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Manifest "Innovation durch Universitas Präambel"
 

Für die Forschung der Zukunft: Angewandte und JKU schmieden Allianz für kreative Innovation.

Präambel


Je mehr die Welt aus den Fugen gerät, desto bedeutsamer ist die Suche danach, was sie auch künftig im Innersten zusammenhält. Diese Frage treibt die Wissenschaften und Künste seit Jahrhunderten zu Höchstleistungen. Nur wer den Dingen radikal auf den Grund geht, wird das grundstürzend Neue entdecken. Er wird sich mit Ableitungen aus dem Bekannten, aus dem, was man schon weiß und kennt, nicht zufriedengeben. Eruption anstelle von Deduktion. Nur so lässt sich die Welt aus den Angeln heben. Der von Archimedes schon in der Antike formulierte Anspruch ist Leitmotiv der Neuzeit.

Die Entdeckung war einst ein harmonischer Akt, der wissenschaftlich und künstlerisch zugleich war. Der „uomo universale“, der Universalmensch der Renaissance, entdeckte durch seine umfassende Bildung, seinen kritischen Geist, seine schöpferische Kraft und seine humanistische Haltung die Welt umfassend neu. Dabei bediente er sich all seines Wissens und all seiner Künste, als flössen sie aus derselben Quelle. Ihn interessierte nur des Pudels Kern. Die Frage des Zugangs, der Methode, des Mediums war zweitrangig, weil er alle Wege begehen konnte und alle Techniken beherrschte. Ihn verband mit Vergil die Sehnsucht rerum cognoscere causas, also die Ursache der Dinge zu erkennen. Das Bildungs- und Forschungsideal der Renaissance verdient jenseits aller wissenschaftshistorischen und kunstgeschichtlichen Reminiszenz gerade heute unsere Aufmerksamkeit.


Und auch Humboldts Konzept der Universitas gewinnt in einer Zeit wieder dramatisch an Aktualität, die durch ein granulares, ja fast schon atomisiertes Wissen und eine zunehmend sinnentleerte Spezialisierung geprägt ist. Der humanistische Bildungskanon, angereichert um die Entwicklung einer digitalen Kompetenz (und nicht bloßer Fertigkeiten), kann, ja muss die Antwort des europäischen Bildungssystems auf die Herausforderungen aus dem Osten und dem Westen sein. Dieser Anspruch kann nicht ohne Folgen für die Vermessung des Wissens sein, das Universitäten hervorbringen. Die Fixierung auf Zitierungen, Reputationsumfragen, Drittmittel, prüfungsaktive Studien und andere Quantifizierungen greift dann zu kurz. Vielmehr müssen gesellschaftliche Relevanz und Verantwortung die dominierenden Größen sein. Universitäten sind demnach zuallererst intellektuelle, geistige Zentren der Gesellschaft. Kraft ihrer Autonomie und Widerstandsfähigkeit müssen sie in einer führenden Rolle den gesellschaftlichen Diskurs prägen.

Wer für mehr Universitas plädiert, darf die Wissenschaft nicht auf Wahrheit und die Kunst nicht auf Schönheit reduzieren. Wissenschaft und Kunst befruchten einander dort
am stärksten, wo sich diese Disziplinen – bei allen Unterschieden in Perspektive, Methode und Ergebnis – annähern und letztlich sogar durchdringen. Erkenntnis und Sinnlichkeit, Ratio und Emotio sowie Empirie und Phantasie können einander in hohem Maße befruchten. Bringen wir also das Neue in die Welt, indem wir uns gerade
heute ohne Bedingung auf eine Dialektik von Wissenschaft und Kunst, eine Synthese von Wahrheit und Schönheit und eine Symbiose von Wissen und Kreativität einlassen.
Nehmen wir damit die enormen Herausforderungen unserer Zeit zum Wohle einer humanen und vielfältigen Gesellschaft an. Das ist zugleich der Anspruch, mit dem die Universität für angewandte Kunst und die Johannes Kepler Universität eine Allianz für Innovation durch Universitas schmieden. Möge diese Allianz auch ein Impuls sein, den  Blick in der sogenannten Wissensgesellschaft zu weiten und die zunehmende Ökonomisierung des Wissens zu überdenken.

1.Chancen und Herausforderungen unserer Zeit

Die aktuelle technologische Revolution (Artificial Intelligence, Mensch-Maschine-Verschränkung, synthetische Biologie etc.), die demographische Transformation der Gesellschaft (Aging Society, Migration) und der Klimawandel haben tiefgreifende gesellschaftliche und ökonomische  Veränderungsprozesse in Gang gebracht.

1.1 Innerhalb der nächsten 25 Jahre wird sich die Art zu leben und zu arbeiten für so viele Menschen grundlegend verändern, wie dies in dieser Radikalität und in einer so kurzen Zeitspanne noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit geschehen ist.

1.2 Der technologische Fortschritt wird den Menschen völlig neue Dimensionen des Denkens und Handelns im Verhältnis Mensch und Maschine eröffnen, aber gleichzeitig philosophische Grundsatzfragen nach der Rolle des Menschen im Fortgang der Zivilisation aufwerfen.

1.3 Alternde Gesellschaften und fortschreitende Urbanisierung bringen neue Perspektiven für individuelle Lebenskonzepte, aber auch zusätzliche Herausforderungen für Sozial- und Gesundheitssysteme, für Wohnen und Mobilität sowie für die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens.

1.4 Die Klimakrise wird die Welt in dramatischem Ausmaß verändern. Selbst wenn es uns gelingt, die Ursachen für die Erderwärmung rasch zu minimieren, wird der Klimawandel erhebliche Auswirkungen auf Ernährung, Wohnen, Mobilität, Migration und Politik haben.

1.5 Die Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie wird die Chance auf bessere Bildung für mehr Menschen erhöhen, aber gleichzeitig liberale Demokratien in ihrem Festhalten an individuellen Grund- und Freiheitsrechten sowie an der freien und gleichen Teilhabe an gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen auf die Probe stellen.

1.6 Digitalisierung und Automatisierung werden zu einer dramatischen Umgestaltung der Arbeitsmärkte führen und die Neudefinition des Begriffs menschlicher Arbeit erforderlich machen.

2. Bildungsauftrag der Universitäten

2.1 Im Bewusstsein, dass gerade Bildung der wirksamste Hebel zur Stärkung der gesamtgesellschaftlichen Veränderungsbewältigung ist, sind Universitäten jetzt in besonderem Maße gefordert.

2.2. Universitäre Bildung darf nicht allein an Kriterien wie Nutzen, Anwendbarkeit, Effizienz oder Aktualität gemessen werden. Wissen muss an Universitäten auch um des Wissens willen vermittelt werden.

2.3 Die Vermittlung von Bildung – auch universitärer Bildung – bedeutet, die Menschen auf das Leben in seiner sozialen und beruflichen Dimension vorzubereiten. Studierende müssen ein grundlegendes Verständnis für unsere Welt in einer historischen, politischen, ethischen und auch wissenschaftlichen Dimension entwickeln.

2.4 Bildung für das Leben und Arbeiten im Digitalen Zeitalter muss kritisches Denken, soziale Intelligenz, interdisziplinäre Kommunikationsfähigkeit und Kreativität fördern. Nur so lässt anstelle bloßer Fertigkeiten eine echte digitale Kompetenz entwickeln.


3. Bildungssystem in einer demokratischen Gesellschaft

Persönlichkeitsentwicklung und Sinnstiftung durch Erkenntnisgewinn sowie die Vermittlung von Berufsfähigkeit sind Grundpfeiler demokratischer Bildungssysteme.

3.1 Wenn Komplexität, Widersprüchlichkeit, Ungewissheit und permanente Veränderung zu Dominanten gesellschaftlichen Lebens werden, dann muss Bildung die Menschen in die Lage versetzen, mit diesen Phänomenen konstruktiv umzugehen.

3.2 Wenn Bildung (und Politik) primär auf das uneinlösbare Versprechen aufbauen, Stabilität, Eindeutigkeit und Gewissheit herzustellen, dann führt das tendenziell zu Angst, Frustration, Glaubwürdigkeitsverlust und Aggression.

3.3 Komplexität, Widersprüchlichkeit, Mehrdeutigkeit, Ungewissheit und Veränderung müssen als Gestaltungs-Optionen erkannt und erprobt werden. Die Fähigkeit auf diese Art zu denken und zu handeln, ist eine wesentliche Voraussetzung für sinnerfülltes Leben und die verantwortliche Teilhabe an der Entwicklung und Gestaltung der Gesellschaft.

3.4 Wenn intelligente Maschinen bestehende Arbeitsfelder übernehmen und in Zukunft neue, aber gänzlich andere Felder menschlicher Arbeit entstehen werden, dann muss Bildung auch eine andere Art von Berufsfähigkeit vermitteln. Berufsfähigkeit im Digitalen Zeitalter bedeutet insbesondere die Konzentration auf jene Bereiche, in denen Menschen prinzipiell besser sind als intelligente Maschinen.

4. Transformation des Arbeitsmarkts

Viele Berufe werden in naher Zukunft nicht mehr existieren. Es werden neue Berufe entstehen. Ob rechtzeitig genügend neue Berufsfelder entstehen werden, um das Verschwinden existierender Berufe aufzufangen, ist ungewiss. Neue Berufe werden jedenfalls vielfach andere Anforderungen an die Berufstätigen und damit an das Bildungssystem stellen, als dies heute der Fall ist.

4.1 Geistige Flexibilität, kritisches Denkvermögen, soziale Intelligenz und Kreativität im Sinne von Denken und Handeln in ungewöhnlichen Zusammenhängen, produktiver Umgang mit Mehrdeutigkeit, Verunsicherung und Intuition, Bestehendes hinterfragen – das sind die Schlüsselkompetenzen für noch unbekannte Berufsfelder.

4.2 Bildung als Vorbereitung auf neue Formen von Arbeit beinhaltet: non-lineares Denken, Perspektiven wechseln, disziplinenübergreifende Zusammenhänge herstellen, Kommunikationsfähigkeit zwischen Disziplinen, Imagination und Intuition anwenden.

4.3 Die Universitäten sind aufgerufen, durch Forschung und Entwicklung an Konstituierung neuer Berufsfelder mitzuwirken und durch neue Studienangebote auf die Anforderungen künftiger Berufe vorzubereiten.

5. Gemeinsame Gestaltung der gesellschaftlichen Entwicklung

Das soziale Zusammenleben der Menschen und die Teilhabe an der gemeinsamen Gestaltung der gesellschaftlichen Entwicklung wird unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts vor große Herausforderungen gestellt.

5.1 Die großen globalen Herausforderungen (Klimakrise, Konsequenzen der technologischen Revolution, alternde Gesellschaften, soziale Ungleichheit, Verwerfung bestehender Arbeitsmärkte, Erosion von Demokratie und Menschenrechten etc.) lassen sich nur in einer disziplinenübergreifenden Arbeitsweise verstehen und lösen.

5.2 Monodisziplinäre Forschungsansätze allein greifen meist zu kurz. Der Blick auf die Zusammenhänge und systemischen Wirkungen ist unverzichtbar.

5.3 Bildung – insbesondere auch universitäre Bildung – muss die Grundlagen und Methoden jener Technologien vermitteln, welche die Welt gerade grundlegend verändern, damit die Menschen überhaupt in der Lage sind, die disziplinenübergreifenden Wirkungspotenziale dieser Technologien zu analysieren. Nur so können sie in neuen Berufen agieren und als StaatsbürgerInnen mitreden und mitentscheiden.

6. Innovation anstelle bloßer Intervention

6.1 Die Geschichte der Zivilisation ist eine Geschichte der Kulturen, angetrieben von Innovationen.

6.2 Innovation entsteht durch Forschung und Entwicklung.

6.3 Neue Ansätze in Bildung, Forschung und Innovation müssen der Radikalität gesellschaftlicher, technologischer und ökonomischer Umbrüche gerecht werden. Innovation kann und darf nicht auf ökonomische Wirkungsfelder reduziert werden.

6.4 Innovationen sind mehr als Inventionen. Inventionen werden erst durch ihre soziale, ökonomische und kulturelle Kontextualisierung zu Innovationen.

6.5 Für Innovationen mit Wirkungskraft auf die großen globalen Herausforderungen brauchen wir – zusätzlich zu exzellenten ExpertInnen in wissenschaftlichen Schlüsseldisziplinen - Menschen mit interdisziplinärer Kommunikationsfähigkeit, der Fähigkeit zum produktiven Umgang mit Non-Linearität, Mehrdeutigkeit,  Perspektivenwechsel, Abstraktion, Imagination und Intuition.

6.6 Innovation unter den Bedingungen rasch fortschreitender, tiefgreifender und miteinander verschränkter technologischer, gesellschaftlicher und klimatischer Veränderungsprozesse braucht die synergetische Anwendung wissenschaftlicher und künstlerischer Methoden.

6.7 Die Frage nach einem guten Leben für kommende Generationen wird sich nicht durch technologischen Fortschritt allein beantworten lassen.

7. Allianz von Kunst und Wissenschaft

7.1 Die Arbeit an den Herausforderungen unserer Gesellschaft braucht das Alphabet der Künste genau so dringend wie das Alphabet der Wissenschaften. Vernunft und Sinnlichkeit sind gleichermaßen Bedingungen für den gesellschaftlichen Fortschritt.

7.2 Die komplexen und potenziell krisenhaften Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nur in einem kreativen Umfeld, ja in einer Gärkammer für radikale Innovation bewältigen. Dafür braucht es einen Schulterschluss zwischen Kunst und Wissenschaft. Zugleich ist dabei die spezifische Bedeutung und Wirkungsmacht von Wissenschaft und Kunst in ihrer jeweiligen Sphäre zu beachten.

7.3 Um im 21. Jahrhundert Wirkungskraft erzielen zu können, relevant zu bleiben, müssen Wissenschaft und Kunst sich aufeinander einlassen. Wissenschaftliche Methoden und Kompetenzen müssen um künstlerische erweitert werden und umgekehrt. Es gilt eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, eine Verständigungsbasis, eine Offenheit gegenüber den Methoden des Vis-à-vis und Respekt voreinander zu praktizieren.

7.4 Eine zugleich projektbezogene und auch institutionelle Innovations-Allianz zwischen Wissenschaft und Kunst ist das Gebot der Zeit. In diesem Bewusstsein begründen die Universität für angewandte Kunst und die Johannes Kepler Universität eine solche Allianz, um gemeinsam Neues in die Welt zu bringen und im Zwiegespräch universitäre Bildung zu vermitteln.


Gerald Bast (Universität für angewandte Kunst) / Meinhard Lukas (Johannes Kepler Universität Linz)

 

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NEWS 29.11.2019