Eine kleine Geschichte des Scheiterns

Die Gründung einer Universität ist immer kompliziert und oft kann dabei was schiefgehen. Um das zu belegen, muss man gar nicht erst zu den Anfängen der Universitäten im Mittelalter zurückschauen. Aber man kann.

Von Markus Huber

Im südlichen Vietnam liegt das Mekong-Delta, ein reiches Ökosystem, gebildet durch angesammelte Mekong-Sedimente, beeinflusst durch die Wellen des nahen Meeres. Ein dichtes Netz von Mangrovenwäldern stabilisiert den dynamischen Boden. So entsteht ein faszinierendes Mosaik aus Flüssen, Sümpfen und Inseln, die Dörfer sind von Reisfeldern umgeben. Es ist eine der landwirtschaftlich produktivsten und artenreichsten Ökoregionen der Welt und wurde durch die aggressive Entwicklung der Wasserkraft, die industrielle Aquakultur und die Abholzung der Wälder destabilisiert. In diesem Konzept geht es um eine strukturelle Intervention für die nicht nur bei Touristen beliebten „Floating Markets“, die schwimmenden Märkte. Das Ziel ist, die geologische und biologische Komplexität ihrer Umgebung zu erhalten und zu erweitern. Der Entwurf integriert sich in das natürlich gewachsene ökologische System und greift durch produktive Manipulationen benachbarter und übergreifender Ökoprozesse positiv auf andere Mitbewohner über. Bildrechte: David Rüßkamp, Mekong Delta Market, WS 2019/20, Studio Greg Lynn, Institut für Architektur, Die Angewandte

Wien vielleicht, ja, Wien ist ein gutes Beispiel: Die Universität in der damaligen Fürstenstadt wurde seinerzeit mit sehr viel Leidenschaft gegründet. Der noch sehr junge Herzog wollte sie unbedingt, eine eigene, moderne Universität sollte seiner Herrscherstadt ein bisschen Glanz und Ruhm bringen, sie sollte Wien zu einem Bildungszentrum machen und dafür sorgen, dass irgendwann mal aus dem verschlafenen Nest eine moderne Hauptstadt werden würde, die Hauptstadt eines neuen Reiches. Außerdem war die Sache auch für sein Image nicht ganz schlecht, mit einer eigenen Universität wäre Herzog Rudolf IV. im internationalen Vergleich ganz vorn gewesen. Nördlich der Alpen gab es bis zu diesem Tag nämlich nur in Prag eine Universität.

Doch Rudolf hatte sich ausgedribbelt. Zum einen gab es einige politische Mauscheleien, weswegen die Uni Wien zu Beginn keine reguläre Universität war, sondern nur eine Art bessere Fachhochschule, also ohne die wichtigsten Fakultäten. Und dann waren die wirtschaftlichen und räumlichen Voraussetzungen nicht wirklich gegeben. Der geplante Standort in der Gegend der heutigen Herrengasse entpuppte sich als Luftschloss und konnte nicht realisiert werden, außerdem war die Finanzierung nicht konkret, sondern am Ende nur eine ungefähre Finanzierungszusage. Und so wurde die Universität Wien auf dem Papier zwar 1365 gegründet, den Vollbetrieb nahm sie aber erst 20 Jahre später auf, zur damaligen Zeit also fast ein Menschenleben später.

Nicht hudeln, Zeit lassen, denn es dauert eben manchmal, bis etwas Vernünftiges entsteht. Man weiß das ohnehin, aber wenn man sich die Universitätsgründungen im Mittelalter anschaut, wird es noch deutlicher. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts schossen nach dem Vorbild der italienischen Universitäten überall im deutschen Sprachraum Universitäten aus dem Boden. Genauso wie in Wien wollten engagierte Landesfürsten auch in Krakau und Pécs Universitäten gründen – sie scheiterten aber genauso wie Rudolf der Stifter. Und sie waren damit nicht die einzigen: Gleich eine ganze Latte sogenannter „Ruinen“, also gescheiterter Universitätsgründungen, findet man in den Geschichtsbüchern des römisch- deutschen Reiches. In Kulm, heute Chelmno in Polen, ging es gleich zweimal schief, Pforzheim, Lüneburg, Regensburg und Breslau gingen gar nie in Betrieb und die Universität von Würzburg wurde nach wenigen Jahren wieder zugesperrt. Wien, Erfurt und Mainz schafften es erst in einem zweiten oder dritten Anlauf.

Woran das lag?

Ganz oft zunächst einmal an den hochfliegenden Plänen des Herrschers oder Stifters, der einer Stadt einen Gefallen machen und ihr den Aufschwung dank Bildungseinrichtung schenken wollte. Viele hatten da die Rechnung aber ohne die potenziellen Studenten (ja, Studenten, männlich, es waren nur Männer zugelassen, Anm.) gemacht. Wer damals studierte, der studierte Recht oder Theologie, alle Volluniversitäten boten hier mehr oder weniger die gleichen Studiengänge, alle natürlich in Latein, sie standen somit in einem direkten Konkurrenzverhältnis zueinander. Bologna, Parma, Siena oder Piacenza lagen aber auch damals südlicher als die finsteren deutschen Kurfürstenstädte. Wer geht nach Regensburg, wenn er auch nach Rom kann? Außerdem hatten diese Universitäten damals schon eine längere Geschichte als die Neugründungen des römisch-deutschen Reiches, sie hatten einen Ruf und galten als exzellent. Und wer studiert an einer Uni, von der er noch nicht weiß, was sie kann, nur weil ein Herrscher sagt, sie wäre super?

Erasmus-Programme – älter als Erasmus selbst

Studienaufenthalte an italienischen Universitäten, vor allem in Bologna, konnten auch im Mittelalter die Karriereaussichten der Studenten deutlich verbessern. Das war bei den deutschsprachigen Unis längst nicht so. Mit einem Abschluss an einer deutschen Universität ging es die Karriereleiter nicht automatisch nach oben, auch und schon gar nicht in Sachen Sozialprestige, und auch, weil viele dieser Unis eine Fachrichtung hatten und es deswegen keine Theologischen, Medizinischen oder Rechts-Fakultäten gab. Gerade bei den ersten Studenten, die alle nicht aus der Aristokratie, sondern aus dem wohlhabenden Bürgertum der Städte kamen, war das aber ein wichtiger Antrieb. Das Für und Wider eines Studiums war eine Kosten- Nutzen-Rechnung. Daneben war auch die Finanzierung der Universitäten ein gewichtiges Thema. Unis kosteten Geld, nicht alle Kur- und Regionalfürsten waren aber so flüssig, wie sie vorgaben. Oder zumindest nicht so spendabel.

Das sorgte dafür, dass einigen Universitäten kurzfristig die Luft ausging, vor allem in der zweiten Universitätsgründungswelle im 16. Jahrhundert. Viele Unis waren damals schon nach kurzer Zeit pleite, was man sowohl den Gebäuden als auch den Lehrinhalten anmerkte. Und außerdem gab es damals durchaus eine Knappheit an gut geschultem Universitätspersonal. Es gab in den Gründungsjahren der deutschen Universitäten wenig Gelehrte, die wussten, wie man eine Universität aufsetzt. Um die wenigen, die es konnten, gab es einen ziemlichen Wettstreit. Wer damals gute Leute hatte, Professoren von europäischem Ruf, der hatte eine Chance, sich auch bei den Studenten durchzusetzen. Die Universität in Heidelberg stellte sich in der Personalakquise damals am geschicktesten an – und darf sich deshalb auch heute noch als die älteste Universitätsstadt Deutschlands bezeichnen.

Bekanntermaßen ging die Sache für Wien übrigens doch noch gut aus. Die Universität ist heute die mit Abstand älteste Österreichs. Herzog Rudolf IV., heute bekannt als „Rudolf der Stifter“, hatte davon zu Lebzeiten wenig – er starb noch im Gründungsjahr 1365, mit gerade einmal 25 Jahren, bei einer Studienreise nach Italien. Dass sein universitärer Schnellschuss ein ziemlicher Flop war, hat er nicht mehr mitbekommen. Den Ruf als Universitätsgründer hat er aber bis in unsere Tage. Den Namen seines Bruders, der die Uni zu der machte, die sie heute ist, weiß hingegen kaum jemand.

Es war Albrecht III. – so viel Platz muss sein.  

NEWS 27.11.2020

Hintergrund

Erschienen in Ausgabe 4/2020