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„Meine Eltern retteten mir das Leben“

DIE KEPLER TRIBUNE hat die Holocaust-Überlebende Joanna Sobolewska-Pyz, über deren trauriges Schicksal eine Ausstellung an der JKU erzählte, zum Interview getrofen.

Von Sandra Chociwski

Die Holocaust-Überlebende Joanna Sobolewska-Pyz
Foto: Verband "Kinder des Holocaust" - Jacek Gałązka

Sie ist eine kleine, zierliche Frau mit starker Stimme und einer Lebensgeschichte, die bewegt. Als Joanna Sobolewska-Pyz sich bei der Vernissage der Ausstellung „Meine jüdischen Eltern, meine polnischen Eltern“ ans Podium im Hörsaalgebäude der Johannes Kepler Universität setzt, wird es still im Raum. Die leisen Gespräche, die bis jetzt zu hören waren, verstummen. Mit zitternden Händen erzählt die im Jahr 1939 geborene Joanna Sobolewska-Pyz von ihrer Geschichte, ihrem Schicksal: Sie überlebte den Holocaust, weil sie als Kleinkind von ihrer Mutter aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt und von nichtjüdischen Eltern adoptiert wurde. Seitdem sie von ihrem Schicksal weiß, sei sie wie besessen davon, mehr über andere Menschen mit ähnlicher Geschichte zu erfahren, sagt sie.

Die pensionierte Soziologin forschte jahrelang in Archiven und ist Vorsitzende des Vereins „Kinder des Holocaust“ in Polen. Ihre eigene Geschichte rekonstruierte sie erst als Erwachsene. Doch damit ist sie nicht alleine. Sobolewska-Pyz  war eines der etwa 5000 jüdischen Kinder, die vor der Shoa in dem vom Deutschen Reich besetzten Polen gerettet werden konnten. Einige von ihnen wurden als Babys in Gärten von Häusern oder Wohnanlagen abgelegt, andere in Kofern aus dem Warschauer Ghetto getragen. Die meisten von ihnen haben nie erfahren, wer ihre leiblichen Eltern waren oder wann sie geboren wurden. Viele von ihnen fanden Schutz und ein neues Zuhause in polnischen Familien. Und 15 dieser Einzelschicksale hat Inka, so ihr Spitzname, in Zusammenarbeit mit dem Autoren-Ehepaar Anna Kolacinska-Galazka und Jacek Galazka sowie dem Fotografen Maciej Smiarowski zu einer Ausstellung vereint, die sensibel und ergreifend nicht nur über die Kriegsgeschichte, sondern auch über die Lebenswege dieser Familien erzählt.

Frau Sobolewska-Pyz, im Unterschied zu den meisten anderen betroffenen Kindern wissen Sie, dass sie am 31. Juli 1939 in Warschau geboren wurden und ihre ersten Lebensjahre im Ghetto verbracht haben. Haben Sie Erinnerungen an diese Zeit?

Ich kann mich an nicht viel erinnern, nicht mal mehr an die Gesichter meiner Eltern. Meine Mutter ging mehrmals mit mir durch die Kanäle, um ihre befreundete Lehrerin Frau Nicz zu besuchen. Ich habe mich immer gefragt, warum sie das tat. Vielleicht wollte sie mich dortlassen, aber es iel ihr zu schwer. Sie hat mich immer wieder ins Ghetto zurückgebracht. Ich weiß, dass ich an dem Tag, als mich meine Mutter doch aus dem Ghetto schleuste, schmutzig und verlaust war. Das war einen Tag vor Beginn der Aufstände. Meine ersten echten Erinnerungen beginnen aber mit dem Moment, als ich meine neuen Eltern zum ersten Mal gesehen habe. Es war in der Wohnung von Frau Nicz, und ich spielte auf dem Boden. Sie sagte zu mir: „Das sind deine Eltern.“ Meine neue Mutter war bunt gekleidet und hübsch. Meinen Vater mochte ich auch. Frau Nicz hat mir eine Jacke und einen großen Hut angezogen, und so fuhr ich in mein neues Zuhause.

Wissen Sie, wie Sie aus dem Warschauer Ghetto gebracht wurden? Ja. Wahrscheinlich gingen meine Eltern mit mir auf den Umschlagplatz. Ich nehme an, sie konnten sich nicht von mir trennen. Sie warteten bis zur letzten Minute. Meine Mutter übergab mich einem blauen Polizisten, dem sie vertraute. An meiner Kleidung hing ein Zettel mit der Adresse von Frau Wanda Nicz, der Lehrerin meiner Mutter. So konnte mich der Polizist zu ihr nach Zoliborz bringen. Frau Nicz konnte mich allerdings nicht bei sich behalten, weil sie bereits die Tochter ihrer Cousine bei sich versteckte. Aber sie fand neue Eltern für mich. Ich war damals vier Jahre alt.

Wer wurden Ihre neuen Eltern? Wie war das Verhältnis zueinander?

Meine Mutter hieß Anastazja. Sie war Russin. Sie lernte meinen Vater Walerian in Sankt Petersburg kennen, als dieser dort studierte. Sie gingen zusammen nach Polen und heirateten 1927. Anastazja wurde mit 44 Jahren meine Mutter, und sie hat mich wirklich geliebt. Mein Vater war ein reifer Mann, als er sich entschied, ein jüdisches Kind zu retten. Die Konsequenzen waren ihm bewusst. Er kam bereits kurze Zeit später ins Gefängnis. Mama und ich gingen jeden Tag in die Stadt, um auf den ausgehängten Listen mit den Namen der Erschossenen nachzusehen, ob er auch dabei war. Zum Glück kam er nach einigen Monaten wieder zurück. Nach dem Krieg, zur Zeit Stalins, wurde er wegen Wirtschaftssabotage angeklagt und verurteilt. Sechs Jahre später kam er frei. Meine Mutter war herzkrank und hatte hohen Blutdruck und musste in dieser Zeit schwere körperliche Arbeit verrichten, um uns zu ernähren. Sie starb im Jahr 1958 mit 59 Jahren. Ich weiß, dass ich ihre Tochter war. Das waren ihre letzten Worte am Sterbebett zu mir. „Du bist meine und nur meine Tochter“, sagte sie. Das Verhältnis zu meinem Vater nach Mamas Tod war angespannt. Er war ja während meiner Kindheit lange weg, ich war später ein leichtsinniger Teenager und er ein älterer Mann. Eines Tages, während eines Streits, sagte er mir dann, dass ich nicht die Tochter von ihm und Mama sei.

Haben Sie so von Ihrer echten Identität erfahren?

Ja. Ich war damals 18 Jahre alt. Das war ein entsetzlicher Augenblick für mich. Wir haben uns angeschwiegen, aber danach erzählte er mir alles, was er über mein Schicksal wusste.

Wie sind Sie mit dieser neuen Wahrheit umgegangen?

Es war ein gewaltiger Schock. Es schien, als ob meine ganze Welt innerhalb einer Sekunde aufhörte zu existieren. Alles, was ich von mir wusste, erwies sich als unwahr. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Deshalb begann ich, Spuren aus der „anderen Welt“ zu verfolgen. Ich schaltete Anzeigen in israelischen Zeitungen und fand so Verwandte in Großbritannien und Israel, die den Holocaust überlebt hatten. Ich sprach mit Menschen, die meine nächsten Verwandten kannten und durchforschte während meines Studiums in Warschau die Archive.

Konnten Sie auch mehr über Ihre leiblichen, Ihre jüdischen Eltern erfahren?

Vor einigen Jahren fand ich ein Bild aus der Gymnasialzeit meiner Mutter. Ihr Name war Halina Grynszpan. Sie starb 1943, im gleichen Jahr, als sie mich weggegeben hat. Damals war sie 29 Jahre alt. Auf dem Foto sieht sie sehr ernst aus mit ihrer Brille. Das ist das Einzige, das ich von ihr habe. Von meinem jüdischen Vater weiß ich nur, dass er Tadeusz Grynszpan hieß und 1943 gestorben ist.

Sie sind 79 Jahre alt. Was empfinden Sie, wenn Sie auf Ihr Leben und Ihr Schicksal zurückblicken?

Ich wurde unter einem glücklichen Stern geboren. Ich habe in meinem Leben mehr Gutes als Schlechtes erfahren. Ich habe von Anfang an freundliche Menschen getroffen. Zuerst wurde mein Leben gerettet, dann umgab man mich mit Fürsorge, und ich bekam alles, was ein Kind von seinen Eltern bekommen kann: Liebe, Nähe und Wärme. Wenn ich lese, wie das Leben im Ghetto war, kommt es mir wie ein Wunder vor, dass ich überlebt habe.

1938 erfolgte der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. 2019 jährt sich der Einmarsch deutscher Truppen in Polen zum achtzigsten Mal. Wie beurteilen Sie die aktuelle politische Lage angesichts dieser bedeutenden Mahnjahre?

Es gibt Ähnlichkeiten zwischen dem Fremdenhass heute und dem Judenhass damals. Da habe ich keine Illusionen. Den Antisemitismus hat es immer gegeben, und es wird ihn immer geben. Was die Leute damals erleben mussten, das darf nicht vergessen werden und es darf sich niemals wiederholen. Darum werde ich meine Geschichte weitererzählen. Es ist das Einzige, das ich machen kann.  

NEWS 22.06.2018

Im Gespräch

Erschienen in Ausgabe 2/2018

DAS WARSCHAUER GHETTO
Die meisten Warschauer Juden lebten im Ghetto. Der sogenannte Jüdische Wohnbezirk im Zentrum der Stadt war von 1940 bis 1943 von einer drei Meter hohen Mauer umschlossen und wurde hermetisch von der SS bewacht. Auf nur vier Quadratkilometern waren zeitweise bis zu 500.000 Menschen eingeschlossen. Im Herbst 1942 waren es nur noch 60.000. Denn das größte Sammellager des Zweiten Weltkrieges diente dazu, polnische und deutsche Juden von dort aus in das Vernichtungslager Treblinka zu deportierten. Ein Entkommen gab es kaum. Der Weg auf die „arische Seite“ der Stadt führte durch die Kanalisation. Vor allem Kinder wurden so hinausgeschleust. Innerhalb des Ghettos sorgte die „Blaue Polizei“, polnische Polizeitruppen unter deutscher Aufsicht, für Ruhe. Sie galten als Kollaborateure und Verräter, doch es gab Ausnahmen. Das Warschauer Ghetto war auch Schauplatz der größten Widerstandsaktion gegen den vom Deutschen Reich begangenen Völkermord: dem sogenannten Jüdischen Aufstand. Am 19. April 1943 begann der Aufruhr, als sich unzureichend bewaffnete jüdische Polen gegen die Deportation wehrten. Am 16. Mai verkündete der deutsche Befehlshaber Jürgen Stroop die Niederschlagung des Aufstandes. Am selben Tag wurde die Große Synagoge gesprengt und die systematische Zerstörung des jüdischen Wohnbezirkes begonnen. Auf einem Teil des Geländes wurde das Anastazja Sobolewska Warschauer Konzentrationslager errichtet.