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Im Gegenwartezimmer

Norbert Trawöger sinniert über das Anfangen, die Ungeduld, die Vergegenwärtigung der Gegenwart in der Gegenwart und fragt sich, wie man Expertinnen und Experten erkennt. Dies alles vom Logenplatz aus.

Von Norbert Trawöger

Was schert uns der Moment. In die Hände geklatscht, schon ist er vorbei. Normalerweise interessiert uns doch viel mehr: Was ist morgen? Kaum werden wir festgehalten, ändert sich die Lage, für manche sogar existenziell. Es gibt aber auch Situationen, die einen aus eigenen Stücken nicht mehr vom Fleck wagen lassen. Im Tierreich nennt man diesen Zustand Duldungsstarre, in die so manches weibliche Säugetier beim Begattungsakt fällt. Ob Verharren, Einfrieren den Lustgewinn erhöht und im Falle für wen – oder es gar als Hingabe zu bezeichnen ist – sei dahingestellt. Ich frage mich, ob man solche Situationen mit Absicht für sich und andere schaffen kann, um Erfahrungen zu verursachen, die man sonst nie gemacht hätte und die man dann selber immer wieder und wieder machen will. Zum Beispiel die, ganz freiwillig stillzuhalten, den eigenen Atemzügen oder zumindest der Fantasie wieder mehr zu vertrauen als den Leistungen der Stempeluhr oder Schulglocke.

Nach den Iden dieses März sind wir ausnahmslos alle zu Anfängerinnen und Anfängern in einem kollektiven Ausnahmezustand geworden. Wer Anfänger ist, muss früher oder später etwas anzufangen wissen, selbst wenn es nicht freiwillig geschieht. Als Anfängerin, als Anfänger betritt man Neuland, wenn es auch nicht das erste Mal sein muss. Ein Virus hat unsere Regierung veranlasst, uns aus guten Gründen allesamt in eine Warteposition zu bringen. Ich werde mich nicht in eine Diskussion mit mir verstricken, ob gute Gründe auch triftige sind, daran zweifle ich erstmals nicht. Dies umfassend einzuschätzen, entzieht sich ohnehin meinem Vermögen. Zwischen Meinung und Wissen ist ein gehöriger Unterschied, der ebenso wenig bekannt zu sein scheint wie der zwischen Wetter und Klima. „Woran erkennt man Expertinnen, Experten?“, hat ein Freund von mir provokativ auf einem sozialen Kanal gefragt und selbst darauf geantwortet: „Wenn sie etwas nicht wissen, sagen sie, ich weiß es nicht!“ Es ist sicher nicht das einzige Erkennungsmerkmal, um Fachkenntnis auszumachen, aber verdächtig darf einem bleiben, wer sich im festen Behaupten unerschütterlich zeigt.

Das asynchron Geglaubte und Selbstbehauptete entpuppt sich gerade jetzt als Illusion: Es wurde uns die Kontrolle über unseren Alltag entzogen und erst jetzt bemerken wir, das meiste ohnehin nie unter Kontrolle gehabt zu haben. Wir müssen auf Distanz gehen, um uns als Gesellschaft wieder näherzukommen. (Wie lange, steht auf einem kommenden Blatt.) Dafür werden wir warten gelassen, was mit lassen in etwa so viel zu tun hat wie unsere Wohnung mit einem Heim(at)büro, den englischen Begriff dafür kann ich nicht mehr hören. Unsere Behausungen werden zu exklusiven Gegenwartezimmern für alles. Dort sitzen, arbeiten und leben wir gerade, unterrichten unsere Kinder, spielen Playmobil und Flöte, wie vom Leben bzw. von der Regierung bestellt und werden vorläufig einmal nicht abgeholt.

Warten ist Vollgas am Stand, die Räder (und mitunter auch die Insassen) drehen durch, aber der Grund gibt es nicht her, vorwärtszukommen. Es passiert uns, wir kennen die genaue Dauer meist nicht und warten auf einen Grund, der uns davon befreit. Die Dimensionen des Wartens sind in ihrer Vielfalt konkurrenzlos: Erwartbar stehen wir am Freitagmittag im Stau, warten wir beim Zahnarzt, wobei dabei abzuwarten bleibt, ob er bohrt oder nicht. In freudiger Erwartung sitzt die Anglerin, der Angler beim Fischen und wartet still zu, bis der große Fisch anbeißt. Wir warten auf die Straßenbahn, nicht ohne auf der Anzeige entnehmen zu können, wie lange dies noch sein wird. Eine perfidere Form des Erwartens illustriert sich in der Wiener Ausdrucksweise: „Der kumt scho no in mei Gossn!“ Was nichts anderes meint, als dass man vielleicht für jetzt den Kürzeren gezogen hat, aber noch lange nicht den Tag vor einem früher oder später kommenden Abend loben soll, der Gegenteiliges verheißt. Abwarten und Tee trinken. Der machtbewusste Chef – wobei die eigentliche Frage ist, warum er sich seiner Macht derartig bewusst sein muss – weiß kein Meeting pünktlich zu beginnen. Das zeitverzögerte Vorgelassenwerden macht die Untergebenen erst richtig zu solchen. Die Schauspielerin weiß die Pause zu halten und erhebt ihre Stimme im unfehlbaren Timing. Spannung wird erwartet.

Mir ist erst vor einigen Jahren bewusst geworden, warum ich unmäßig empfindlich reagiere, wenn mich jemand warten lässt. Ich musste es als Kind trotz zeitlicher Versprechungen oft stundenlang. Wenn ich heute warten gelassen werde, ich langsam aber sicher hochzugehen drohe, kommt mir meist diese Erkenntnis in den Sinn und ich beginne mich zu entspannen. Als Kind werde man oft in den Stärken, die mitunter noch gar nicht so bemerkbar sind, verletzt, habe ich einmal gehört. Ungeduld fiel mir schon immer leicht.

John Cage schrieb 1952 mit 4’33” das wohl radikalste Musikstück des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine Spielerin, ein Spieler betritt die Bühne, erhebt ihr, sein Instrument und verharrt in drei Sätzen insgesamt vier Minuten und dreiundreißig Sekunden in stiller Spielhaltung, bevor diese wieder aufgelöst wird. Man wundert sich vielleicht, wie lang das Stück dauert, fragt sich, ob das Musik ist und dies nicht jede, jeder komponieren hätte können (Wo war sei Leistung?) – oder verliert den Kopf, um einfach dem zu lauschen, was gerade hörbar ist: das Knarren eines Stuhls, das Klappern der künstlichen Herzklappe des Sitznachbarn (Ich habe es wirklich gehört!), ein Vogelgezwitscher oder Bremsgeräusch von außen oder gar das Knurren des eigenen Magens, das zum Explosionsgeräusch ausartet. Cages Zeitraum katapultiert eine, einen in den Augenblick und schenkt uns und dem Unbemerkten Bedeutung. Aber nur wenn man will und dieses Wollen heißt, nichts zu wollen, nur horchen, schauen. Eine mögliche Situation der Vergegenwärtigung der Gegenwart in der Gegenwart.

Sich selbst im Ausnahmezustand vom Logenplatz aus solche Gedanken erlauben zu können, ist unverdient. Wo war mei Leistung? Ich habe absolut gar nichts dafür geleistet, hier geboren worden zu sein und leben zu dürfen. Wenn ich darüber nachdenke, und ich zwinge mich dazu, merke ich schnell, wie privilegiert ich bin. Eine nüchterne Tatsache, die dazu anstiften kann, hin und wieder zumindest dankbar zu sein, und demütig, wenn schon nicht gleich glücklich. Ich weiß, Demut, die große Schwester der Verantwortung, kommt uns selten in den Sinn. Solche Tatsachen sind uns zumutbar und bedenkenswert. Übrigens ein Alleinstellungsmerkmal des Homo sapiens ist, selbst denken zu können: die unzähligen Möglichkeiten des Nachdenkens und Vordenkens und Jetzt-Denkens. Es ist ein menschliches Vermögen, das Denkvermögen, an das wir zu oft gar nicht denken.

„Wenn ‚authentisch‘ das schlimmste Wort ist, welches ist dann das unverbrauchte Wort, zu dem man sich retten könnte?“, wurde der Dramatiker René Pollesch in „Die Zeit“ (Nr. 36/2012) gefragt, er antwortete: „Das Wort ‚konkret‘ vielleicht.“ Unzählige Menschen kämpfen auf unserem Erdball täglich, ob zu Hause oder auf der Flucht, mit dem nackten Überleben. Viele Menschen haben, während wir uns in unseren komfortablen Warteräumen weiträumig der Entschleunigung hingeben konnten, konkret dafür gesorgt, dass der Müll weggebracht wird, das öffentliche Leben geregelt abläuft, und sich vor allem um die hilfsbedürftigen Menschen in Spitälern, Altersheimen oder zu Hause gekümmert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstellen lebensrettende Statistiken und forschen Tag und Nacht an Mitteln gegen das Virus. Das ist konkret. Konkret sein rettet Leben und den Tag. Konkret sein ist großartig, wie die menschliche Fantasie. Menschen ohne Fantasie haben keine Hoffnung. Nur durch sie bewegen wir uns vorwärts, kann die Welt vielleicht auch ein wenig besser werden. Fantasie hat eine Muskulatur. Alexander Kluge bezeichnete sie als Fluchttier, evolutionär dafür gemacht, uns Gefahren auszumalen: „Intelligent wäre es, das zuzulassen. Kenntnis der Notausgänge zum gegenwärtigen Zeitpunkt, das wäre etwas, das wir beherrschen lernen könnten.“ Wer sich auf den Kopf stellen muss, fällt mitunter auf die Füße.

NEWS 29.05.2020

Kepler Salon

Erschienen in Ausgabe 2/2020