Abteilung für Bildungsforschung.

Die Abteilung für Bildungsforschung der Linz School of Education vertritt in Forschung und Lehre die Fächer Pädagogik sowie Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie. In der Lehre ist die Abteilung für die bildungswissenschaftlichen Grundlagen (BWG) im Lehramtsstudium sowie für die Fächer Pädagogik und Psychologie im Studium der Wirtschaftspädagogik und im Masterstudium Politische Bildung zuständig.

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Wochentag Öffnungszeit
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Abteilung für Bildungsforschung

Adresse

Johannes Kepler Universität Linz
Altenberger Straße 69
4040 Linz

Standort

Science Park 5, 4. Stock

News & Events
News 14.05.2021

Warum die Schul-Lockdowns wohl doch nicht so schlimm waren

online-nachrichten.eu vom 10.05.2021

Die Auswirkungen der Schul-Lockdowns dürften geringer sein als befürchtet, zeigt eine Analyse der Leistungsstudien. Forscher Christoph Helm erklärt die Hintergründe.

Mit dem ersten Lockdown im März 2020 musste sich Österreichs Schulsystem blitzartig auf Distance Learning und Schule daheim umorientieren. Vorbereitet war anfangs fast niemand, nicht die 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler, nicht die 125.000 Pädagogen und auch nicht die Schulbehörden hinauf bis ins Bildungsministerium. Bildungsminister Heinz Faßmann bedauerte das und sah es als persönlichen Fehler, nicht schon 2018/2019 in seiner ersten, kurzen Amtszeit die Digitalisierung vorangetrieben zu haben.

Die Schüler mussten nicht nur während der langen Phasen der Schulschließungen – nach den Herbstferien, nach den Weihnachtsferien, nach den Semesterferien und nach den Osterferien – dem Präsenzunterricht fernbleiben, sondern immer wieder auch als „K1“-Kontaktperson 10 bis 14 Tage aussetzen, wenn es einen positiven Corona-Fall in der Klasse gab.

Groß waren und sind deshalb die Sorgen, dass die Schüler als „verlorene Corona-Generation“ übrig bleiben, die deutlich schlechter ausgebildet ist, was ihr das ganze Leben lang nachhängen könnte.

Schnelle Digitalisierung

Doch eine aktuelle Analyse von Bildungswissenschaftler Christoph Helm von der Uni Linz scheint das nicht zu bestätigen. Helm hat vergleichende Leistungsstudien aus Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz analysiert, alles Regionen mit ähnlichen Schulsystemen wie in Österreich. Seine Analyse zeigt: „Die Lerneinbußen sind entweder nicht beobachtbar oder weit weniger dramatisch als häufig befürchtet. Das hat auch die deutschen Forscher überrascht“, sagt er im Gespräch mit dem KURIER.

Die Studien umfassten rund 140.000 Schüler im Westen Deutschlands und in der Schweiz, untersucht wurden die Leistungen in Mathematik, Lesen und Deutsch. Einige Studien legten nahe, dass es kaum bis gar keine Unterschiede der Schülerleistungen vor und während der Corona-Lockdowns gab. „Jedenfalls konnten keine dramatischen Einbußen durch die Lockdowns und das Distance Learning festgestellt werden“, sagt Helm – mit einer Ausnahme bei Schweizer Volksschülern: Dort sei der Lernzuwachs um fast die Hälfte geringer gewesen.

News 14.05.2021

Optimismus in der Krise: Erste Studien zeigen stabile Lernergebnisse während des Lockdowns

jku.at vom 03.05.2021

Erste Studien aus Deutschland kommen zu dem Ergebnis, dass die befürchteten stark negativen PandemieEffekte auf den Lernerfolg ausbleiben.

Haben die Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie zu Lerneinbußen bei Schüler*innen geführt? Erste großangelegte Leistungsstudien aus Deutschland kommen zu dem Ergebnis, dass die vielfach befürchteten stark negativen Effekte der Pandemie auf den Lernerfolg ausbleiben. Ob diese Befunde auch für Österreich gelten, analysiert Univ.-Prof. Christoph Helm, Bildungsforscher an der Johannes Kepler Universität Linz.

Es ist einer der überraschendsten und zugleich der erfreulichsten Befunde der Bildungsforschung in der Coronakrise: Erste groß angelegte Leistungsstudien aus Deutschland und der Schweiz zeigen, dass sich die Lernentwicklung von Schüler*innen in der Primar- und Sekundarstufe nicht dramatisch von jener vor den Schul-Lockdowns unterscheidet. „Diese Befunde nähren die Hoffnung, dass zumindest in diesem Bereich schulischer Ziele allzu negative Auswirkungen der Corona-Pandemie abgewendet werden konnten“, sagt Univ.-Prof. Christoph Helm.

Eine der am häufigsten gestellten Fragen im Zusammenhang mit den Schulschließungen aufgrund von Corona ist die Frage nach Lernverlusten, die Schüler*innen durch den Wegfall des Regelunterrichts erleiden. Sie beschäftigt nicht nur Eltern und Lehrkräfte, sondern auch die Bildungsforschung, wie eine von Helm durchgeführte Meta-Analyse von über 100 Befragungsstudien zum ersten Lockdown in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt.

Die rund 260.000 Personen umfassende Meta-Analyse zeigt, dass etwa ein Fünftel bis die Hälfte der Schüler*innen und rund ein Drittel bis zwei Drittel der Eltern negative Auswirkungen des Fernunterrichts auf den Lernerfolg befürchten.

Eine kürzlich von Helm und seinem Forschungsteam durchgeführte und für Österreich repräsentative Elternbefragung zum dritten Lockdown im Jänner 2021 zeigt ein unverändertes Bild: 58% der Eltern stimmen der Aussage zu, dass ihr Kind während der Schulschließungen im Jänner 2021 deutlich weniger dazugelernt hat als im normalen Unterricht vor der Pandemie. Immerhin, der Anteil an Schüler*innen, die täglich weniger als zwei Stunden pro Tag für die Schule lernten, ist im dritten Lockdown deutlich gesunken. Waren es zum ersten Lockdown in einer deutschen Vergleichsstudie noch rund 40%, so fiel der Anteil auf rund 10% im dritten Lockdown.

Diese Befunde aus Befragungsstudien nährten auch bei Bildungsexpert*innen die Befürchtung von stark negativen Auswirkungen der Pandemie auf die Lernentwicklung bei Schüler*innen. Auch in den Medien wurde von Bildungsexpert*innen in letzter Zeit verstärkt auf hohe bis extreme lockdownbedingte Lernverluste hingewiesen. „ Mangels fehlender Leistungsstudien für Österreich - und bis vor kurzem auch für den gesamten deutschsprachigen Raum - stellt sich allerdings die Frage, ob diese ausschließlich durch subjektive Schüler-, Eltern- und Lehrer*inneneinschätzungen genährte Expert*innenmeinung gerechtfertigt ist “, sagt Helm, denn „ aktuelle Leistungsstudien aus Deutschland und der Schweiz geben eine sehr klare Antwort: Die Lerneinbußen sind entweder nicht beobachtbar oder weit weniger dramatisch als häufig befürchtet. “

Stabile Lernergebnisse während des Lockdowns

Kürzlich fand die internationale digitale Tagung der deutschen Gesellschaft für empirische Bildungsforschung statt, an der führende Forscher*innen im Bereich der Messung von Schüler*innenkompetenzen ihre neuesten Befunde zur Frage der Lernverluste aufgrund der Schul-Lockdowns präsentiert haben.

Darunter erste groß angelegte Schüler*innenleistungsstudien aus den deutschen Bundesländern Hamburg (rund 28.000 Schüler*innen), Baden-Württemberg (rund 80.000), Hessen und Nordrhein-Westfalen (rund 5.000) sowie eine Studie aus der deutschsprachigen Schweiz (rund 29.000). Alle Studien verglichen den Leistungsstand oder die Lernentwicklung der Schüler*innenkohorte 2020 mit dem Lernstand oder der Lernentwicklung von Schüler*innenkohorten (meist mehrerer Jahrgänge) vor Corona, um auf Basis komplexer mathematischer Modelle die negativen Effekte der Corona-Lockdowns zu untersuchen. Die Leistungen wurden in den Bereichen Deutsch, Lesen und/oder Mathematik erfasst.

„ Sämtliche Studien aus Deutschland zeigen, dass entweder keine oder nur schwache Unterschiede(etwa im Ausmaß von vier Wochen Lernzuwachs) zwischen den Schüler*innenleistungen (und Leistungsentwicklungen) vor und während bzw. nach Corona beobachtbar sind “, sagt Helm. „ Es konnten jedenfalls keine dramatischen Einbußen in den untersuchten Kompetenzen durch coronabedingte Veränderungen im Unterrichtsgeschehen festgemacht werden.“ Mit einer Ausnahme: In der Schweizer Studie zeigte sich für die Schüler*innen der Primarstufe ein nur halb so großer Lernerfolg wie vor dem Lockdown. Auch aus den USA, Großbritannien, den Niederlanden und Belgien liegen erste nationale Leistungsstudien vor, die teilweise auf deutliche Lernverluste hinweisen – insbesondere wiederum für die Primarstufe und für Schüler*innen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien. Auch das Fach macht einen Unterschied, so werden für Lesen meist deutlich geringere Lerneinbußen als für Mathematik beobachtet.

„In Summe spricht die sehr junge Befundlage aus den deutschsprachigen Nachbarländern dafür, dass die vielfach befürchteten negativen Effekte von Corona im Bildungsbereich zumindest in Deutschland vorerst ausgeblieben sind “, so Helm.

Wird der präsente Regelunterricht überschätzt?

Offenbar konnten Schüler*innen, Eltern, Lehrkräfte, Schulleitungen und Schuladministrationen sowie nicht zuletzt die Bildungspolitik negative Effekte der Schul-Lockdowns abwenden – zumindest hinsichtlich des fachlichen Lernens der Schüler*innen. Insbesondere Eltern dürfte es trotz ihrer Mehrfachbelastungen im Lockdown gut gelungen sein, den Wegfall der schulischen Strukturen zu kompensieren. Eine mögliche Erklärung ist also, dass sich die Akteur*innen des Schulsystems rasch in der neuen Situation zurechtgefunden haben. Eine andere Erklärung könnte in einer Fehleinschätzung liegen: Offenbar werden Quantität und Qualität der echten Lernzeit im Regelunterricht generell höher bewertet, unterscheiden sich tatsächlich aber nicht so sehr von jener im Fernunterricht. So wird im Regelunterricht häufig viel Zeit mit Zuhören und Warten verbracht (laut Studien bis über die Hälfte der Unterrichtszeit), während geistig-aktivierende Tätigkeiten, wie das selbstständige Arbeiten oder das kooperative Lernen, bei denen Aufgaben und Probleme gelöst werden und tatsächlich auch gelesen, geschrieben und gerechnet etc. wird, häufig eher gering ausgeprägt sind. Hinzu kommt ein hohes Ausmaß an Fehlstunden für bestimmte Schüler*innengruppen.

Und wie steht Österreich da?

Inwiefern die Befunde aus Deutschland und der Schweiz auch für Österreich gelten, ist aufgrund fehlender Leistungsstudien in Österreich nicht mit Sicherheit zu sagen. Hier sind Bildungspolitik und Bildungsforschung gefordert aktiv zu werden. Fest steht, dass die Bildungssysteme in den deutschen Bundesländern und den Schweizer Kantonen dem österreichischen Bildungssystem ähnlicher sind, als die angelsächsisch ausgerichteten Systeme. Die Befunde aus Deutschland geben vorerst auch für Österreich Anlass zu Optimismus. Leistungsstudien zu späteren Lockdowns, die im Vergleich zu Deutschland in Österreich stärker ausgeprägt waren, stehen noch aus. Allerdings zeigen erste repräsentative Elternbefragungen in Deutschland und Österreich, dass die von Schüler*innen zuhause aufgewandte Lernzeit gestiegen ist und viele mit dem Fernunterricht nun besser zurechtkommen. Dies legt die Annahme nahe, dass Lerneinbußen noch weniger wahrscheinlich sind.

Wie gut österreichische Schüler*innen tatsächlich durch die Krise gekommen sind, wird sich spätestens dann zeigen, wenn die nächsten internationalen Leistungsstudien (PISA, TIMSS, PIRLS, …) wieder durchgeführt werden können.

„ Bei der Diskussion um Schüler*innenleistungen darf nicht auf die vielfach wissenschaftlich belegten, negativen Effekte der Pandemie auf die psycho-soziale Lage der Kinder und Jugendlichen vergessen werden!“, warnt Univ.-Prof. Helm. „Sie scheinen aber offenbar nicht mit negativen Entwicklungen in den Schüler*innenleistungen einherzugehen. “

News 14.05.2021

Hohe Belastung, geringe Lernverluste

Kurier vom 10.05.2021

Schule in Not. Die Auswirkungen der Schul-Lockdowns dürften geringer sein als befürchtet, zeigt eine Analyse der Leistungsstudien. Forscher Christoph Helm erklärt die Hintergründe.

Mit dem ersten Lockdown im März 2020 musste sich Österreichs Schulsystem blitzartig auf Distance Learning und Schule daheim umorientieren. Vorbereitet war anfangs fast niemand, nicht die 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler, nicht die 125.000 Pädagogen und auch nicht die Schulbehörden hinauf bis ins Bildungsministerium. Bildungsminister Heinz Faßmann bedauerte das und sah es als persönlichen Fehler, nicht schon 2018/2019 in seiner ersten, kurzen Amtszeit die Digitalisierung vorangetrieben zu haben.

Die Schüler mussten nicht nur während der langen Phasen der Schulschließungen – nach den Herbstferien, nach den Weihnachtsferien, nach den Semesterferien und nach den Osterferien – dem Präsenzunterricht fernbleiben, sondern immer wieder auch als „K1“-Kontaktperson 10 bis 14 Tage aussetzen, wenn es einen positiven Corona-Fall in der Klasse gab.

Groß waren und sind deshalb die Sorgen, dass die Schüler als „verlorene Corona-Generation“ übrig bleiben, die deutlich schlechter ausgebildet ist, was ihr das ganze Leben lang nachhängen könnte.

Schnelle Digitalisierung

Doch eine aktuelle Analyse von Bildungswissenschaftler Christoph Helm von der Uni Linz scheint das nicht zu bestätigen. Helm hat vergleichende Leistungsstudien aus Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz analysiert, alles Regionen mit ähnlichen Schulsystemen wie in Österreich. Seine Analyse zeigt: „Die Lerneinbußen sind entweder nicht beobachtbar oder weit weniger dramatisch als häufig befürchtet. Das hat auch die deutschen Forscher überrascht“, sagt er im Gespräch mit dem KURIER.

Die Studien umfassten rund 140.000 Schüler im Westen Deutschlands und in der Schweiz, untersucht wurden die Leistungen in Mathematik, Lesen und Deutsch. Einige Studien legten nahe, dass es kaum bis gar keine Unterschiede der Schülerleistungen vor und während der Corona-Lockdowns gab. „Jedenfalls konnten keine dramatischen Einbußen durch die Lockdowns und das Distance Learning festgestellt werden“, sagt Helm – mit einer Ausnahme bei Schweizer Volksschülern: Dort sei der Lernzuwachs um fast die Hälfte geringer gewesen.

Dennoch sei das Grund für Optimismus auch für Österreich. Hier seien zwar die Lockdowns teils länger gewesen, dafür sei die Blitz-Digitalisierung rascher vollzogen worden: „Da war Österreich
wieder Vorreiter.“

Wie kann das sein? Und warum kostet unser Schulsystem fast 10 Milliarden Euro jährlich?

„Die Frage wird dem Bildungssystem nicht gerecht“, sagt Helm. Das leiste ja mehr als nur die inhaltliche Ausbildung, verweist er auf zahlreiche Analysen der Bildungsforschung. „Etwa überfachliche Kompetenzen, soziales Lernen, wie man mit anderen, anfangs fremden Schülern umgeht, wie man Rücksicht nimmt, wie man miteinander diskutiert.“ Andererseits werde während der Schulstunden ja nicht nur Stoff vermittelt, sondern auch viel Zeit mit Zuhören und Warten verbracht, wie Studien zeigen.

An neue Lage gewöhnt

Die Gründe müssten jedenfalls noch genauer analysiert werden, sagt Forscher Helm. „Aber es kann auch einfach sein, dass Lehrer, Schüler und Eltern gelernt haben, mit der Situation besser umzugehen als befürchtet oder medial transportiert.“

Ähnlich sieht das die Wiener Bildungsforscherin Christiane Spiel, die selbst eine Studie zu „Lernen unter Covid-19“durchführte. „Ich finde die Ergebnisse nicht wirklich überraschend. Bei uns haben die Schülerinnen und Schüler angegeben, dass sie über die Zeitimmer besser mit dem Distance Learning zurechtkommen. Währendsie im ersten Lockdown im Schnitt fünf Stunden pro Tag für die Schule gelernt haben, war die Arbeitszeit im zweiten Lockdown im Mittel sieben Stunden, in der Oberstufe teils sogar mehr als acht Stunden.“

Auch Minister Faßmann geht davon aus, das Distance Learning habe seit dem zweiten Lockdown wesentlich besser funktioniert als am Anfang. Dennoch könne Fernlehre den Präsenzunterricht
nicht ersetzen.

Bei Kindern aus bildungsfernen Schichten seien die Einbußen laut Helm zwar beobachtbar gewesen, „aber lange nicht so dramatisch wie gedacht. Das bleibt ein grundsätzliches Problem, unabhängig von Corona“. – Hier geht Forscherin Spiel auf Distanz: Es sei anzunehmen, dass der Lockdown die „Bildungsvererbung“ verstärkt habe: „Dennwo Eltern unterstützen können,wo sie auch Vorbilder und Modelle für die Selbstorganisation sind, gelingt auch das Distance Learning besser. Wenn jedoch Eltern nicht Deutsch verstehen, nur Pflichtschulbildung haben, vielleicht ihre Arbeit verloren haben, können sie nicht unterstützen und sindvermutlich auch keine Modelle, wie man Lernen organisieren kann.“ Hier würden aber noch Studien aus Österreich fehlen.

News 14.05.2021

Warum die Schul-Lockdowns wohl doch nicht so schlimm waren

kurier.at vom 10.05.2021

Die Auswirkungen der Schul-Lockdowns dürften geringer sein als befürchtet, zeigt eine Analyse der Leistungsstudien. Forscher Christoph Helm erklärt die Hintergründe.

Mit dem ersten Lockdown im März 2020 musste sich Österreichs Schulsystem blitzartig auf Distance Learning und Schule daheim umorientieren. Vorbereitet war anfangs fast niemand, nicht die 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler, nicht die 125.000 Pädagogen und auch nicht die Schulbehörden hinauf bis ins Bildungsministerium. Bildungsminister Heinz Faßmann bedauerte das und sah es als persönlichen Fehler, nicht schon 2018/2019 in seiner ersten, kurzen Amtszeit die Digitalisierung vorangetrieben zu haben.

Die Schüler mussten nicht nur während der langen Phasen der Schulschließungen – nach den Herbstferien, nach den Weihnachtsferien, nach den Semesterferien und nach den Osterferien – dem Präsenzunterricht fernbleiben, sondern immer wieder auch als „K1“-Kontaktperson 10 bis 14 Tage aussetzen, wenn es einen positiven Corona-Fall in der Klasse gab.

Groß waren und sind deshalb die Sorgen, dass die Schüler als „verlorene Corona-Generation“ übrig bleiben, die deutlich schlechter ausgebildet ist, was ihr das ganze Leben lang nachhängen könnte.

Schnelle Digitalisierung

Doch eine aktuelle Analyse von Bildungswissenschaftler Christoph Helm von der Uni Linz scheint das nicht zu bestätigen. Helm hat vergleichende Leistungsstudien aus Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz analysiert, alles Regionen mit ähnlichen Schulsystemen wie in Österreich. Seine Analyse zeigt: „Die Lerneinbußen sind entweder nicht beobachtbar oder weit weniger dramatisch als häufig befürchtet. Das hat auch die deutschen Forscher überrascht“, sagt er im Gespräch mit dem KURIER.

Die Studien umfassten rund 140.000 Schüler im Westen Deutschlands und in der Schweiz, untersucht wurden die Leistungen in Mathematik, Lesen und Deutsch. Einige Studien legten nahe, dass es kaum bis gar keine Unterschiede der Schülerleistungen vor und während der Corona-Lockdowns gab. „Jedenfalls konnten keine dramatischen Einbußen durch die Lockdowns und das Distance Learning festgestellt werden“, sagt Helm – mit einer Ausnahme bei Schweizer Volksschülern: Dort sei der Lernzuwachs um fast die Hälfte geringer gewesen.

Dennoch sei das Grund für Optimismus auch für Österreich. Hier seien zwar die Lockdowns teils länger gewesen, dafür sei die Blitz-Digitalisierung rascher vollzogen worden: „Da war Österreich wieder Vorreiter.“

Wie kann das sein? Und warum kostet unser Schulsystem fast 10 Milliarden Euro jährlich? „Die Frage wird dem Bildungssystem nicht gerecht“, sagt Helm. Das leiste ja mehr als nur die inhaltliche Ausbildung, verweist er auf zahlreiche Analysen der Bildungsforschung. „Etwa überfachliche Kompetenzen, soziales Lernen, wie man mit anderen, anfangs fremden Schülern umgeht, wie man Rücksicht nimmt, wie man miteinander diskutiert.“ Andererseits werde während der Schulstunden ja nicht nur Stoff vermittelt, sondern auch viel Zeit mit Zuhören und Warten verbracht, wie Studien zeigen.

An neue Lage gewöhnt

Die Gründe müssten jedenfalls noch genauer analysiert werden, sagt Forscher Helm. „Aber es kann auch einfach sein, dass Lehrer, Schüler und Eltern gelernt haben, mit der Situation besser umzugehen als befürchtet oder medial transportiert.“

Ähnlich sieht das die Wiener Bildungsforscherin Christiane Spiel, die selbst eine Studie zu „Lernen unter Covid-19“ durchführte. „Ich finde die Ergebnisse nicht wirklich überraschend. Bei uns haben die Schülerinnen und Schüler angegeben, dass sie über die Zeit immer besser mit dem Distance Learning zurechtkommen. Während sie im ersten Lockdown im Schnitt fünf Stunden pro Tag für die Schule gelernt haben, war die Arbeitszeit im zweiten Lockdown im Mittel sieben Stunden, in der Oberstufe teils sogar mehr als acht Stunden.“

Auch Minister Faßmann geht davon aus, das Distance Learning habe seit dem zweiten Lockdown wesentlich besser funktioniert als am Anfang. Dennoch könne Fernlehre den Präsenzunterricht nicht ersetzen.

Bei Kindern aus bildungsfernen Schichten seien die Einbußen laut Helm zwar beobachtbar gewesen, „aber lange nicht so dramatisch wie gedacht. Das bleibt ein grundsätzliches Problem, unabhängig von Corona“. – Hier geht Forscherin Spiel auf Distanz: Es sei anzunehmen, dass der Lockdown die „Bildungsvererbung“ verstärkt habe: „Denn wo Eltern unterstützen können, wo sie auch Vorbilder und Modelle für die Selbstorganisation sind, gelingt auch das Distance Learning besser. Wenn jedoch Eltern nicht Deutsch verstehen, nur Pflichtschulbildung haben, vielleicht ihre Arbeit verloren haben, können sie nicht unterstützen und sind vermutlich auch keine Modelle, wie man Lernen organisieren kann.“ Hier würden aber noch Studien aus Österreich fehlen.