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Verantwortung nicht delegieren

Der Soziologe HARALD WELZER über den viel umkämpften Begriff der Verantwortung und den Beitrag, den eine Universität in der Gesellschaft leisten muss.

Von Harald Welzer

Vor einigen Monaten war ich zu einer Diskussion eingeladen, zu der viel mehr Menschen kamen als gedacht. Der Veranstaltungsraum war sehr groß und sehr locker bestuhlt, bot aber aus feuerpolizeilichen Gründen nur etwa der Hälfte der Menschen Platz, die teilnehmen wollten. Unglückseligerweise waren die Türen zum Saal sehr groß und sehr verglast, was die absonderliche Situation ergab, dass drinnen die Leute luftig und gemütlich saßen und andere von draußen in der Kälte stehend hineinsahen. Ich nahm mir das Mikrofon und sagte laut: „Kommen Sie ruhig alle herein. Ich übernehme die Verantwortung.“ Und siehe da: Alle kamen herein, suchten sich Plätze oder setzten sich auf den Boden, eine Minute später konnte die Veranstaltung beginnen. Wenn Blicke töten könnten, wäre sie ausgefallen, denn die wirklich Verantwortlichen blickten mich so wütend an, als hätte ich mein Leben augenblicklich verwirkt.

Einige Wochen später gab es fast dieselbe Situation bei einer Diskussion mit dem Ex-DDR-Bürgerrechtler und Theologen Friedrich Schorlemmer, der sagte, eine revolutionäre Stimmung ergäbe sich erst, wenn im Saal mindestens dreimal so viel Leute seien wie feuerpolizeilich erlaubt. In beiden Fällen brannte es nicht, in beiden Fällen war aber klar, dass die freundliche Übernahme der Verantwortung durch die Referenten juristisch gegenstandslos, sozial aber angemessen war.

Tatsächlich ist ja in einer modernen Gesellschaft komplett durchreguliert, wer jeweils wofür verantwortlich im Sinne der Haftung ist, aber das ist selbstverständlich nicht identisch damit, wer – etwa im Sinne eines Gemeinwohls oder eines allgemeinen Interesses – Verantwortung übernehmen kann. Wenn etwa in einer S-Bahn drei pöbelnde junge Männer einen ausländisch aussehenden anderen jungen Mann angreifen, liegt die Verantwortung formal wo? Bei der Polizei oder bei Sicherheitsdiensten der Bahn. In deren Verhaltensratgebern wird ja auch empfohlen, nicht selbst einzugreifen, sondern den Notruf zu wählen und sich Tätermerkmale einzuprägen. Das nützt dem armen Angegriffenen aber gar nichts, dem hilft nur, wenn man selbst in der unmittelbaren Situation interveniert, also – Verantwortung übernimmt. Am besten macht man das, indem man andere Fahrgäste zum Aufstehen und Mitkommen auffordert, und wenn das geschieht, ziehen die Angreifer in der Regel schnell Leine.

Aus der klassischen Bystander-Forschung ist seit Langem bekannt, dass Menschen, die in Alleinsituationen damit konfrontiert werden, dass jemand verletzt daliegt oder angegriffen wird, in der Regel spontan helfen. Wenn hingegen mehrere Personen eine solche Situation erleben, hilft niemand. Warum? Weil man für solche unerwarteten Ereignisse kein Verhaltensskript hat und lieber nicht handelt, wenn man nicht weiß, was richtig ist. In solchen Fällen liefern die anderen Anwesenden durch ihr Verhalten Hinweise darauf, was richtig sein könnte – mit dem fatalen Effekt: Wenn alle stehenbleiben, bleiben alle stehen. Genau hier wird die Notwendigkeit deutlich, dass jemand Verantwortung übernehmen muss – wie im Beispiel mit dem angegriffenen jungen Mann in der S-Bahn. Wenn jemand Verantwortung übernimmt, wird gewissermaßen der Bann des Konformismus unterbrochen, der ansonsten zum Nichthandeln führt.

Leider gibt es in der gesellschaftlichen Gegenwart einige Faktoren, die eher zur Verantwortungsdelegation und nicht zur Verantwortungsübernahme führen. Da wäre zum einen die Verlängerung der Handlungsketten, innerhalb derer sich jede und jeder als unbedeutendes Rädchen im Getriebe fühlen kann und damit als nicht verantwortlich für das Endergebnis. Zum anderen wird dieser Effekt, den der Soziologe Zygmunt Bauman „Adiaphorisierung“ genannt hat, dadurch verstärkt, dass immer mehr Kontrolle – durch digitale Messmethoden, Verhaltensvorhersagen usw. – ausgeübt wird, weshalb der Wunsch, für ein negatives Ergebnis nicht verantwortlich zu sein, immer intensiver wird. So führt der Wunsch nach Kontrolle erstens zu immer mehr Redundanz (zum Beispiel zu jenen hirnrissigen 14 SMS-Abstimmungen, wann ein geeigneter Augenblick zum Telefonieren wäre) und zweitens zu hochorganisierter Verantwortungslosigkeit, weil in den endlos verlängerten Zuständigkeits- und Feedbackketten niemand mehr identifizierbar ist, der de facto etwas falsch gemacht hat. In der Konsequenz führt das – wie in einer depressiven Symptomatik auf der individuellen Ebene – zur völligen Handlungsunfähigkeit.

Dies alles zeigt, dass Verantwortung eine Praxiskategorie ist: Man kann Verantwortung nicht delegieren, sondern muss sie selbst übernehmen. Das setzt Urteilskraft voraus und die Bereitschaft, sich auch gegen Widerstände zu verhalten – also im Zweifelsfall nicht konform, sondern autonom zu handeln. Übrigens sieht man hier, dass in der Holocaust-Education falsche Bilder erzeugt werden, wenn an „Zivilcourage“ und „Mitmenschlichkeit“ appelliert wird; denn Verfolgten zu helfen war zu dieser Zeit eben kein konformes, sondern autonomes, aber „gemeinschaftsschädliches“ Verhalten – Erziehung zur Mündigkeit wäre paradoxal Erziehung zu abweichendem Verhalten. Verantwortungsbereitschaft setzt also im Zweifel Bereitschaft zur Abweichung voraus.

Gerade an dieser Stelle kommt dem wissenschaftlichen Handeln besondere Bedeutung zu: Denn wissenschaftliche Erkenntnisse haben oft eine große Wirkmächtigkeit, weshalb es besonders hier darauf ankommt, die eigenen Handlungsspielräume zu nutzen. Wenn etwa klimawissenschaftliche Disziplinen ihre eigenen Befunde ernst nehmen, dann müssen sie ihre eigene Praxis verändern und das Business as usual der internationalen Konferenzen, der damit verbundenen Flugreisen und sonstigen Mobilitätsaufwendungen, ja, der inhärenten Steigerungslogik von immer noch mehr Studien, Fördergeldern, Instituten, Mitarbeiterstellen usw. selbst verändern. Man handelt mithin unverantwortlich, wenn man die eigenen Erkenntnisse nicht reflexiv auf die wissenschaftliche Praxis rückbezieht.

Wenn also etwa eine Uni-Mensa, wie jene der Johannes Kepler Universität Linz, auf regionale Bio-Lebensmittel umgestellt wird, erfüllt das Kriterien von Verantwortung ebenso wie die Umstellung des Konferenzreisebetriebs auf Videokonferenzen oder die Entwicklung von Qualitätskriterien jenseits von Erbsenzählrankings sinnloser Publikationen. Auch für die Wissenschaft gilt der kategorische Imperativ von Erich Kästner:

„Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“

NEWS 31.05.2019

Kommentar

Erschienen in Ausgabe 2/2019