Im Gespräch Ausgabe 3/2021

Autoritarismus und Monolösungen

Nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ vor mehr als drei Jahrzehnten behauptete eine Zeitdiagnose das „Ende der Geschichte“. Seither beobachten wir das Gegenteil: Gesellschaften wandeln sich rasend schnell. Gegenwärtig wird gar eine Mehrfachkrise diagnostiziert: Klima-, Migrations-, Finanz-, Demokratie- und zuletzt auch Gesundheitskrise. Wenngleich Krisendiagnosen und -therapien variieren, steht eines fest: Es ist kompliziert.

Wie können Gesellschaften die Herausforderungen dieser Mehrfachkrise bewältigen? Autoritäre Regime rühmen sich für rasche und durchschlagende Maßnahmen: China bekommt Covid-19 in den Griff, Ungarn das Flüchtlingsproblem, Singapur den Klimawandel, so deren Selbstdarstellung. Demgegenüber stehen demokratische Gesellschaften in der Kritik, zu langsam und unentschlossen auf die Herausforderungen zu reagieren.

Diese scheinbare Schwäche demokratischer Gesellschaften ist jedoch deren große Stärke: Sie beziehen die Interessen und Werte ganz unterschiedlicher Teile der Bevölkerung mit ein. Dieses Vorgehen kostet viel Zeit und Mühe und endet oft in Kompromissen, keine Frage. Doch es eröffnet nachhaltigere Entwicklungspfade in Richtung einer sozialökologischen Transformation. Der autoritäre Ansatz, einfache Lösungen für komplexe Probleme anzubieten, ist eine Scheinlösung. Der demokratische Ansatz sucht nach Lösungen, die so komplex wie nötig und so einfach wie möglich sind. Allerdings ist er voraussetzungsreich. Er benötigt Akteur*innen, die bereit sind, sich auf den Prozess einzulassen und auch komplexe Antworten zu akzeptieren.

Und diese Akteur*innen müssen über das nötige Wissen verfügen, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Hier kommen auch die Sozial- und Kulturwissenschaften ins Spiel. Sie hinterfragen und ergänzen rein wirtschaftlich oder technologisch orientierte Zugänge. Das Elektroauto allein wird die Klimakrise nicht lösen. Ein Impfstoff allein wird die Gesundheitskrise nicht lösen. Die Sozial- und Kulturwissenschaften betten technologische und wirtschaftliche Maßnahmen in die Gesamtheit politischer, ökonomischer, ökologischer, sozialer und kultureller Beziehungen ein. Auf diese Weise schaffen sie jene Ressource, die eine demokratische Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit der Mehrfachkrise benötigt: Reflexionswissen. Denn der Weg wird zwar vorwärts gegangen, aber nur rückwärts verstanden.

Von Uli Meyer, Ernst Langthaler
Im Gespräch Ausgabe 3/2021

Gedanken zum interdisziplinären Arbeiten

Vor ein paar Wochen gab mein 20 Jahre alter Geschirrspüler den Geist auf. Bei der Suche nach Ersatz bemerkte ich, welche Entwicklungen ich in diesen 20 Jahren verpasst hatte: Wozu genau braucht mein Geschirrspüler WLAN? Um ihn einzuschalten, während ich einkaufe, bergsteige, arbeite? Damit ich das Geräusch nicht höre? Oder kommuniziert er mit meinem Kühlschrank darüber, dass er die schmutzige Butterdose hat und daher Butter nachbestellt werden muss, selbstverständlich erst, nachdem er beim Tiefkühler nachgefragt hat, ob etwa tiefgekühlte Butter drin ist?

Die von der Industrie entworfenen schönen Bilder des digitalen Haushalts entziehen sich mir. Ich finde hier keine Logik außer die einer Wirtschaft, die alte Dinge neu erfindet, ohne eine nachhaltige Verbesserung zuzulassen.

Die Klimaschutzdebatte wiederum wird vorwiegend von Negativbildern bestimmt. Denn die Klimakatastrophe kommt in komplexen Zusammenhängen. Der persönliche Verzicht aufs Auto soll einen zu heißen Sommer, eine Überschwemmung oder einen Tornado verhindern?

Kompliziert ist ein Uhrwerk, das mithilfe des Wechselns des richtigen Teils und mit der richtigen Expertise repariert werden kann. Komplex wiederum ist etwa der Zusammenhang zwischen der Toilettenpapierknappheit beim ersten Lockdown und der Fledermaus in Wuhan.

Komplexe Probleme haben keine eindeutigen Lösungen. Interdisziplinäre Methoden, d.h. vernetztes Denken, in Beziehung sein, das Verstehen, Hinterfragen und Vermitteln unterschiedlicher Wissensformen und die Fähigkeit zur Herstellung alternativer Realitäten ermöglichen uns, handlungsfähig zu sein. Das sogenannte Ingenieursdenken „Problem A mit Lösung B“ ist in unserer komplexen Welt nicht mehr zeitgemäß. Persönlich erlebe ich, wie vermehrt der Versuch gemacht wird, ins Gespräch zu kommen und wie das interdisziplinäre Aufeinanderzugehen Raum erhält. Das Gespräch, der konstruktive Mehrwert von Missverständnissen und von Vielstimmigkeit sind Grundbedingungen sowohl der inter- und transdisziplinären Arbeit als auch der Demokratiearbeit. Und diese Art des Denkens und Handelns ist im besten Sinn aufregender als eindimensionale Erzählstränge.

Von Christine Böhler
Im Gespräch Ausgabe 2/2021

Cancel Couture

Es gibt eine Obsession mit der „linken Identitätspolitik“, so schreibt es der Autor Robert Misik in einem Gastkommentar in der Neuen Zürcher Zeitung, um im weiteren Verlauf die Gegensätzlichkeit zweier Standpunkte als bloß vermeintlich zu enttarnen. Trotzdem seien behauptete Gegenpositionen auch hier vorangestellt: Auf der einen Seite fänden sich angeblich jene, die die soziale Frage ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen. Und dann gäbe es die, deren Gedanken zur gerechten Gesellschaft sich um einen angeborenen Identitätsbestandteil zentrieren und ihn gewissermaßen losgelöst betrachten, was also heißt, dass sie zwar Rassismus und Sexismus strukturell erkennen, nicht aber Klassismus. So weit, so einfach. Wer bloß binär denken kann, ist klar im Vorteil, weil man dann nicht mit den Zwischentönen durcheinanderkommt und die eigene Meinung als Position unumstößlich in der Landschaft steht.

Cancel Culture von links, bedrohte Kunstfreiheit, Selbstviktimisierung als Waffe: Die Schlagwörter sind bekannt. Aktuell entzünden sie sich innerhalb des Theaterbetriebs an einer Debatte, ausgelöst durch Rassismusvorwürfe gegenüber dem Düsseldorfer Schauspielhaus: So schilderte der Schauspieler Ron Iyamu Ende März rassistische Äußerungen und Übergriffe in Probensituationen. Dagegen hielt der Dramaturg Bernd Stegemann in einem Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo er die Besonderheit der Probensituation beschreibt: Stegemann sieht die Probe als Ort der Entgrenzung, an dem die Regeln des Alltags eben nicht gelten, ein Möglichkeitsraum gewissermaßen, in dem Kunst und Künstler* innen erst mal frei sind, ohne dass Einzelne diese Freiheit für ihre Zwecke missbrauchen.

Die Frage nach dem Möglichkeitsraum der Probe ist unbedingt zu stellen. Nicht als Argument gegen Safe Spaces, das die Grenzen des Raumes ziemlich eng zieht und so mehr verunmöglicht, als es eröffnet. Sondern als ein Eintreten für das offene Ausverhandeln des Spielfelds als zukünftigen Common Ground, in dem die Realität durch die Körper der Beteiligten als Realitäten stets präsent, aber nicht festgeschrieben ist.

Denn ein Ausblenden dieser Realitäten wäre wie deren Reduktion ins Singular, wäre Überschreibung und gleichzeitige Zurichtung der Körper, Zugriff und Ausschluss, ein Abziehen der – wie Mithu Sanyal in einer Replik auf Stegemann schreibt – „sozialen Haut, (…) die es uns erlaubt, gleichzeitig Teil der Gesellschaft und wir selbst zu sein – unverletzbar, weil eine Verletzung von uns gleichzeitig eine Verletzung der Gemeinschaft wäre“.  

Von Gerhild Steinbuch
Im Gespräch Ausgabe 2/2021

Cancel Culture zwischen verkürzten Argumenten und legitimem Aktivismus?

Die mannigfaltigen Krisenerscheinungen des 21. Jahrhunderts (z.B. Finanz-, Migrations- oder Corona-Krise) verstärkten soziale Ungleichheiten. Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Ethnizität oder Religion ist alltäglich. Daher ist der Bedeutungsgewinn von Social-Media-Aktivismus wenig verwunderlich: Marginalisierte Gruppen nutzen Plattformen wie Twitter oder Facebook, um soziale Ungerechtigkeiten breit zu kommunizieren und Verantwortliche unmittelbar zur Rechenschaft zu ziehen.

Dieses Vorgehen wird als canceln bezeichnet und hat u.a. erfolgreich Eliten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, aber auch Wissenschaft unter Druck gesetzt (z.B. #metoo oder #blacklivesmatter). Potenziell führt dieses Vorgehen also zur Ermächtigung von Opfern oder Benachteiligten, unterbindet die Reproduktion von Ungerechtigkeiten und reinigt den öffentlichen Diskurs von problematischen Akteur*innen oder Inhalten.

Warum also hat die Cancel Culture eine negative Konnotation? Sind deliberative Demokratien doch auf aktive Bürger*innen angewiesen, die am öffentlichen Diskurs teilhaben, gesellschaftliche Probleme identifizieren und mittels faktischer Argumente schädliche Diskurselemente entfernen (Habermas).

Der für diesen Diskurs notwendige Möglichkeitsraum hat sich aber sukzessive verengt: Einerseits forcierten politisch meist rechts verortete Kräfte mittels populistischer Rhetorik eine absolute „Wir gegen Sie“-Logik, die emotionalisiert und das faktische Argument verdrängt. Andererseits etablierte sich, insbesondere in politisch links orientierten progressiven Kreisen, eine dogmatische Kultur des politisch Korrekten, deren moralische Fundierung auch bei komplexen Sachfragen unhinterfragbar wirkt. Was einzelne Akteur*innen aber als korrekt verstehen, bleibt im Social Media gestützten Meinungsaustausch meist unspezifisch und bietet Konfliktpotenzial innerhalb progressiver Gruppen.

Und hier zeigt sich das Problem der Cancel Culture: Ohne diskursives Ausverhandeln von Positionen droht die Gefahr, dass eine Cancelation auf das oft unterstellte „Lynchen“ von Individuen reduziert wird, aber die dahinterliegenden legitimen Anliegen von marginalisierten Personengruppen von dem Spektakel inhaltlich verengter Social-Media-Konflikte verdrängt werden. Was schlussendlich auch verhindert, dass die eingangs angesprochenen sozialen Ungerechtigkeiten eine Aufarbeitung erfahren. Und genau dieser Diskurs wäre für Gesellschaften zentral, da er das Potenzial für soziale Kohäsion schaffen könnte.

Von Dimitri Prandner
Im Gespräch Ausgabe 2/2021

Somnium - Der Traum von Wissenschaft

Manchmal, in schlechten Nächten, träume ich vom Krieg. Ich träume davon, was meine Eltern verloren haben: ihr Geschäft, ihre Arbeit. Ich träume von meiner Stadt, dem Lachen auf den Spielplätzen meiner Kindheit. Dem Bäcker, dem Geruch in den Straßen, dem Basar und den Gebeten in der Moschee. Von einer Stadt, die es nicht mehr gibt, von Erinnerungen an Ecken, die Panzern und Granaten gewichen sind. Vom Feuer, das den Basar vernichtet hat.

Als Kinder und Jugendliche kannten wir Flüchtlinge. Es waren Menschen aus dem Irak, die vor dem Krieg nach Syrien geflohen sind. Da denkt man nicht, wie schnell man selbst in so einer Situation sein kann. Natürlich haben wir in Aleppo im Frühling 2011 ferngesehen. Viele waren auf der Straße. Nie hätten wir gedacht, dass nur wenige Monate später aus den Protesten ein Bürgerkrieg wird.

Die ersten Angriffe auf Aleppo und auf unsere Universität waren schockierend. Wir konnten nicht glauben, dass Syrer auf Syrer schießen. Genauso wenig, wie schnell sich das Leben ändert. Aus den Träumen meiner Generation von einem guten, schönen, freien Leben wurde das Gefühl, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Dass Überleben der letzte Traum ist, der einem noch bleibt. Ein Traum, der aber wie ein nicht endender Albtraum aussieht. Menschen verlieren Geld, Arbeit und Hoffnung. Das Leben dominieren schlaflose Nächte, gefolgt von hoffnungslosen Tagen, gefüllt mit schrecklichen Erlebnissen.

2015 habe ich mich entschieden, Aleppo und Syrien zu verlassen. Ich wollte mein Herz, meinen Kopf und meine Gedanken nicht dem Krieg geben. Ich wollte nehmen, was mir der Krieg gelassen hat, und es in die Welt tragen. Ich wollte wieder träumen. Groß träumen. Träumen von morgen und nicht von gestern.

2017 habe ich an der JKU mein Masterstudium Molecular Biology begonnen und 2020 abgeschlossen. Das Borealis-MORE-Stipendium der JKU half mir finanziell, aber auch mental. Jetzt arbeite ich als Doktorandin am Institut für Biophysik.

Ich trage ein Kopftuch. Es steht für meine Religion und meine Heimat und für eine Generation junger Syrerinnen und Syrer. Wir haben viele verloren. Ich träume von einem Syrien, in dem das entscheidet, was in unseren Köpfen entsteht. Einem Syrien der Wissenschaft, der Offenheit, des Respekts und des Glaubens an unsere gemeinsame Zukunft. Es ist ein großer Traum – aber es ist ein Traum für morgen. Ich träume davon, dass wir es schaffen. 

Die Wissenschaft, darüber kann es keine zwei Meinungen geben, ist eine aufregende Sache. In jeder Ausgabe widmen wir ihr deshalb die letzten Zeilen. Dieses Mal spricht Hadil Najjar, die ihr JKU Studium mit Unterstützung eines Borealis-MORE-Stipendiums absolviert hat. Es richtet sich an Studierende mit Fluchthintergrund.

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Im Gespräch Ausgabe 1/2021

„Irgendwann verzerrt die Ungleichheit die Demokratie“

Der Historiker, Philosoph und Bestsellerautor Philipp Blom im Gespräch mit JKU Rektor und Tribune-Herausgeber Meinhard Lukas über mögliche Lehren aus der Corona-Krise und warum off ene Gesellschaften etwas Schwieriges und Lästiges sind – und trotzdem das Beste, das wir haben.

Von Meinhard Lukas
Im Gespräch Ausgabe 1/2021

Die neue Wut, der neue Zweifel, die neue Solidarität?

Viele sagen ja, dass die Corona-Pandemie nur eine Übung ist, ein fire drill für die Klimakrise, vor der Wissenschaftler* innen seit Jahrzehnten warnen. Die Corona- und die Klimakrise sind in vielerlei Hinsicht eng miteinander verwoben. Sie sind verursacht durch ein extraktives Wirtschaftsmodell, in das die Ausbeutung von Mensch und Natur nicht eingepreist ist. Sie münden in eine immer größer werdende Ungleichheit, in der sich ausgerechnet die Profiteure dieses Wirtschaftsmodells am ehesten vor seinen destruktiven Folgen retten können. Und sie werden ähnlich bearbeitet: Gefüttert von Falschinformationen einflussreicher libertärer Lobbygruppen wie dem „American Institute for Economic Research“, welches die umstrittene „Great Barrington Declaration“ mit ihrer wissenschaftlich zweifelhaften Idee der natürlichen Herdenimmunität unterstützt hat und auch regelmäßig den Klimawandel leugnet, wenden sich „Wutbürger* innen“ und „Querdenker*innen“ gegen Wissenschaft und Politik. Die Politik selbst ist angesichts dieser Spaltung zunehmend verunsichert, handelt halbherzig und eigentlich immer zu spät. Nicht umsonst spricht der Zeit-Redakteur Bernd Ulrich von einer pandemischen Phase, in die die Menschheit schlittert: Selbst eine Impfung wird uns nicht retten.

Wie jede Krise eröffnet auch die Corona-Krise die Möglichkeit eines grundlegenden Wandels. Waren am Anfang der Pandemie noch die Hoffnungen groß, dass die Krise zum Umbau unserer Wirtschaft und Gesellschaft hin zu nachhaltigen Geschäftsmodellen und fairer Bezahlung genutzt werden würde, so wachsen jetzt die Zweifel an der Handlungsfähigkeit von Nationalstaaten, an supranationalen Institutionen und an der solidarischen Haltung jedes Einzelnen. Zu offensichtlich werden die Missstände und Prioritäten: Shoppen, Skifahren, „Schau auf mich“ statt „Schau auf dich“. Blicken wir hundert Jahre zurück, so sehen wir, dass die Weltwirtschaftskrise in den USA zwar den Roosevelt’schen „New Deal“ hervorgebracht hat, in Europa aber den Faschismus und den Nationalsozialismus. Und heute?

Für einen „Green New Deal“ braucht es eine starke Staatengemeinschaft, die sich traut, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse ihren Bürger*innen etwas zuzumuten. Doch genau das wird von den „Wutbürger*innen“ von rechts und den neuen „Querdenker* innen“, die eher aus dem links-alternativen Milieu kommen, aber, wie eine Erhebung des Baseler Soziologen Oliver Nachtwey zeigt, eine offene rechte Flanke haben, abgelehnt. Unter diesen Gruppierungen formt sich eine neue Solidarität des Dagegenseins, für die aktuell das Maskenverweigern zum gemeinsamen Symbol geworden ist. Eine gefährliche Melange, die Nachtwey als erste „postmoderne Bewegung“ bezeichnet: Statt Wissenschaft zählen Fake News, alternative Fakten und Intuition. Dabei gibt es kaum inhaltliche Kohärenz; gemeinsam bleibt die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie, der Medien und der etablierten Wissenschaft.

Paradoxerweise wird durch dieses Chaos das Entstehen autoritärer Regime, vor denen „Querdenker*innen“ und „Wutbürger*innen“ selbst so laut warnen, nur umso wahrscheinlicher. Liegt hierin die Basis für eine positive Wendung, für eine neue Solidarität? Wir müssen es, im Hinblick auf die beiden historischen Alternativen, dringend versuchen. Die Politik muss ihren Beitrag leisten, sich von der Postdemokratie der Partikularinteressen ab- und dem Gemeinwohl wieder zuwenden, Wert- über Zweckrationalität stellen. Die Bürger*innen hingegen müssen sich darauf einlassen, dass die Freiheit ihre Grenzen haben muss. Die Redefreiheit hört bei der Lüge auf. Wissenschaftliche Erkenntnisse – deren Limitationen im Sinne einer guten wissenschaftlichen Praxis inhärent sind und transparent mitdiskutiert werden – dürfen nicht durch Meinungen und Gefühle ersetzt werden. Was der Ökologe Garrett Hardin bereits 1968 als Tragik der Allmende erkannt hat, ist heute nach wie vor gültig: „Freedom in a commons brings ruin to all.“ In einer Welt, in der alles verhandelbar und relativ ist, kann es kaum eine andere Solidarität als die des Dagegenseins geben. In einer Welt hingegen, in der mehr Teilhabe und Mitbestimmung möglich ist, kann auf Basis fester Grundwerte und Grundprinzipien auch ein „New Deal“ entstehen. Selbstverständlich müssen sich zuallererst auch die verantwortlichen Politiker*innen selbst an diesen Grundwerten orientieren.  

Von Elke Schüßler
Im Gespräch Ausgabe 1/2021

Nicht auf Zukunft verzichten

In einer Universität und wohl im Besonderen in einer Kunstuniversität werden individuelle Interessen, Talente und Vorhaben hochgehalten, gepflegt, befördert und weiterentwickelt. Studentinnen und Studenten mögen ihren Weg finden, neue Ziele ausmachen, Methoden kennenlernen und durch eigenes Zutun schärfen, all das, um Lebensumständen nicht nur zu begegnen, sondern neue Impulse zu setzen und es gerade mit ungeplanten Herausforderungen aufzunehmen. Es braucht Selbstvertrauen – auch Leidenschaft schadet nicht – und den Hunger, sich immer wieder neuen und nächsten Fragen zu stellen, wie sich überraschenden Veränderungen auszusetzen, um auch Krisenzeiten nicht bloß zu ertragen, zu managen und auszusitzen. Universitäten tragen dazu bei, den Überblick zu bewahren, nicht nur damit etwas und irgendwas weitergeht, sondern auch um gegebenenfalls innezuhalten, zurückzutreten und nächste Schritte sorgfältig zu überlegen – ohne gefallen zu müssen. Universitäten bieten dafür nötige Denkräume für eine zukunftsfähige und in einer zukunftsfähigen Gesellschaft, damit sich individuelle Zugänge, frisches und unkonventionelles Denken formen können, immer auch als Grundvoraussetzungen für einen größeren Zusammenhalt. Erst die eigene Selbstsicherheit genauso wie begründeter Selbstzweifel erlauben und motivieren einen unvoreingenommenen Austausch über Fachgrenzen hin weg, hin zu anderen Disziplinen, hinaus in die Praxis, ohne Scheu vor dem Reality Check.

Gemeinschaftliche Auseinandersetzung und individuelles Selbstbewusstsein verbinden sich so zu wesentlichen Grundlagen für ein gewissenhaftes Handeln, für den Mut und die Bereitschaft, Verantwortung wahrzunehmen. Man weiß aus der Sozialforschung, dass prekäre und existenzbedrohende Lebensumstände nicht zu Zusammenhalt beitragen, vielmehr in Resignation und Aussichtslosigkeit enden. Uns fortgeschritten Erwachsenen erscheint unsere unmittelbare Gegenwart nicht selten geschichtsloser denn je, doch zeigt sich eines deutlich: Junge und noch jüngere Generationen lassen sich ihr Recht auf Zukunft nicht nehmen. Sie wenden und werten zutiefst nötige Solidarität als gesellschaftsbildende Kategorie neu, bedarf es doch zu deren dringlicher Einlösung aktueller und ungewöhnlicher Lösungsansätze auf Augenhöhe.

Nur wenn es gelingt, überzeugende Aussichten auf machbare Veränderungen zu stärken, zu entwerfen und daran festzuhalten, lässt sich Zukunft fassen und für viele erst begreifen. In diesem Sinne bilden Universitäten keine Enklaven, sondern eröffnen sichere Freiräume, in denen junge und scharfe Geister nicht auf Zukunft verzichten. Und es gilt jetzt und weiterhin, diese Privilegien zu teilen.  

Von Brigitte Felderer
Im Gespräch Ausgabe 4/2020

Demokratie braucht Drama

Wie kann unsere Gesellschaft in Zukunft bestehen? Bildung war und ist unser Aufstiegsversprechen, sagt der ehemalige Kanzler Wolfgang Schüssel. Jede Investition in Bildung würde sich mehrfach rechnen.

Von Martina Bachler
Im Gespräch Ausgabe 4/2020

Digitale Identität in Linz

„Linz. Stadt im Glück“ hieß 2009 eine Ausstellung in der damaligen Kulturhauptstadt Europas, die von einem Forscher*innenteam rund um Thomas Philipp (LIquA - Linzer Institut für qualitative Analysen) konzipiert und von der Multimediafirma checkpointmedia, die ich 2001 mitbegründet habe, umgesetzt wurde.

Die Ausstellung beschäftigte sich mit den (damals) vergangenen 30 Jahren und dem radikalen Wandel der Identität, den Linz durchlaufen hatte. Lange davor musste die Stadt gegen ihr negatives Image kämpfen, viele Jahre stand sie als smogproduzierende Industriestadt in Verruf, und der Schatten jener Zeit, als sie die Patenstadt des „Führers“ war, reichte und reicht bis in die Gegenwart.

Doch dann begann, begleitet von Kunstuniversität, der Ars Electronica und der Freien Szene, die Transformation von einer „Industriestadt“ zu einer „Industrie- und Kulturstadt“. Kultur wurde dabei nicht als zusätzliches Freizeitangebot oder Luxus für die Elite begriffen, den man sich in guten Zeiten zur Zerstreuung leistet, sondern als integraler Bestandteil und Netzwerk des täglichen Lebens, dem es damit auch möglich war, in unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft zurückzuwirken. So wurde etwa die Stadtplanung beeinflusst, die mit der Erforschung und Etablierung von kreativen Milieus begann (z.B. Tabakfabrik), oder auch ein Konzern wie die Voestalpine, der sich heute nicht mit rauchenden Schornsteinen, sondern fast wie ein kreatives und flexibles IT-Start-up digital präsentiert.

Man erkannte: Glück ist nicht nur Zufall wie ein Lottogewinn, sondern auch ein – wenn auch fragiler – Zustand, der mit gemeinsamer (Kultur-) Arbeit hergestellt werden kann. Seit 2009 ist die digitale Entwicklung und die Vernetzung von Hard- und Software rasant vorangeschritten. Wurden zunächst analoge Informationen oder Abläufe mehr oder weniger eins zu eins digital abgebildet, so werden nun ganze Arbeitsprozesse entweder umgestellt oder abgeschafft oder überhaupt völlig neu gedacht und digital abgebildet, was auch – in beide Richtungen – massive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt der Gegenwart und Zukunft hat.

Die Möglichkeit und die gesellschaftliche Notwendigkeit, in derartige Überlegungen auch künstlerische Strategien zu integrieren und anstatt mit simplem „Ja/Nein“ auch mit Feldern von Möglichkeit und Ungewissheit leben und arbeiten zu können, haben sich damit noch einmal erweitert. Gerade in dieser Zeit sollte Linz verstärkt auf die so gelungene und erprobte Kollaboration von Kunst und Industrie setzen.

Link zur Ausstellung: https://liqua.net/stadt-im-glueck/

Von Virgil Widrich
Im Gespräch Ausgabe 4/2020

Digitale Identität aus Linz

Wie nur wenige Orte (insbesondere in Europa) kann Linz tatsächlich von sich behaupten, vom „Digitalen Wandel“ nicht nur betroffen zu sein, sondern auch einen Beitrag dazu geliefert zu haben bzw. zu liefern und das nicht nur durch einige beachtliche Success-Stories von Start-ups oder erfolgreich international agierenden Software-Firmen, sondern, weitaus einzigartiger, auf dem Sektor der kulturellen und sozialen Bedeutung der digitalen Technologie. 1979 fand zum ersten Mal das Ars Electronica Festival statt und bereits damals wurde es explizit als Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft bezeichnet. Erdacht von einem Journalisten, einem Künstler und einem Wissenschaftler, war es bereits damals ein Prototyp für jene Interdisziplinarität, in die wir heute so große Erwartungen setzen, für die Bewältigung der großen Herausforderung, die digitale Revolution mitgestalten und verantwortungsvoll nutzen zu können.

Dahinter stand die Idee, dass es möglich sein würde, durch eine vom künstlerischen Denken und Agieren inspirierte Reflexion die Transformationskräfte, die von dieser neuen Technologie auf Kultur und Gesellschaft zu erwarten waren, besser zu verstehen und ihr eine an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Ausrichtung zu geben. Eine Vision, die auch als Leitbild für die Transformation der Stahlstadt Linz zur modernen Technologie- und Kulturstadt große Bedeutung erlangen sollte.

Im Vorwort des ersten Festivalkatalogs schrieb man vor 41 Jahren: „Mit der Elektronik ist ein progressives Element in unsere technische Welt gekommen, dessen Einfluss sich nicht auf Industrie und Forschung beschränkt, sondern in alle Lebensbereiche eingreift. Damit ist eine Entwicklung in Gang gekommen, die erstaunliche und phantastische Aspekte eröffnet, in anderen Belangen aber auch Kritik und Skepsis hervorruft.“

Ja, eigentlich müsste man nur das Wort Elektronik durch Digitalisierung oder noch aktueller durch Künstliche Intelligenz auswechseln und schonwäre es das perfekte Statement für die Ankündigung einer neuen Universität für Digitalisierung und Digitale Transformation.

Die Notwendigkeit einer durch Kunst und die menschlichen und gesellschaftlichen Perspektiven geprägten Sichtweise auf die Potenziale der Digitalisierung ist in unseren Tagen um nichts geringer geworden – ganz im Gegenteil. Die Fähigkeit, Digitalisierung über ihre technologischen Aspekte hinaus als kulturelles Projekt zu sehen, ist auch der Schlüssel für die große Chance Europas auf eine erfolgreiche Positionierung im globalen Wettbewerb der datenbasierten digitalen Produkte und Dienstleistungen: Durch eine „Veredelung des Rohstoff s Daten“, durch die Entwicklung und Gestaltung von digitalen Anwendungen und Wertschöpfungen, die unseren ethischen und moralischen Standards standhalten können und die das Vertrauen der Nutzer*innen und Konsument*innen verdienen. Ein Vertrauen, ohne das eine digitale Gesellschaft und Wirtschaft nicht prosperieren können und das als Basis eines europäischen Wegs, eines „digitalen Humanismus“, zukunftsweisend sein kann.

Die dafür zusätzlich notwendigen Kompetenzen und Expertisen, obwohl wir sie vielfach im Detail noch gar nicht kennen, muss eine Universität des 21. Jahrhunderts abdecken können.

  • Sie muss selbst die Lernfähigkeit und Adaptionsfähigkeit haben, den ständig neu hinzukommenden Ausprägungen der Digitalen Transformation folgen zu können.
  • Sie muss die Frei- und Spielräume haben, um in der Dynamik der Entwicklung navigieren und führen zu können.
  • Und sie muss die Offenheit und Kreativität haben, um die Auswirkungen und Konsequenzen dieser Entwicklungen antizipieren und mitgestalten zu können.  
Von Gerfried Stocker
Im Gespräch Ausgabe 3/2020

Die Gesellschaft ist gefordert, bevor die Dystopie zur Realität wird

COVID-19 hat gezeigt, wie unerwartet schnell die gesellschaftliche Normalität dystopische Züge annehmen kann, sei es die Staatskontrolle in China, sei es die zur Schau gestellte Verantwortungslosigkeit eines Trump oder Bolsonaro, aber auch in Europa. Mehr als zehn Jahre Austerität nach der Finanzkrise haben den Gesundheitssektor an Grenzen gebracht, an denen die Triage über selektives Überleben entscheiden sollte. Der wirtschaftliche Shutdown hat nicht nur Dividenden, sondern Existenzen einbrechen lassen. Der soziale Shutdown hat gezeigt, dass dem Beziehungswesen Mensch die digitale Welt allein nicht genügt und wie schnell demokratische Formen politischer Willensbildung gefährdet sind, wenn Machthaber* innen die Ungunst der Stunde zu weiterer Selbstermächtigung nutzen. Der kulturelle Shutdown hat nonkonformistische Künstler*innen, die nicht von der „Kulturindustrie“ (Adorno/ Horkheimer) leben, besonders getroffen. COVID-19 hat eine Idee davon vermittelt, auf welche Zivilisationskrisen sich die Gesellschaft zu bewegt, wie sozial, politisch, kulturell arm sie sein wird, wenn sie nicht umdenkt. Ein im Wortsinn radikales, an die Wurzeln des Übels heranreichendes Umdenken ist erforderlich.

Die Pandemie und weitere sozial-ökologische Gefährdungen wie der Klimawandel hängen engstens mit dem wirtschaftlichen Raubbau an den Lebensgrundlagen der Menschheit zusammen. Dieser Raubbau hat mit dem Industriekapitalismus begonnen und gefährdet im Finanzmarktkapitalismus das Überleben. Weder lassen sich Katastrophen wissenschaftlich-technologisch beherrschen, wie das moderne Fortschrittsdenken immer wieder glauben machen will, noch sind die finanzmarktkapitalistischen Wachstumsimperative mit einer nachhaltigen Lebensweise vereinbar.

Zeiten großer Wirtschaftskrisen – und nicht nur die Länder Europas sind bereits mittendrin – waren immer auch Zeiten verschärfter sozialer Ungleichheiten und tiefgehender gesellschaftlicher Spaltungen, die der Demokratie an die Substanz gegangen sind. Sie fordern zur Auseinandersetzung heraus, wie gewirtschaftet und gelebt werden kann und soll. In der Gegenwartsgesellschaft gibt es zahlreiche „reale Utopien“ (Wright) solidarischen Zusammenlebens, sozial- ökologisch nachhaltigen Wirtschaftens und deliberativer politischer Willensbildung. Sie tangieren die „kleinen Fragen“ des Alltags – vom öffentlichen Nahverkehr bis zum Mehrgenerationenhaus – ebenso wie die „großen Fragen“ von industriellem Umbau, Wirtschaftsdemokratie und Sozialstaatsentwicklung. Es geht mir nicht darum, welche Wege hier beschritten werden können und sollen, aber die Gesellschaft ist gefordert, sich damit zu befassen, bevor die Dystopie mehr und mehr zur Realität wird. Margaret Thatchers berühmter Satz in Sachen Wirtschaftsliberalismus passt, wenn die Menschheit überleben will, besser für sein Gegenteil, die Utopie einer solidarischen Gesellschaft: There is no alternative.

Von Brigitte Aulenbacher
Im Gespräch Ausgabe 3/2020

Wie es weitergehen kann

„Denken heißt überschreiten!“, schreibt der Philosoph Ernst Bloch in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“. Er meinte damit nicht nur das Überschreiten der von anderen gesetzten Grenzen, sondern auch das Überschreiten von selbst gesetzten Grenzen, die uns daran hindern, Möglichkeiten als realisierbare Ideen zu sehen, als Utopien, und nicht als unerreichbare Traumbilder. Bloch stellte den Begriff der Utopie in einen Zusammenhang mit dem Begriff der Hoffnung, den er als Bereitschaft zur Eroberung des Neuen sah. „Es kommt darauf an, das Hoff en zu lernen“, ermuntert uns Bloch. Hoffen kann man nur über das Bestehende hinaus; den Status quo braucht man nicht zu erhoffen.

Eine Gesellschaft, die nicht in Nostalgie ertrinken oder im Pragmatismus ersticken will, braucht die Kraft von Utopien. Kraft erlangen Utopien allerdings nur, wenn man ihnen den defätistischen Makel nimmt, das unrealisierbare Produkt weltabgewandter Traumtänzerei zu sein.

Die Abschaffung von Sklaverei und Leibeigenschaft, gleiche Rechte für Frauen und Männer, der demokratische Rechtsstaat, die Geltung der Menschenrechte, die Reise zum Mond, die Gründung der UNO und der EU ... all diese Ideen waren zu bestimmten Zeitpunkten Utopien – konkrete Utopien, weil Menschen an ihre Realisierbarkeit glaubten und dafür gekämpft haben, dass diese Utopien gesellschaftliche und politische Anerkennung erhalten und als ebenso realisierungswürdig wie realisierungsfähig angesehen werden.

Eine utopische Antwort auf die noch kaum erkennbaren Herausforderungen der beginnenden ersten industriellen Revolution war die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Der Unterricht an den Schulen des Dampfmaschinenzeitalters konzentrierte sich übrigens nicht auf das Verständnis und die Bedienung von Dampfmaschinen.

Heute verändern die Klimakrise und eine naturwissenschaftliche/ technische Revolution wieder einmal das Leben der Menschheit. Nur viel schneller und tiefgreifender als je zuvor.

Wie können wir Arbeit, Bildung, Wirtschaft, Politik und die Rolle des Menschen im Zeitalter von Digitalisierung, Gentechnik und Quantentechnologie neu definieren, bevor sich das Zeitfenster für sozial verträgliche Gestaltungsmöglichkeiten schließt?

Der Radikalität unserer Zeit kann man nur mit der Radikalität von Utopien gerecht werden. Die Kunst kann das. Und die Wissenschaft kann das. Gemeinsam könnten sie im Bloch’schen Sinne zu Hoffnungsträgern für die Eroberung des Neuen werden. Denn die zielgerichtete Verbindung von wissenschaftlichem, technologischem und künstlerischem Denken ist ein wichtiger Ansatz, wenn nicht eine Voraussetzung, um konkret-utopische Strategien für die komplexen Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln.

Von Gerald Bast
Im Gespräch Ausgabe 2/2020

Reflexion im Reallabor

„Zusammen streamen statt zusammenströmen“ lautete das Motto der diesjährigen Diagonale, die als eines der ersten Filmfestivals online über die Bühne ging. Nun bringt Crossing Europe einen cineastischen Streifzug quer durch Europa auf die Bildschirme der Wohnzimmer. Das Ars Electronica Center bietet einen interaktiven digitalen Lieferservice, der Ausstellungstouren, Workshops, Vorträge und Konzerte umfasst.

Die Corona-Krise katapultiert auch die Kultur in virtuelle Welten. Und illustriert überdeutlich, wie stark unser Alltag bereits von einer Melange aus On- und Offline-Wirklichkeiten geprägt ist, die untrennbar miteinander verwoben sind, einander bedingen. Diese Digitalisierung mit dem Vorschlaghammer mündet in ein großes Reallabor, in dem Experimente mit enormer Spannweite in situ in der Gesellschaft gewagt werden.

Mit Hilfe von digitalen Werkzeugen entstehen innovative Vermittlungsansätze, die es erlauben, neue Zielgruppen zu erschließen und Hemmschwellen abzubauen – vieles davon wird die Krise überdauern. Die Pandemie löst einen Lernprozess darüber aus, welche Angebote im Netz funktionieren und welche nicht, und generiert bei vielen die Erkenntnis, dass wir schon längst in der real-digitalen Sphäre leben, wo es kein Entweder-oder zwischen dem Realen und dem Digitalen gibt, sondern der Schlüssel des Erfolgs in einer hybriden und klugen Verbindung von beidem liegt.

Das Realexperiment in der Ära von COVID-19 manifestiert aber auch den Wert von Kunst und Kultur als Instrument der Reflexion.

Der globale Lockdown zeigt die Wichtigkeit und die Kraft von Kreativität – also der einzigen menschlichen Gabe, die es erlaubt, uns in unvorhersehbaren Situationen zurechtzufinden.

Im Reallabor zur Abwehr des Coronavirus werden einst als undenkbar gehandelte Maßnahmen Realität, die einen Eingriff in unsere Grundrechte darstellen. Sie verlangen nach kritischen Stimmen, um vielschichtige Diskurse anzuregen und der Allgemeinheit einen Spiegel vorzuhalten. In alledem liegt die Stärke der Kunst, sie provoziert eine Perspektivenverschiebung, emotional, intellektuell oder ästhetisch. Geänderte Blickwinkel und Betrachtungsweisen eröffnen neue Erkenntnisse. Sie sind ein wesentlicher Nährboden für Kreativität, kritische Reflexion oder Kurskorrekturen.

Doch während die Wissenschaft gerade vor den Vorhang geholt wird und Virolog*innen, Mediziner*innen oder Mathematiker*innen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, findet Kultur plötzlich im stillen Kämmerlein statt. Die sozialen, ökonomischen, politischen und ethischen Fragen, die COVID-19 aufwirft, bedürfen jedoch transdisziplinärer Ansätze an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Der Bruch mit traditionellen Sehgewohnheiten, die Erweiterung des methodischen Erfahrungshorizonts und der spartenübergreifende Erkenntnisgewinn entsprechen der Multidimensionalität unserer vernetzten Welt und den Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Nicht zuletzt dokumentiert auch der Blick in die Geschichte ein Oszillieren zwischen Kunst, Kultur, Wissenschaft und Technologie als Innovationstreiber der Menschheit.

Umso entscheidender ist es, die existenzielle wirtschaftliche Katastrophe für den Kulturbetrieb zu verhindern und die Kunst als geistige Grundlage unserer Gesellschaft vor dem Aussterben zu bewahren. Schließlich offenbart der Ausnahmezustand: Der vorübergehende Verzicht auf kulturelle Öffentlichkeit bedeutet einen nie dagewesenen Verlust an Lebensqualität, Inspiration und Kontemplation. Die aktuelle Situation führt uns eindringlich vor Augen, dass die Kulturlandschaft kein dekorativer Luxus ist, mit dem man sich nur in guten Zeiten schmückt, sondern kollektiver Kitt und ein unentbehrliches Korrektiv in der Krise. 

CHRISTOPHER LINDINGER beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit neuen Technologien, Innovationskulturen und Kooperationsformen für Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Er forschte in Chicago zu Supercomputer-Visualisierungen, entwickelte Software für NASA, NCSA und war Forschungsdirektor des Ars Electronica Futurelabs. Seit 2019 ist er JKU-Vizerektor für Innovation und Forscher*innen.

Von Christopher Lindinger
Im Gespräch Ausgabe 2/2020

Kultur in der Krise

Für die Kultur sind Krisen höchst dynamische Prozesse, Höhepunkte, an denen sich neue Wege auftun. Und – es gibt viel zu tun in Krisenzeiten. 

COVID-19 wirft Probleme und Fragen auf, die nicht neu sind. Das bedrohliche Virus wird mit einem Brennglas oder Röntgenstrahl verglichen, die soziale, politische, ökonomische Zusammenhänge sichtbar machen – COVID-19 vergrößert wie eine konvexe Sammellinse gesellschaftliche Ungleichheiten, Ausschlussformen und nationale Herrschaftsstrategien und legt diese auf radikale Weise bloß. 

Von der Möglichkeit der Veränderung sprechen die einen, von dem Wunsch, Normalität wiederherzustellen, die anderen. Doch welche Normalität? Prekariat, Ausbeutung, Demokratieverdruss, Ressourcenverschleiß und Klimawandel auf Kosten der anderen. Und Wohlstand, Gesundheit und Glück für manche. Es ist also eine Frage der Perspektive – der Blick auf blühende Landschaften mag den Blick auf Inseln aus Plastikmüll, Berge von Elektronikschrott, auf einstürzende Textilfabriken, Bildungs- und Geschlechterungerechtigkeiten, Krieg und Gewalt vergessen machen. Die Einhegung der Disziplinen mag die Errichtung von Parallelwelten erlauben. Es bedurfte bloß eines unsichtbaren Virus, um diesen Schein wie eine Seifenblase zerplatzen zu lassen.

COVID-19 hätte das postfaktische Zeitalter beendet, sagt die Wissenschaftshistorikerin Helga Nowotny. Die Wissenschaften waren bis vor kurzem weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen der politischen Aufmerksamkeit, da sie unter Umständen auch unangenehme Dinge zu verkünden hatten und haben. Kann nun aber der bange Blick auf die magischen Kurven von Krankheit und Tod allein das Verhältnis zu den Wissenschaften verändern? Die Wissenschaften brauchen Kritik und Differenz, um Perspektiven zu überprüfen, in Frage zu stellen, neue Sichtweisen einzunehmen und diese unter Umständen wieder zu verwerfen. In ihrer Praxis müssen sie frei sein, frei von kommerziellen oder politischen Interessen und diese Freiheit teilen sie mit Kunst und Kultur. Zu deren Strategien gehören Experiment, Überschuss und Interdisziplinarität – diese mit den Wissenschaften in Austausch und Widerstreit zu bringen ist genauso unentbehrlich wie die gesellschaftliche Kommunikation und die öffentliche Debatte darum.

Die Kraft der Kunst, sagt Christoph Menke, läge in der Möglichkeit, in der Freiheit – und Hannah Arendt würde ergänzen, in der Möglichkeit zu handeln. Das Vermögen zu handeln wäre dabei zu unterscheiden vom „Sich-Verhalten“. Gerade jetzt, wo es angezeigt ist, eine Reihe von Verhaltensregeln im Umgang miteinander zu beachten, um die Pandemie einzuschränken, dürfen wir nicht vergessen, was es heißt zu handeln, dürfen wir Regeln nicht mit Repressionen und Freiheit nicht mit Rücksichtslosigkeit verwechseln. Gerade jetzt kommt Kunst und Kultur die Aufgabe zu, Narrationen zu entwerfen, die uns eine diskursive, ästhetische Auseinandersetzung mit Fragen der Ethik, des Rechts, der Souveränität und des Subjekts auferlegt.

EVA MARIA STADLER ist Vizerektorin für Ausstellungen und Wissenstransfer an der Universität für angewandte Kunst Wien, darüber hinaus ist sie Professorin für Kunst und Wissenstransfer und Institutsvorständin am Institut für Kunst und Gesellschaft an der Universität für angewandte Kunst in Wien und arbeitet als Kuratorin für zeitgenössische Kunst.  

Von Eva Maria Stadler