Demokratie braucht Drama

Wie kann unsere Gesellschaft in Zukunft bestehen? Bildung war und ist unser Aufstiegsversprechen, sagt der ehemalige Kanzler Wolfgang Schüssel. Jede Investition in Bildung würde sich mehrfach rechnen.

Von Martina Bachler

Technologie gemeinsam mit der menschlichen Kreativität verändert, wie Architektur entsteht. In diesem Konzept geht es um den Aufbruch der architektonischen Prozesse, wie wir sie kennen. Architektur muss Spiel werden, architektonische Ikonen zerstört, die Stadt als Gebäude gedacht werden. Architektur muss eine Plattform sein mit schrankenlosem und gleichberechtigtem Zugang für alle und unter Einbeziehung von Online-Communitys. Bildcredit: Aleksandra Belitskaja, THIS IS US, SS 2019, Studio Greg Lynn, Institut für Architektur, Die Angewandte

Die Welt des Jahres 2050 wird deutlich anders sein als alles, was wir heute kennen. Eine kluge Gesellschaft bereitet sich darauf vor. Aber wie?

Ein Blick zurück macht jedenfalls sicher, dass sich in sehr kurzer Zeit sehr viele Dinge ändern können, und zwar grundsätzliche Dinge, die durch neue, disruptive Technologien entstanden. Diese Entwicklung wird sich wahrscheinlich nicht abschwächen oder verlangsamen, sondern sich eher sogar noch beschleunigen. Ein präziser Blick in die Zukunft ist nicht möglich, aber immerhin so viel wissen wir.

Heißt das, wir werden diese Beschleunigung aushalten müssen?

Wir können davon ausgehen, dass die Digitalisierung noch mehr Lebensbereiche erfassen wird. Das wird immer wieder in Konflikt mit dem Schutz unserer Privatsphäre stehen. Es werden gleichzeitig noch viel mehr Möglichkeiten zur Partizipation entstehen, aber autokratische Regime werden genau diese technischen Mittel zur Unterdrückung nutzen. Am Beispiel Chinas und anderer Staaten sehen wir bereits, wie präzise und effektiv diese Form der Steuerung einer Gesellschaft sein kann. Das alles leitet sich bereits aus der Gegenwart ab. Es sagt aber nichts darüber, was in der Zukunft sonst noch möglich sein wird.

Wir müssen dennoch heute entscheiden, was wir studieren, worin wir uns fortbilden und wie wir unsere Kinder erziehen. Wie schaff en wir also eine gute Basis?

Über Jahrhunderte hat es sich bewährt, eine fundierte Allgemeinbildung zu bekommen. Sie soll noch nicht zu spezifisch sein, sondern vor allem in den Basiswissenskategorien eine solide Ausgangsposition bieten, auf die eine Spezialisierung an den Universitäten, Fachhochschulen oder sonstigen Einrichtungen bauen kann. Ich bin sicher durch meine humanistische Ausbildung beeinflusst, wobei ich glaube, dass man Altgriechisch heute nicht mehr unbedingt lernen muss. Bei Latein wiederum bin ich mir schon nicht mehr so sicher. Eine fundierte Grundbildung ist jedenfalls wichtig, auch weil sie einen von modischen Accessoires unabhängig macht.

Wie zum Beispiel, dass jedes Kind programmieren lernen soll?

Das könnte zum Beispiel so eine Modeerscheinung sein, ja. In meinem Post-Graduate-Studium musste ich zum Beispiel Lochkartensysteme verstehen, das braucht heute kein Mensch mehr. Stattdessen soll es ums Lernen an sich gehen: Man soll lernen, wie man lernt, wie man richtig nachschaut, wie man sich Kulturtechniken auch selbst aneignen kann. Das Bildungssystem sollte dazu anregen, den menschlichen Geist zu trainieren, ganz unabhängig von den spezifischen Inhalten, und neugierig auf neue Möglichkeiten machen. Das Wichtigste dabei ist, zu lernen, wie man die richtigen Fragen stellt.

Es heißt oft, dass es keine blöden Fragen gibt.

Na gut, wenn man die gleichen Fragen stellt, die man schon 100 Mal gestellt hat, dann wird man wahrscheinlich auch beim nächsten Versuch keine neue Antwort bekommen. Aber ja: Wir müssen neue Fragen zulassen. Nur so kommen wir auch zu neuen Ideen, zu neuen Lösungen.

In den vergangenen Jahren wurden Bildungsdiskussionen gar nicht selten von einer Frage geleitet: Was braucht die Wirtschaft? Kritikern erscheint dieser Ansatz sehr eng.

Bildung muss ein gesellschaftliches Anliegen sein. Sie war das entscheidende Entwicklungskriterium moderner Gesellschaften, sie sorgte dafür, dass niemand zurückbleiben musste, weil er geografisch benachteiligt war, weil er aus einer Bauern- oder einer Arbeiterfamilie stammte oder einer bestimmten Minderheit angehörte. Bildung war und ist unser Aufstiegsversprechen. Studien der OECD zeigen, dass jede Investition in Bildung, vor allem in bildungsferne Jugendliche, eine Investition ist, die sich für eine Gesellschaft mehrfach rechnet.

Gerade durch die Corona-Krise und den Lockdown im Frühling haben wir gesehen, dass gar nicht so wenige Schüler gefährdet sind, schnell den Anschluss zu verlieren. Müssen wir diesen Teil des Bildungssystems noch besser stützen?

Wir sehen seit einigen Jahren massive Defizite. Wenn 20 Prozent der Jugendlichen de facto nicht mehr mitkommen, dann ist das eine dramatische Entwicklung und ein Thema für die gesamte Gesellschaft. Unabhängig von Parteifarbe und Weltanschauung sollten wir uns darauf einigen können, dass sich das ändern muss. Übrigens ist Ihre Frage, was die Wirtschaft braucht, nicht von vornherein wegzuwischen.

Weil die Wirtschaft jetzt schon weiß, was sie in zwanzig Jahren braucht?

Nein, aber weil sie weiß, welche Arbeitsplätze sie in den kommenden Jahren zu vergeben hat. Wir haben eine massive Fehlallokation von Bildungsentscheidungen. Wenn Tausende Studierende sich für Theologie, Soziologie oder Publizistik entscheiden, aber in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern die Absolventen fehlen, dann müssen wir früher damit beginnen, hier aktiv zu werden.

Warum begeistern sich nicht von sich aus genügend junge Menschen für Technik oder für Biologie?

 Ich glaube, dass unsere Schulen noch viel zu einheitlich ausgerichtet sind. Hätten sie mehr Autonomie und die Eltern Wahlfreiheit, würde das erheblich dabei helfen, für das jeweilige Kind auch das Modell zu finden, das zu seinen Talenten passt. Der Zentralismus war zur Zeit Maria Theresias richtig, heute ist er das nicht mehr. Der Trend zur Ganztagsschule ist nicht aufzuhalten, und diese Schulform sollte auch die Möglichkeit bieten, individuelle Talente besser zu fördern und unterschiedliche Interessen zu wecken. Das geht aber nur, wenn sich die Schulen mehr öffnen dürfen. Mit den heutigen Pädagogen kann man nicht alles abdecken.

Sie selbst haben viel für Kunst und Kultur übrig, gar nicht wenige Menschen aber glauben, diese Schulstunden könnte man gut einsparen.

Das wäre sehr schade, weil wir seit den alten Griechen wissen, dass der Mensch ein ganzheitliches Wesen ist, das nicht nur kognitiv, sondern umfassend gebildet sein will. Für die Seele brauchst du Kunst und Kultur, die Musik ist wie eine weitere Sprache und nicht umsonst heißt es, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnt. Die Schule soll uns dabei helfen, eine sinnvolle Balance zu erreichen. Und es schließt sich ja alles nicht aus: Es gibt hochspezialisierte Naturwissenschaftler, die sehr kunstaffin sind, und Ärzte, die ausgezeichnete Musiker sind. Für unsere Entwicklung brauchen wir auch diese Zugänge. Aber der entscheidende Punkt ist immer der gleiche: Wir wissen nicht, was auf uns zukommt, und wir werden alles Mögliche brauchen, um die richtigen Fragen zu stellen.

Was könnten solche Fragen sein?

Wie könnte unser Geld in zwanzig Jahren aussehen? Wie werden wir Willensbildung organisieren? Ist unser 100 Jahre altes Wahlrecht vielleicht gar nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn es um Partizipation geht? Wie werden wir mit weiteren Pandemien umgehen? Vom Kindergarten bis zur Universität müssen wir dazu anregen, dass neue Fragen gestellt werden und wir uns trauen, beim Antworten auch einmal danebenzuliegen.

Das heißt, wir müssen mehr Unsicherheit zulassen?

Wir leben mit Unsicherheiten und Unwägbarkeiten und wir müssen lernen, mit anderslautenden Meinungen umzugehen und uns ein eigenes Bild zu machen. Das ist das Entscheidende.

Brauchen auch die Universitäten neue Ansätze, um unsere Gesellschaft für die Zukunft vorzubereiten und sie mitzugestalten?

Die Universitätslandschaft sollte sich ebenso wie die Schulen noch viel mehr differenzieren. Ich finde es ganz wichtig, dass sich die Bundesregierung dazu durchgerungen hat, in Linz eine dritte technische Universität mit dem Schwerpunkt Digitales zu errichten. Nicht, weil die anderen nichts in diese Richtung machen sollen, im Gegenteil, aber dieser Fokus ist wichtig. Ich kann mir einen weiteren Fokus im Bereich Biologie vorstellen und auch an den Medizinuniversitäten, wo die vielleicht spannendsten Innovationen der nächsten Jahre entstehen werden. Da kann man aber auch organisatorisch nicht alles so machen wie immer und auf das Verfügbare und Verwertbare setzen.

Es geht also auch darum, mehr Risiko einzugehen?

Gerade in der Forschung sollten wir in Österreich dazu bereit sein, Leuchtturmprojekte zu entwickeln, die uns bis zur Weltspitze führen können. Ich glaube zum Beispiel, dass das AKH in Wien als eines der größten Krankenhäuser der Welt hier mit einer neuen Verwertungsgesellschaft und der Verbindung von Biologie, Medizin und Digitalisierung noch große Chancen hätte.

Leuchtturmprojekte scheitern nicht selten am Geld, das es braucht, um auch international wahrgenommen zu werden.

Natürlich muss man dafür Geld in die Hand nehmen, aber wir haben schon auch gesehen, dass es geht. Es ist eine Frage der Prioritäten. Als wir in meiner Amtszeit das Institute of Science and Technology Austria gründeten, startete es mit drei Professoren. Heute arbeiten hier 70 Forscherinnen und Forscher aus unzähligen Nationen und es ist weltweit anerkannt. Spitzenwissenschaftler werden Sie nie ganz festhalten können, weil sie global mobil sind und sich ihre Wirkstätten aussuchen können. Aber Österreich bietet mit seinen Forschungseinrichtungen, seinen führenden Unternehmen, seiner Sicherheit, Kultur und Lebensqualität einen Standortvorteil, den man nicht unterschätzen sollte.

Hilft es, dass Wissenschaftler gerade auch sehr viel Aufmerksamkeit und Ansehen in der Öffentlichkeit bekommen? Momentan sind Epidemiologen und Virologen sehr präsent, davor waren es die Klimawissenschaftler.

Den Versuch, Wissenschaftler in den politischen Diskurs einzubinden, gab es eigentlich immer. Aber natürlich ist es gut, wenn diese Experten und auch die Diskurse sichtbar werden. Ich finde es nur erstaunlich, wenn etwa im Bereich des Klimawandels sehr wenige Sichtweisen zugelassen werden und es einen sehr starken Mainstream gibt.

Widerstand gibt es doch nur gegen jene, die grundsätzlich infrage stellen, dass der Klimawandel menschengemacht ist?

Dass man den Klimawandel nicht leugnen kann, steht bitte außer Frage. Ich finde, es muss aber zulässig sein, die Annahmen in manchen Prognosen auch zu hinterfragen. Wir müssen aus meiner Sicht auch in anderen Bereichen viel mehr hinterfragen, was wir bisher für richtig erachteten: Brauchen wir heute noch direkte Steuern? Lässt uns die aktuelle Geldpolitik genügend Optionen off en? Wird ein Basiseinkommen sinnvoll sein? Ich weiß das alles nicht, aber ich würde mir sehr viel mehr Fragen und einen offenen Diskurs wünschen. Die Demokratie braucht die Auseinandersetzung und das Drama, und die Wissenschaft braucht es auch.

Wenn die Demokratie das Drama braucht und wir mit Unwägbarkeiten leben müssen – was hält eine Gesellschaft dann zusammen?

Gesellschaftliche Veränderungen hat es immer gegeben und mir ist um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Österreich und in Europa auch nicht bang. Ich glaube, dass die Menschen schon wissen, was für ein gutes Leben wir haben. Das wird auch aktiv verteidigt. Vielleicht nicht immer intellektuell, sondern eher durch eine Art stille Akzeptanz. Ich glaube, wir wissen, dass das, was ist, ein guter Ausgangspunkt für die nächsten zwanzig Jahre ist. Der entscheidende Punkt wird sein, ob unsere Institutionen, von denen viele vor 200 Jahren entstanden sind, auch für die Zukunft ausreichen. Da müssen wir vielleicht mutiger werden und den Diskurs mit möglichst vielen Meinungen offenhalten. An den Universitäten der USA wird das mittlerweile oft eingeschränkt. Ich finde, gerade Universitäten sollten da tolerant bleiben.

NEWS 27.11.2020

Im Gespräch

Erschienen in Ausgabe 4/2020