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Frieden?

Ach, wie schön. Europa gedenkt wieder einmal des Friedens. Doch hinter den Kulissen brechen die Institutionen des alten Kontinents zusammen. Der Krieg läuft längst anders. Wir haben nur noch nicht die richtigen Worte dafür gefunden. Ein Essay von CLAUS PÁNDI.

Von Claus Pándi

(c) Vinz Schwarzbauer

Napalm riecht nach Benzin. Seit Coppolas „Apocalypse Now“ riecht Napalm am Morgen nach Sieg. Krieg hat einen Geruch. Frieden ist geruchlos. Krieg ist laut. Frieden ist geräuschlos. Damit hätten wir eine Grundlage der Täuschung: den Gemeinschaften einenden charakteristischen Geruch. Die Nationen und Regionen Europas haben ihre typischen Gerüche, aber Europa hat keine gemeinsame olfaktorische Identität. Und wie jeder weiß, sind es die Gerüche der Kindheit, die jederzeit abrufbar die Erinnerungen an verbindende Erlebnisse wachrufen. So ist es auch die Geruchlosigkeit Europas, die uns die Illusion des Friedens bewahrt. Wo nichts eint, trennt auch nichts. Der Frieden, dessen wir in diesem Erinnerungsjahr gedenken, ist ein Selbstbetrug. Dieser Frieden ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die Vorstellung von Frieden ist möglich, weil unsere alten Definitionen von Krieg untauglich geworden sind. Das Verständnis von Krieg ist ein bildhaftes, ein Bild mit Panzern und Bombern, Raketen und Gewehren. Wenn wir dieses Panorama der Schützengräben und des Blutes in unserer Erinnerung pflegen, dann lässt sich auch die Fantasie des Friedens erhalten. In Europa herrscht der gepflogenen Definition nach Frieden, weil Europa kein Global Player ist, weil Europa als Territorium uninteressant geworden ist, weil Europa in der vorübergehend finalen Ausbaustufe als Alpen-Disney mit Meerzugang bestenfalls zum Recreation-Reservat global aktiver Plutokraten und Oligarchen mit ihrem Begleitpersonal und einer verbliebenen mehr oder weniger zufriedenen bürgerlichen/kulturellen Klasse auf dem Weg nach unten taugt. Damit die Europäische Union in ihrer Splendid Isolation zumindest als Wirtschaftszone mit Degenerationserscheinungen funktionieren kann, muss der innere Krieg nach außen delegiert werden. Aus diesem Zustand heraus hat sich in fröhlicher Ignoranz der Realität der Begriff vom „Krieg vor Europas Haustür“ entwickelt. Verblüffend ist dabei, dass es gelingt, die Rückkehr des Terrors nach Europa nicht als ausreichenden Hinweis wahrzunehmen. Die faktische und psychodynamisch gefühlte Überforderung durch die Wellen der Migrationen werden nicht als Indizien für den grundlegenden Wandel auf dem Kontinent verwendet, sondern dienen überwiegend als datengetriebene Basis zur Entwicklung wahlkampfbedingter Taktiken – mit Erfolg, wie die Wahlergebnisse in Europa beweisen.

Die Bilder und unsere Vorstellungen von Krieg speisen sich aus alten Cinemascope- Filmen und der noch vergleichsweise neuen Ästhetik der Netflix-Serien, während sich die Erinnerungen aus den realen und digitalen Archiven auflösen und die liberalen Gesellschaften zu den Wegbereitern der illiberalen Demokratien geworden sind. Bilder wie Willy Brandts Kniefall 1970 vor dem Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau oder die Aufnahmen des französischen Präsidenten François Mitterrand gemeinsam mit dem deutschen Kanzler Helmut Kohl, 1984 Hand in Hand vor dem Beinhaus in Verdun stehend, sind die vielleicht letzten Dokumente einer vor-virtuellen Phase der Erinnerung, die erst den Blick in die Gegenwart und die Zukunft ermöglicht.

Krieg? Eine Frage der Anleger

Die gegenwärtigen Glaubwürdigkeitslücken schließen sich derweil wie von selbst durch einen wilden Strom aus Lügen und Wahrheiten. Und während wir uns wegen der aus vielen Richtungen befeuerten Ängste vor den Migrationsströmen auf den Schutz unserer Grenzen konzentrieren, haben sich in gigantischen Blasen die digitalen Multis, die „Big Five“, Apple, Amazon, Facebook, Microsoft und Google, längst über die alten Vorstellungen territorialer Ansprüche und Ideen erhoben. Die verbliebenen schmutzigen Jobs konventioneller Kriege werden von Privatarmeen erledigt wie etwa von der russischen Wagner Group oder Amerikas Blackwater (heute Academi), die sich dann als grüne Männchen in der Ukraine oder im Irak als Militärdienstleister den völker- beziehungsweise menschenrechtlichen Kriterien entziehen. Im weitesten Sinne könnte in diesem Zusammenhang auch über die europäischen Zahlungen an die Türkei diskutiert werden – die Auslagerung von Konflikten mag in ihren Erscheinungsformen unterschiedlich sein, einend ist der dahinterstehende Zynismus, der nicht den Vorgang, die Tat an sich, sondern lediglich die Semantik abwandelt.

Es ist ein Paradoxon unserer Zeit, dass wir die zahlreichen aktuellen Kriege und die unter anderem durch die Klimakatastrophen in der Westsahelzone oder in Afrikas Subsahara aufwandlos vorherzusagenden Migrationsströme („Klimaflüchtlinge“) schläfrig aus dem Augenwinkel registrieren, als gingen sie uns nichts an: bewaffnete Konflikte, manchmal besser, öfter schlechter zu überblickende Schlachtfelder größerer Interessen, die jeweils nach Belieben oder taktischer Absicht in einem größeren oder kleineren Ausmaß gehalten werden. Da wird noch mit mehr oder weniger herkömmlichen Methoden um Vormachtstellungen gekämpft, die dem uralten menschlichen Dominanzverhalten entsprechen – Mord und Macht aus Tradition und Gewohnheit. Letztlich werden Kriege aus der Perspektive der Anleger beurteilt. Zuletzt war das an dem für möglich gehaltenen militärischen Konflikt zwischen den USA und dem Iran zu beobachten, nachdem US-Präsident Donald Trump Anfang Jänner 2020 die Ermordung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch einen Drohnenangriff bei Bagdad angeordnet hatte. Die Reaktion der Märkte war nicht weiter nennenswert, die Konzentration der Marktteilnehmer gilt der Möglichkeit eines US-chinesischen Handelskonflikts.

Und so bleibt Nietzsches letztem Menschen, der, alle Risiken scheuend, des Lebens überdrüssig, nur noch Trost und Sicherheit suchend, Europa als letzter Zufluchtsort einer Friedensillusion. Des Beobachtens müde Seismografen der Entwicklungen blenden die tektonischen Brüche in der Gesellschaft aus und meinen, der Krieg könne kommen, weil er für unmöglich gehalten wird. Dabei wird übersehen, dass der Krieg längst da ist, nur nicht so aussieht, wie ein Krieg in unserer Vorstellung auszusehen hat. Europa hat seine Vorstellung von Frieden finden können, weil es sich von der Welt abgewendet hat. Und mit dem Abschied der Briten könnte auch die letzte Brücke zur Außenwelt abgebrochen worden sein. Die Weltkarte der Wut ausgeblendet, torkelt Europa benebelt durch die eine noch nicht eindeutig zu benennende Phase der Transformation. Die Unklarheit über Gegenwart und nähere Zukunft, der Eindruck des rasenden Stillstands durch in eine ferne Zukunft verschobene Problemlösungen, nützen wir durch die Möglichkeit kollektiver Selbstbeschwörung für die Idee, wir würden Kants ewigen Frieden erleben. Wir halten uns an den Händen und singen die Ode an die Freude und feiern die Zähmung des Menschen im Auge des Orkans, während sich rund um uns ungestüm andere Kräfte Bahn brechen. Wir denken nach zwei Weltkriegen und einer überwundenen Metapher vom Kalten Krieg nicht an die Metamorphose des Bösen, weil wir das Böse noch immer im uniformen Gleichschritt der Nazis erwarten. Dabei sind sie schon da. Sie sehen nur anders aus, haben andere Namen und verfolgen naturgemäß zeitgenössischere Ziele.

Der Schoß des Ur-Faschismus

Die europäische Generalbetäubung erfolgt mit lyrischen Tröstungen vom Drama, das als Farce wiederkehrt. Wir lernen, dass sich Geschichte nicht wiederholt, und übersehen dabei, dass die Wiederholung in anderen Kostümen aufgeführt wird. Gerne lassen sich Gesellschaften dazu verführen, an einen Zustand der friedlichen Ordnung zu glauben, und sind dabei auch jederzeit bereit, uns in einer milden Form der Massenpsychose als willige Opfer jeder Täuschung hinzugeben: Die Opferrolle ist uns seit jeher eine der liebsten. So wie die Legende von Adolf Hitler, der sich als böser Dämon klammheimlich der guten und schuldlosen Österreicher und Deutschen bemächtigt haben soll, um fortan als alles Böse entschuldigende, verzeihende und erklärende für die einst jubelnden Massen zu dienen und zugleich den Verdacht nährend, dass die Massen wieder zu jedem Jubel bereit wären. Erst wenn sich die Erkenntnis breit durchgesetzt hat, dass jeder Mensch ambivalent, böse und gut zugleich, ist, könnte das die Möglichkeit der Wiederholung unter anderen Namen, in anderen Kostümen, zumindest verringern. Aber noch ist Europa nicht so weit. Der vielfach beschriebene und dokumentierte Aufstieg der Hybrid-Demokratien oder illiberalen Demokratien ist eher als Hinweis auf eine deutlich gegenteilige Entwicklung zu deuten.

Umberto Ecos Definition des in Europa sich ausbreitenden Ur-Faschismus wird als uns nicht betreffend beiseitegeschoben, solange nicht sämtliche Kategorien politischer und ideologischer Verwirrung unserer näheren Umgebung identifiziert werden können. Zugleich lösen sich die Identitäten im digitalen Raum auf und befördern damit parallel die Sehnsucht nach dem gewohnten Habitat. Wir schaffen uns eine neue Welt und sehnen uns nach der alten zurück. Ein Ergebnis ist die mehrheitliche Wahl jener, die uns die Rückkehr zur alten Welt versprechen, dabei aber bloß die Illusion der alten Welt mit neuen Mitteln herstellen. Ein 2016 von US-Amerikanerinnen und -Amerikanern nach der Wahl von Donald Trump häufig zu hörendes Motiv: „Wir wollten unser altes Amerika zurück.“ Vergleichbare Motivlagen gelten auch in Europa für die Wahlerfolge der gar nicht so neuen Nationalisten. Das Alte bedeutet Heimat, Geborgenheit, Sicherheit. Dass die Rückkehr in Mutters Schoß nicht gelingen kann, hat Frustration zur Folge, die wir in verschiedenen Ausformungen in Europa seit einigen Jahren beobachten können. Wir erzwingen die Gleichzeitigkeit der Geschehnisse bei immer höheren Geschwindigkeiten, verlagern unsere Hoffnungen in die Künstliche Intelligenz, die zugleich neue Ängste gebiert, trotzen dem Wandel des Klimas und wissen, am Ende ficht den Cyborg die Klimakrise nicht an. So werden die Erwartungen an eine Lösung, einer Utopie der Erlösung, unserer die Menschheit begleitenden Probleme an die zeitgenössischen höheren Mächte delegiert und externalisiert. Es ist der Glaube an einen neuen „lieben Gott“, eine neue Religion, den digitalen Raum, als Himmelreich mit den Göttern der Gegenwart, die Namen wie Gates, Zuckerberg oder Bezos tragen. Dabei wird in rasender Verblendung verkannt, dass es sich beim berühmten „too big to fail“ um eine tragische Täuschung handeln könnte. Es sind Teilchen einer sich unablässigen veränderten Welt, die nur scheinbar vergisst.

In dieser sich selbst beschleunigenden Komplexität muss der Sinn für Realität verloren gehen. Das Politische entzieht sich dem Faktischen, individuelle und organisierte Wut entlädt sich in den sozialen Medien. In den offenen Räumen verbreitet sich der Hass viral, in deren Fluten versinkt er am Kulminationspunkt, um an einer anderen Stelle aus der Gischt erneut aufzutauchen.

Die totale Lüge

Dass das einigen Urhebern, zumeist dem US-Republikaner Hiram Johnson (1866–1945), zugeschriebene Zitat von der Wahrheit als erstem Opfer jedes Krieges könnte zumindest als aphoristischer Beleg für die These einer dem Kriegszustand verwandten Lage des Kontinents verwendet werden. Spätestens seit Hannah Arendt 1963 über „Wahrheit und Lüge in der Politik“ eindrucksvoll die Mechanismen der gepflegten Unwahrheit beschrieben hat, spätestens seit Victor Klemperer bereits 1947 mit „LTI – Notizbuch eines Philologen“ die Sprache des Dritten Reichs untersucht hat, stünden der Allgemeinheit die Werkzeuge zur Identifizierung der aktuellen Vorgänge zur Verfügung. Die Akzeptanz der politischen Lüge ist keine Besonderheit unserer Zeit, sie muss als immer wiederkehrendes Übel zur Kenntnis genommen werden. Allerdings haben Dichte und Tempo der Lüge(n) durch den technischen Wandel zugenommen. Die Empfehlungen, sich dem steten Strom der Aufregung zu entziehen, müssen folgenlos bleiben beziehungsweise führen dort, wo sie aus unterschiedlichen Motiven realisiert werden, zu einer Entkoppelung von dem, was mehrheitlich als real wahrgenommen wird. Wenn Gesellschaften und den von ihnen gewählten politischen Vertretern die Probleme über den Kopf zu wachsen beginnen, die Komplexität unvermeidbar zunimmt, sind die Vorgangsweisen der Machthaberinnen und Machthaber beziehungsweise jener, die Macht haben wollen, immer relativ gleich. Wesentlich sind drei Erkennungsmerkmale: die bloß scheinbare Fraternisierung mit dem Volk durch die Projektion, Mitglied einer autochthonen Einheit zu sein; die Herabwürdigung vermeintlicher Eliten; die Stigmatisierung von Minderheiten wie Migranten unter besonderem Hinweis auf eine Religionszugehörigkeit.

Vor allem in langen Phasen gesellschaftlicher Veränderungen werden diese Techniken strategisch oder auch bloß improvisierend eingesetzt. Übrig bleibt derzeit ein Grundrauschen, über das in Europa ein robuster bürokratischer Apparat und bei diversen feierlichen Anlässen die bekannten Friedenschöre gebreitet werden. Die Leerstellen werden zwischenzeitlich von populistischen Kräften, vor allem rechtsnationalen Parteien, mit Verschwörungstheorien oder in Wahrheiten in mehreren Varianten gefüllt. Dabei wird den oberflächlich Informierten mit sinkender Bereitschaft, Fakten von Meinungen zu unterscheiden, der Eindruck eines Zustands vermittelt, als gäbe es einen Verbund geheimnisvoller Mächte, die an den Fäden ziehen.

Digitale trojanische Pferdehorden

Dabei ist vielen, die durch ihre Regierungen demokratisch legitimiert oder noch deutlich stärker durch potente Unternehmen (demokratisch nicht legitimiert) Macht ausüben, selbst die Übersicht verloren gegangen. Die Debatte über einen Legitimationsdruck demokratisch verfasster Demokratien wird nicht mehr nur in bislang eingehegten Bereichen geführt, sondern sie hat bereits breite Bereiche der Öffentlichkeit erreicht. Es kann durchaus als Ironie der Zeitläufte gesehen werden, dass die sogenannten Mächtigen selbst Geschädigte des von ihnen geschaffenen Realitätsverlustes sind. Das erschwert ein Entkommen aus dieser Spirale und kann nur durch eine serielle, absichtliche oder unabsichtliche Selbstzerstörung der lose vernetzten Systeme geschehen. Zeitpunkt und Form des unvermeidbaren Aufschlags sind weder berechenbar noch vorherzusagen. Das könnte dann auch die Gelegenheit für einen konventionellen Krieg sein. Erst Anfang Februar hat Frankreichs Präsident eine strategische Partnerschaft bei der Nuklearverteidigung angeboten. Diese mit einem eher beiläufig verbundenen Aufruf an die Großmächte zu einer neuen Rüstungskontrollrunde mag zwar als wenig elegante Demütigung der einzigen Atommacht Europas gegenüber Deutschland interpretiert werden, es ist jedoch durchaus auch als eine Machtdemonstration traditioneller Prägung zu werten.

Intellektuelle Existenzen rund um den Erdball versuchen unterdessen, unter anderem in parallelen virtuellen Vernetzungen neue Heimaten zu schaffen. Die Künstlichkeit dieser Heimaten in den digitalen Clouds wird aber letztlich gerade daran scheitern, weil sie eben artifiziell sind, also wurzellos. Sie werden im digitalen Raum verenden. An der Tangente der Clouds und Systeme beschädigen die Kriege im digitalen Raum die real existierenden Kulturen schneller als alle Migrationsströme Veränderungen herbeiführen könnten. So wie antike Stätten des persischen Reichs vernichtet wurden, dringt das World Wide Web in unsere kulturellen Identitäten ein – digitale trojanische Pferdeherden, die wir im Rausch der unendlichen Möglichkeiten mit Begeisterung in unsere Schrebergärten ziehen. Die Furcht vor dem Neuen erzeugt einen permanenten Sog des Neuen. Die Permanenz des Neuen deckt das Alte oberflächlich zu und eröffnet im Ungefähren eine Aussicht auf die Wiederherstellung der alten Welt. Darin liegt auch die Annahme, dass darin die Möglichkeit einer Hoffnung gegen die Dystopie begründet sein könnte.

Mit Gott kein Frieden

Der sich gegen die auch in diesem Text bahnbrechende Kraft des Kulturpessimismus wendende Rektor der Kepler Universität, Meinhard Lukas, mahnt unter anderem die Orientierung an der Kirche ein. Das mag die Möglichkeit einer Insel, einer Ordnung bietenden Übersicht sein. Die Basis jeder Kirche = Religion = Tradition = Ordnung. So wie Dostojewskis Satz, dass ohne Gott alles erlaubt ist. Dem entgegengesetzt steht Lacans Einwand, dass ohne gottgegebener Gesetze am Ende alles verboten sein muss – die Grundlage totalitärer Denkmuster, die wieder wie Flechten quer durch fast sämtliche Gesellschaftsschichten wuchern. So verbleiben wir in der messianischen Starre, die immer eine apokalyptische ist; stets wird der Weltuntergang erwartet, und die Zwischenzeit verbringen wir mit Erkenntnissen und Geschäften in der Wartehalle, bis endlich der Messias durch die Türe tritt. Doch wir werden keinen Frieden haben, solange wir einen Gott brauchen, um Frieden zu haben – solange die Menschen Gott brauchen, um sich wie Menschen zu verhalten, bleibt die Vorstellung vom Frieden bloß die Idee vom Frieden.

Was wir Frieden nennen, ist daher die Maske der Scham über unserem Tun. Die verborgenen Konflikte haben eine neurotische Welt einer epidemischen Nostalgie geschaffen, die uns seit der griechischen Mythologie nicht unbekannt ist. Wege aus der permanenten Schlammzeit liegen durchaus vor uns. Wenn Universitäten ihre Studierenden wieder zum holistischen Denken bringen, bevor sie technische Fertigkeiten oder ökonomische Grundlagen lehren. Denken lehren, also mehr leisten als die Grundlagen zur Schaffung ökonomischer Interessen zur Abdeckung nötiger und darüber hinausreichender Bedürfnisse, können auch wieder zumindest vage Vorstellungen höherer Ziele humanistischer Gesellschaften entwickelt werden. Das ist ein mutmaßlich langer Prozess, der sich über Generationen erstrecken wird. Es ist die Rückkehr zu der alten Welt mit neuen Möglichkeiten. Durchaus möglich, dass unsere demokratische Staatsidee ein Auslaufmodell ist, ein alter Gedanke, der in Demokratien einer permanenten Diskussion und einem endlosen Entwicklungsprozess unterworfen sein muss. Nach dem Ende des Kalten Krieges 1989, während dem Klarheit durch Fronten geschaffen wurde, sind wir nach einer kurzen Phase der Euphorie in eine Unübersichtlichkeit geraten, die wir aus optimistischer Sichtweise auch als fruchtbaren Boden für Neues nach der Krisenfarce betrachten dürfen. Wir befinden uns in einer Zwischenphase, einem Übergang. Nach Antonio Gramscis Definition besteht dieser Zustand gerade darin, dass „das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“.

Gegen den dezenten Kollaps der gesellschaftlichen Ordnung, die wenige Gewinnerinnen und Gewinner und viele Verliererinnen und Verlierer schafft, bildet sich allerdings Widerstand. Bei aller gebotenen Skepsis gegen die mit wenig demokratischer Teilhabe unterfütterte, aber mit viel Energie aufgeladene Umweltbewegung von Greta Thunberg oder den nicht minder von ihren Ideen begeisterten Seenotretterinnen und -rettern, ist darin der Keim einer zivilisierten und daher geordneten Revolution zu entdecken. Diese Gruppierungen werden aller Wahrscheinlichkeit nach wieder in sich zusammenbrechen, aber sie markieren an verschiedenen Stellen der Welt die beginnende Erkenntnis der Notwendigkeit von Neuordnungen.

Fakten, Wahrheit, Wissenschaft

Das Unsichtbarmachen von Fakten ist schwierig geworden. Daher werden Fakten in einer Flut von der Wahrheit nahekommenden Meinungen ertränkt. In der Phase der Unklarheiten werden jedoch die Umrisse der Wahrheiten erkennbar. Es ist eine Paradoxie der Täuschung, dass gerade die Lüge die Suche nach der Evidenz befördert. Den Wissenschaften fällt dabei naturgemäß eine zentrale Bedeutung zu. Wenn das in unsicheren Zeiten im Übermaß und bedauerlicherweise auch missbräuchlich gebrauchte Prädikat „evidenzbasiert“ wieder ein verlässlicher Wert sein soll, muss die Wissenschaft sich vom Verdacht der Korrumpierbarkeit befreien. Käufliche Studien untergraben das Vertrauen und degradieren die verlässlichen Warner und Mahner zu Kassandras, die als tragische Heldinnen und Helden bestenfalls kein Gehör finden.

Es gibt diese hübsche Geschichte, die David Foster Wallace bei einer Universitätsfeier erzählt hat. Die handelt von einem alten Fisch, der durchs Meer schwimmt, dabei zwei jungen Fischen begegnet und zu ihnen sagt, dass das Wasser so herrlich sei – und die jungen Fische fragen, was Wasser sei? Die Pointe ist selbsterklärend und sollte uns aber mit gediegener Fröhlichkeit daran erinnern, dass wir das, was wir als Frieden ansehen, das Ergebnis einer veralteten Definition von Krieg ist. In einem ersten Schritt sollte die Bereitschaft für ein Bewusstsein der fragilen Lage des europäischen Kontinents geschaffen werden, um daraus nachfolgend die entsprechenden Schlussfolgerungen und Konsequenzen ziehen zu können.

Die Verschleierung der Fakten, das Multiplizieren der Komplexität und die Leugnung der Probleme sind nicht die Lösung. Wenn wir unter Frieden einfach die Abwesenheit von organisierter, legitimierter und bewaffneter Gewalt verstehen und nicht auch die Aspekte gesellschaftlicher Repression und existenzieller Not berücksichtigen, haben wir das Verständnis, was Krieg für das einzelne Individuum auch sein kann, nicht erkannt. Frieden ist mehr. Erst wenn wir die gegenwärtige Lage als das bezeichnen, was sie ist, ein Krieg der immer kleiner werdenden Gruppe von Majoritäten gegen die immer größer werdende Gruppe von Minoritäten (der sprachliche Widerspruch von Majorität vs. Minorität ist ein scheinbarer), werden wir vielleicht annähernd das schaffen können, was wir glauben, gerade zu feiern.

Und Napalm riecht noch immer nach Benzin. Wie Sieg riecht, wollen wir besser nie erfahren.

NEWS 13.03.2020

Kommentar

Erschienen in Ausgabe 1/2020