesiegt. Weil viele Einzelne gescheitert sind.

NEWS 03.09.2021
Erschienen in Ausgabe 3/2021