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Mr. Security und die JKU

Gerhard Eschelbeck, Sicherheitschef von Google und JKU-Absolvent, im Interview.

Von ULRIKE RUBASCH

Der Google Sicherheitschef Gerhard Eschelbeck im Porträt
Foto: privat

Herr Eschelbeck, die großen Fragen der Menschheit auf Ihr Fachgebiet der Computerwissenschaften umgelegt: Woher kommen wir und wohin gehen wir?

Als ich mein Studium begann, füllten Supercomputer ganze Räume und benötigten ein Team von Experten. Heute ist jedes Smartphone leistungsfähiger, und die junge Generation weiß manchmal mehr darüber als Professoren. Die junge Generation ist nicht limitiert durch existierende Denkmuster – diese Freiheit erlaubt neue Ansätze und neue Ideen. Die Komplexität des menschlichen Körpers und Gehirns hat viele Stärken und dient als Vorbild für Anwendungen im Bereich Artificial Intelligence (AI). Ein sehr gutes Beispiel für eine Veränderung in der Zukunft, das ich sehr realistisch sehe, ist das autonome Automobil. Trotz großer Skepsis der heutigen Autofahrer sind selbstfahrende Autos durch Einsatz von AI heute schon wesentlich sicherer als viele Autofahrer. Und: Sie halten sich immer an die Verkehrsregeln.

In welchen Lebensbereichen hat Artificial Intelligence (AI) schon heute eine große Rolle und wo werden wir noch große Veränderungen sehen?

Technologie bleibt nicht stehen und wird immer wieder neue Veränderungen bringen. AI ist ein gutes Beispiel dafür. Die Auswertung und Bearbeitung von verschiedenen Datensätzen umfasst heute alle Forschungsbereiche und hat sehr viel Potenzial für neues Lernen. Zum Beispiel erfordern selbstfahrende Autos die Zusammenarbeit verschiedenster Disziplinen und wären ohne AI undenkbar. Diese Bereiche stellen eine große Chance für unsere Zukunft dar. Sehr junge, ideenreiche Umgebungen mit hochmotivierten Mitarbeitern an Universitäten und in der Wirtschaft arbeiten an neuen, anfangs sogar verrückt erscheinenden Ideen. Die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen, rasches Prototyping, das Lernen aus Fehlern und das Verstehen der Benutzerbedürfnisse gehören zu dieser Innovationskultur, die AI hervorbrachte. Diese positive Hoffnung für die Zukunft, bisher unlösbare und komplexe Probleme zu lösen, wird traditionelle Bereiche wie Medizin, Finanzen und auch Logistik revolutionieren.

Viele Menschen befürchten, dass AI ihre Jobs und ganze Branchen überflüssig macht, von Bus- und Fernfahrern bis zu Journalisten und Juristen. Wo liegen die Chancen und wo die Gefahren der AI für die Arbeitswelt der Zukunft?

Wir sind mitten in einer Informationsrevolution, stehen meiner Meinung nach aber noch am Anfang dieser Entwicklung. Machine Learning und Artificial Intelligence werden unser Leben weiter vereinfachen und die Arbeitswelt verändern. Diese Informationsrevolution setzt Ressourcen frei, die neu genutzt werden können. Meine Karriere war vor 25 Jahren nicht wirklich absehbar. Computersicherheit wurde zu der Zeit nicht als zentral angesehen. Ich war einer unter wenigen, heute bin ich einer unter vielen. Eine ähnliche Entwicklung ist in der Artificial Intelligence zu erwarten.

Das Internet sieht alles und weiß alles. Der Schutz der Privatsphäre hat mit der jüngsten Datenschutzdebatte wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen. Wie halten Sie es persönlich mit der Privatsphäre?

Das Internet ist eine offene Plattform und jeder Benutzer muss mit diesem Bewusstsein umgehen. Computersicherheitsstandards sind heute schon sehr gut, und auch das Bewusstsein der Anwender, Sicherheitsmaßnahmen zu setzen, hat sich verbessert. Eine der kritischen Schwachstellen im Internet sind Passwörter. Das noch häufigste Passwort im Internet ist 123456. Ich empfehle allen Benutzern, ihre Passwörter regelmäßig zu ändern. Ich verwende zusätzlich zum Passwort noch einen Security Key als zweiten Faktor.

Welcher ist der derzeit spannendste Forschungsbereich für Sie?

Google hat den Zugang zu und den Austausch von Information ermöglicht und dadurch eine offene Plattform geschaffen, die globale Innovation erlaubt. Unser Ziel sind sogenannte „moonshots“, bei denen es nicht um eine inkrementelle Verbesserung geht, sondern eine zehnfache angestrebt wird. Nach 25 Jahren ist meine Arbeit für Informationssicherheit so spannend und interessant wie am ersten Tag. Ich sehe meine Aufgabe in Computersicherheit nicht nur als Mission, sondern als absolute Notwendigkeit. Wir benutzen ein Smartphone, wir verwenden GPS im Auto, wir bezahlen mit mobilen Applikationen. Unsere Technologie umfasst sehr viele Bereiche des modernen Lebens und unsere Aufgabe ist es, diese Systeme zuverlässig und sicher zu machen.

Forscher wie Prof. Walter Ötsch (JKU) sagen, die Digitalisierung hätte bisher kaum Produktivitätsgewinne gebracht. Deckt sich das mit Ihrer Wahrnehmung, und wie könnte das in Zukunft sein?

Viele nehmen den Produktivitätsgewinn durch die Informationsfülle vielleicht nicht wahr. Natürlich ist ein gewisser Lernprozess notwendig. Digitalisierung gibt Benutzern die Möglichkeit, früher aufwendige manuelle Prozesse in der digitalen Welt unmittelbar und sofort zu erledigen (z.B. Banking, Einkaufen, Navigation usw.). Selbstverständlich erfordert dies ein gewisses Know-how und auch die Offenheit zu lernen.

Viele Menschen haben Angst vor neuen Entwicklungen in der Technik. Was ist Ihre größte Angst?

Ich möchte von den Wörtern „Angst und Furcht“ vor der Technik abkommen. Neue Entwicklungen haben Vorund Nachteile, und unsere Aufgabe ist es, die Nachteile zu minimieren. Das ist keine einmalige Aktion, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der in einem sehr sicheren Ergebnis endet. Wenn ich wieder das Auto als Beispiel verwenden darf, ein Oldtimer ist besser als kein Auto, aber sicherlich schlechter als ein Auto mit neuester Sicherheitstechnologie. Man sollte diese Entwicklung mit Respekt, aber nicht mit Angst sehen, und vor allem diese Zukunft aktiv mitgestalten.

Wie können wir uns Ihre Aufgabe bei Google vorstellen?

Computersicherheit ist ein strategisches Thema für Google, und meine Aufgabe ist es, das Team von Experten auszubauen und zu führen. Weiter ist es in meiner Position wichtig, die technische Ausrichtung unserer Sicherheitstechnologien zu definieren. Mit den rasant wachsenden Aufgaben wächst natürlich auch das Sicherheitsteam. Ich habe vor vier Jahren mein Team mit 300 Mitarbeitern übernommen, und heute sind wir ein Team von etwa 1000. Acht-Stunden- Tage gibt es in Computersicherheit nicht. Unsere Netzwerke müssen 24 Stunden sicher sein. Mein Team arbeitet rund um die Uhr, mit weltweiten Standorten in den USA, Europa und Asien. Das Vertrauen der Benutzer sehe ich als eine große Verantwortung. Ich habe ein großartiges Team – keine Person kann dieses Problem alleine lösen. Meine Aufgabe ist es, Ressourcen bereitzustellen und Umgebungen zu schaffen, in denen meine Teams erfolgreich und motiviert sind.

Sie leben ja in Silicon Valley. Was beeindruckt Sie am meisten in Hinblick auf den berühmten Spirit des Valley?

Wo könnte sich Europa oder Österreich etwas abschneiden? Das Leben im Silicon Valley ist sehr unkompliziert, und der Talentepool ist immer wieder beeindruckend. Die Amerikaner sind sehr offen und freundlich, und wir haben viele amerikanische, österreichische und internationale Freunde. Wir haben mehr als 300 Sonnentage im Jahr, sind in 30 Minuten beim Meer und in drei Stunden zum Schifahren. Die Umgebung ist sehr ungezwungen – und entgegen jeder Erwartung – gehören Jeans zu meiner Dienstkleidung. Es ist sehr schwierig, das Silicon Valley und Europa zu vergleichen, und ich glaube nicht, dass Europa skeptischer gegenüber Technologie ist. Jedoch bin ich der Meinung, dass Europa weniger Risikobereitschaft zeigt.

Inwieweit verfolgen Sie die Entwicklung der Linzer Universität als Ihrer wissenschaftlichen Heimat mit?

Als Absolvent der JKU bin ich ganz besonders dankbar und auch stolz auf die international anerkannte Forschung und Lehre in Linz. Ich denke sehr gerne an meine Studienzeit zurück, an die langen Nächte vor Klausuren und insbesondere an die vielen Kollegen, mit denen ich gemeinsame Vorlesungen besuchte. Ich habe nach wie vor gute Kontakte zur Linzer Universität, zu ehemaligen Kollegen und der akademischen Leitung. Rückblickend war mein Studium an der JKU die wohl wichtigste Entscheidung in meinem Leben.

Wo sehen Sie das größte Potenzial?

Eine der größten Herausforderungen des Silicon Valleys sind die Entwicklungs- und Standortkosten. Daher haben Standorte mit exzellentem Talent, höchster Ausbildung und gutem Lebensstandard sehr hohe Zukunftschancen und Attraktivität. Ein großes Potenzial steckt in der Förderung einer Innovationskultur, wie ich sie oben bereits erwähnt habe. Essenziell für mich ist das Denken in Lösungen und nicht in Problemen. Um den Überblick wieder zu gewinnen, ist ein Schritt zurück oftmals ein Schritt vorwärts. Insbesondere die Offenheit für andere Meinungen und Kritik kann ein wichtiger Denkanstoß sein.

Wie ist in den USA der Austausch zwischen Universität und Wirtschaft und im Vergleich dazu in Österreich?

Die heutigen Studierenden sind die Zukunftsmotoren der Wirtschaft. Das Valley ist ein Melting-Pot der besten Köpfe aus der ganzen Welt, mit viel Startkapital und mit Top-Universitäten wie Stanford und Berkeley, die Ideeninkubatoren sind. Die Ansprüche und Erwartungen sowie auch der Wettbewerb sind sehr hoch und werden gut belohnt.

Wir in Österreich leiden sehr unter Fachkräftemangel und dennoch steigen die Absolventen der MINT-Fächer nicht. Was würden Sie – ohne Sie in die Rolle des außenstehenden „Besserwissers“ drängen zu wollen – den Linzer TNF-Verantwortlichen empfehlen, wie sie mehr Interesse für ihre Fächer in der Bevölkerung erzielen können?

Die Technologiebegeisterung sollte bereits in sehr jungen Jahren erfolgen, da im Schulsystem die Weichen in Richtung Technologie oft mit 14 – und daher viele Jahre vor dem Eintritt in die Universität – gestellt werden.

Welche Bereiche stechen an der JKU aus Ihrer internationalen Vogelperspektive hervor?

Die naturwissenschaftlichen Forschungsbereiche an der JKU sind heute sehr breit angelegt, sodass ich mir eine zukünftige Entwicklung mit Schwerpunktforschung vorstellen könnte. Natürlich würde es mich als Absolvent der JKU besonders freuen, das Thema Informationssicherheit als einen der Schwerpunkte an der JKU zu finden.  

NEWS 28.09.2018

Im Gespräch

Erschienen in Ausgabe 3/2018