schließen

Weltharmonik reloaded

Grundstürzende Erkenntnis damals und heute. Die gekürzte Fassung eines Vortrags, den MEINHARD LUKAS beim Wissenschaftsempfang von Landeshauptmann Thomas Stelzer am 8. Mai 2018 gehalten hat.

Von Meinhard Lukas

Am 15.5.1618 war es so weit. Johannes Kepler hat im Haus mit der Adresse Hofgasse 7 in Linz jenen Zusammenhang zwischen der Größe der Bahn und der Zeit für einen Umlauf um die Sonne entdeckt, den wir heute das 3. Keplersche Gesetz nennen. So bahnbrechend auch diese Erkenntnis war, so unverstanden und unbedankt blieb sie zu Keplers Lebzeiten. Wäre das 400 Jahre später anders? Wagen wir ein Gedankenexperiment: Transferieren wir das Genie Keplers in unsere heutige Zeit, an unseren heutigen Wissenschaftsstandort. Ist hier und heute Raum für grundstürzende Erkenntnisse, für eine Revolution des Denkens und der Perspektive von Keplerschem Rang?

Wer diese Frage für sich vorschnell bejaht, unterschätzt vermutlich, wie sehr jemand von der visionären Kraft Keplers das Vorstellungsvermögen selbst der Fachwelt – oder besser: der Fachwelten – seiner Zeit, und erst recht seiner Geldgeber, sprengt. Wie soll sich aber durchsetzen, was selbst den Horizont der anerkannten Expertinnen und Experten übersteigt? Hier wird im Fremdbild der Grat zwischen Fantast oder gar Spinner einerseits und Genie andererseits mehr als schmal. So sprechen denn auch die Landstände ob der Enns, also die Vorläufer der heutigen Landespolitik, davon, dass Kepler mit seiner astronomischen Forschung Hirngespinsten nachgehe, anstelle pflichtgemäß Oberösterreich zu vermessen.

Stellen wir vor diesem historischen Hintergrund also die unvermeidlichen hypothetischen Fragen: Würde sich jemand mit der Persönlichkeit und dem Genie Keplers mit einem grundstürzenden Werk vom Rang des Keplerschen OEuvres in der heutigen Welt der Wissenschaft behaupten? Würde er sich in einem universitären Berufungsverfahren unserer Zeit durchsetzen? Würde er Gutachter, Berufungskommission und Rektor überzeugen, obwohl er den durch Gutachter und Berufungskommission repräsentierten Meinungsstand geradezu pulverisiert? Obwohl er sich der Unileitung als mehr als herausfordernde Persönlichkeit präsentiert? So schreibt Kepler selbst über seinen Charakter: „In mir ist Heftigkeit, Unduldsamkeit gegen lästige Menschen, unverschämte Lust am Spotten wie auch am Spaßmachen, schließlich dreiste Kritiksucht, da ich niemanden unangefochten lasse.“

Würde sich ein solch streitbarer Ausnahmewissenschaftler in einer Welt der alles dominierenden Journals und der Antragsforschung – Stichwort ERC, FWF usw. – durchsetzen, obwohl er mit seinen Arbeiten und Proposals notwendigerweise das Weltbild der Gutachter auf den Kopf stellt? Oder noch zugespitzter gefragt: Wird er als AHS-Lehrer für Mathematik mit dem Selbstbild Universalgelehrter in der heutigen Welt der Wissenschaft überhaupt angehört? Diese Fragen stellen, heißt sie fast schon beantworten. Ein Genie vom Rang Keplers überfordert mit seinen Thesen vermutlich selbst heute eine scientific community, die hochgradig am Neuen, am Originellen interessiert ist.

Gewiss: Die formulierten Fragen sind allzu hypothetisch, allzu konstruiert. Genie und Werk Keplers sind untrennbar mit der Zeit verbunden, in der er lebte. Er wurde hineingeboren in eine Welt, die noch entdeckt, die noch vermessen werden wollte. Eine grundstürzende Erkenntnis folgte auf die nächste. Jede für sich von einem Rang, dem nach heutigen Maßstäben der Nobelpreis allein kaum gerecht würde. Dazu kommt, dass das Universitätswesen Staat und Gesellschaft noch bei weitem nicht in dem Maße durchdrungen hatte, wie das heute der Fall ist.

Religion und Theologie nehmen dagegen in der Zeit der Reformation und Gegenreformation auch bei naturwissenschaftlichen Betrachtungen eine herausragende Bedeutung ein. Und noch viel wichtiger: Während heute die Spezialisierung als unumstößliche Grundbedingung einer erfolgreichen Forscherkarriere angesehen wird, war damals die Universitas Wissenschafts- und Bildungsideal. Kepler sah sich selbst als Theologe, Philosoph, Mathematiker, Physiker, Astronom, Naturforscher und vielleicht auch Musikwissenschaftler, also als einen Universalgelehrten. Allrounder würden wir heute eher abschätzig dazu sagen.

Kepler hat bereits im Rahmen seines Theologiestudiums mit dem Weltbild des Copernicus Bekanntschaft gemacht. Ein Weltbild, das damals ja noch auf erbitterten Widerstand vor allem der kirchlichen Lehre stieß. Und doch machte Kepler die allseits angefochtene kopernikanische Lehre zum Ausgangspunkt seiner astronomischen Forschung. Ja mehr noch: Er lieferte auch noch das mathematische Fundament dafür. „No risk, no fun“, würde man heute neudeutsch zu einem solch kühnen Forschungsansatz sagen.

Dieser unglaubliche wissenschaftliche Schneid, noch dazu eines gottesfürchtigen Mannes, sucht damals wie heute seinesgleichen. Haben zur Zeit Keplers vor allem die kirchlichen Dogmen der bahnbrechenden Erkenntnis Grenzen gesetzt – auch Bücher von Kepler landeten auf dem römischen Index der verbotenen Bücher –, sind es heute – so fürchte ich – akademische Rituale und Hackordnungen, die zumindest da und dort zum Stolperstein für grundstürzende Einsichten werden könnten. Karriere, Ansehen und Standing, ja selbst Hirsch-Faktor und Ranking sind gewiss hilfreich für eine Orientierung in der Welt der Wissenschaft. Sie können aber auch dazu beitragen, den wahren Wert einer wissenschaftlichen Arbeit oder eines ganzen Werks zu unterschätzen oder zu überhöhen. Auch darüber sollten wir nachdenken, wenn wir uns Wissenschaftler vom Rang Keplers als Teil unserer heutigen scientiic community imaginieren.

Eine herausragende Eigenschaft Keplers darf bei unserem Gedankenexperiment keinesfalls außer Betracht bleiben. Kepler denkt und forscht „aus einem Guss“, wie es Thomas Posch in seiner Biographie so treffend formuliert. Sein Denken vermag Weltanschauung und Wissen, poetischen und mathematischen Weltzugang wie selbstverständlich zu vereinen. Harmonices Mundi ist gewissermaßen der Höhepunkt des allumfassenden Forschungsansatzes von Kepler. Gerade ein Werk wie die Weltharmonik aus der Feder nur eines Autors würde nun aber in unserer Zeit vermutlich erheblicher Skepsis begegnen. Wem traut man heute schon zu, Geometrie, Musiktheorie, Himmelsmechanik, Naturphilosophie und Theologie auf jeweils höchstem Niveau zu beherrschen und sich zwischen diesen Fachwelten quasi traumwandlerisch zu bewegen?

Im Zeitalter eines granularen, ja geradezu atomisierten Wissens spricht viel für eine Renaissance eines ganzheitlichen Forschungsansatzes. Auch das könnte eine Lehre aus der durch Kepler so wesentlich geprägten Wissenschaftsgeschichte der Neuzeit sein. Niemand geringerer als Sir Isaac Newton hat unter anderem an Johannes Kepler gedacht, als er sagte: „Wir Zwerge stehen auf den Schultern von Giganten.“ Der Gigant Kepler hat uns gerade heute – weit über sein Werk hinaus – viel zu sagen. Er sollte uns auch viel zu denken geben.  

NEWS 22.06.2018

Kommentar

Erschienen in Ausgabe 2/2018