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Wie kommt die Zeit zur Geschichte?

Zeitgeschichte ist Vorgeschichte der Gegenwart. In Linz fand die Forschung zur Zeitgeschichte schon früh ihren Platz an der Hochschule.

Von MARCUS GRÄSER

Das Reformlabor der österreichischen Zeitgeschichtsforschung in den 1970er-Jahren
Das Reformlabor der österreichischen Zeitgeschichteforschung in den 1970er-Jahren. Stehend v.l.n.r.: Helmut Konrad, Herbert Schnetzinger, Hans Hautmann; Sitzend v.l.n.r.: Josef Weidenholzer, Karl R. Stadler, Gerhard Botz, Reante Krösslhuber und Renate Steindl.

Spätsommer 1968. Oberhalb des Geländes der neu errichteten Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Linz (der heutigen JKU) campiert ein Assistent. Gerhard Botz lebt im Zelt – aus Protest. Aber es sind nicht die Weltläufte, gegen die sich sein Protest richtet. Der junge Historiker, der eine der ersten Stellen an der Lehrkanzel für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte für sich hatte sichern können, ist verheiratet – und im stockkonservativen Studentenheim, in dem er hätte wohnen können, herrschen strenge Regeln für „Damenbesuch“, denen sich Botz nicht unterziehen will. Am 21. August aber geschieht noch etwas anderes: Über sein batteriebetriebenes Radio erfährt Botz vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei.

Der Zorn über Erstarrung im eigenen Land und die Zerschlagung der Reformhoffnungen des „Prager Frühlings“ treiben Botz ebenso um wie die Angst vor einem Krieg. Das führt bei ihm – wie bei vielen anderen seiner Generation – zu einer „gespaltenen Zukunftssicht“, die für den politischen und wissenschaftlichen Reformwillen der 1970erJahre die Voraussetzung bildete. Ohne diese Generation und ihren geschärften Blick, nicht nur auf das eigene Land, sondern auch auf eine gespaltene Welt wäre die Durchsetzung des Fachs „Zeitgeschichte“ in Österreich nicht denkbar gewesen. Denn der Einbruch der „Zeit“ in die Geschichte, die Klärung der unmittelbaren Vorgeschichte der eigenen Lebenszeit, ist keineswegs schon immer eine vornehme Aufgabe im breiten Strom der Geschichtswissenschaft gewesen. Noch bis ins zweite Drittel des 20. Jahrhunderts hinein haben zahlreiche Historiker (und die wenigen Historikerinnen, die es gab) ihre Reputation nicht auf der Zeitgeschichte aufgebaut, sondern sind mit Studien zum 19. Jahrhundert oder noch weiter zurückliegenden Epochen hervorgetreten. Der Begriff „Zeitgeschichte“ wird im deutschsprachigen Raum erst seit dem Jahr 1945 in auffälliger Weise verwendet und der Zusammenhang mit dem Zivilisationsbruch durch die nationalsozialistische Herrschaft ist offenkundig.

Die Institutionalisierung der Zeitgeschichte an den Universitäten in Österreich aber erfolgte verzögert: Keineswegs löste allein die Erfahrung des Nationalsozialismus einen Schub in der Forschung aus, ebenso wenig ist der Zerfall der berühmten These von Österreich als „erstem Opfer“ des Nationalsozialismus, der sich in den Debatten über Kurt Waldheim 1986/87 abzuzeichnen begann, ausschlaggebend gewesen. Tatsächlich setzte sich die Zeitgeschichte an österreichischen Universitäten in den späten 1960erJahren durch, auf halbem Weg zwischen dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und der Waldheim-Debatte also, und die Ursachen dafür sind vielfältig.

Erkennbar sind sie auch in Linz – denn mit der 1968 eingerichteten Lehrkanzel für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der damaligen Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften entstand hier (neben ähnlichen Einrichtungen an den Universitäten in Wien und Salzburg) eine der Leit-Institutionen des neuen Fachs „Zeitgeschichte“. 1970 wurde die Lehrkanzel in ein Institut gleichen Namens überführt. Die Anfänge der Institutsarbeit waren eng mit einer personellen und organisatorischen Konstellation verbunden, die eine Erklärung für die Bedeutung des Linzer Instituts in der Durchsetzung der Zeitgeschichtsforschung in Österreich bietet. Mit Karl R. Stadler wurde ein politisch linksstehender Emigrant nach Linz auf die Professur berufen. 1938 war er nach Großbritannien geflohen und hatte vor seiner Rückkehr nach Österreich an der Universität Nottingham gelehrt. Er verfügte über enge politische Kontakte ins sozialdemokratische Lager hinein, vor allem zu Christian Broda und Bruno Kreisky. Darüber hinaus war Stadler in Wien in der „Inkubationsphase“ der Zeitgeschichtsforschung, in den 1960erJahren, mit konservativen Historikern, auch mit solchen wie Ludwig Jedlicka, die der NSDAP angehört hatten, im Gespräch und baute Brücken. Mit dem Ruf nach Linz erhielt Stadler 1968 ein stabiles Fundament – und die Chance, junge Wissenschaftler als Assistenten heranzubilden. Mit Gerhard Botz und Helmut Konrad kamen (neben anderen) zwei junge Historiker nach Linz, die der „Linzer Schule“, von der man bald anerkennend sprach, in ihren Karrieren (die sie von Linz nach Salzburg, Wien und Graz führten) zur Geltung verhalfen.

Das Zusammenspiel von zwei Generationen – der Generation Stadler und der seiner Assistenten – prägte die Institutionalisierung der Zeitgeschichte in Österreich: Stadler war ein Außenseiter der „Zunft“, dessen Interesse am Nationalsozialismus und an der Geschichte der Arbeiterbewegung in der traditionellen österreichischen Geschichtswissenschaft kaum Resonanz fand. In der jüngeren Generation aber stieß es auf hohe Aufmerksamkeit, weil sich damit Spielräume für Neues eröffneten und die Erschließung neuer, bislang ungenutzter Quellenbestände in öffentlichen und privaten Archiven möglich wurde.

Die neue Hochschule in Linz bot zudem einen im besten Sinne traditionslosen Standort an – Widerspruch gegen die neue Zeitgeschichte von Seiten jener, die belastet waren durch ihre eigene Betätigung im NS-Regime, gab es hier nicht. Stadler, der geprägt war durch den angelsächsischen akademischen Umgangsstil, favorisierte lache Hierarchien und ließ seinen Assistenten die Spielräume, die sie benötigten. Die Verdichtung der Kommunikation auf dem Campus (Linz war die erste österreichische Campusuniversität!) ermöglichte auch das interdisziplinäre Gespräch mit den Nachbardisziplinen und der Lehrkanzel für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die 1967 eingerichtet worden war. Wegweisende Arbeiten zum Nationalsozialismus – genannt sei hier nur Botz‘ in mehrfacher Auflage erschienene Studie zur „Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich“ (erstmals 1972) – und zur Arbeiterbewegung – neben Arbeiten von Stadler fällt hier Konrads Analyse zur Entstehung der Arbeiterklasse in Oberösterreich (1981) ins Gewicht – prägten die Geschichtsforschung in Linz.

Die Öffnung der österreichischen Geschichtswissenschaft für neue Themen war zudem untrennbar verbunden mit einer Öffnung des Diskussionsspielraums über die nationalen Grenzen hinaus. Linz wurde zum Standort der „Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung“, die als „Linzer Konferenz“ hohe Sichtbarkeit aufwies, nicht zuletzt, weil es einer der wenigen Orte war, an dem Wissenschaftler aus Ost und West miteinander reden und Forschungsergebnisse austauschen konnten. Womöglich waren die Gespräche am Rand, die nicht in die Konferenzpublikationen eingeschlossen sind, wichtiger als die offiziellen Vorträge. Die „Linzer Konferenz“ war, zumal in der Ära Kreisky, immer auch ein Stück Diplomatie und das Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte betrieb, stärker als es an den Zeitgeschichte-Standorten in Wien und Salzburg der Fall war, eine aktive „Forschungsaußenpolitik“.

Die Pionierphase der österreichischen Zeitgeschichtsforschung ist ohne die Aufbruchsstimmung der 1970erJahre nicht denkbar, und ohne jene beiden Generationen, die sich daran beteiligten, wäre die Debatte um Waldheim, der Zusammenbruch des „Opfer-Mythos“ und das Bekenntnis zur österreichischen Mitschuld an der nationalsozialistischen Herrschaft und am Holocaust nicht zu haben gewesen. Die schnelle Durchsetzung der Zeitgeschichte als Feld der Geschichtswissenschaft aber hat ihren Preis: Was einmal, in der Pionierphase, eine provokante, manchmal auch widerständige und oppositionelle neue Form der Wissenschaft, auch der Wissenschaftsvermittlung, gewesen ist, geriet seit den 1990erJahren in eine fast staatstragende Rolle. Zeitgeschichtsforschung legitimiert heute die Gedächtniskultur der Zweiten Republik – wie überhaupt Zeitgeschichte und österreichisches nation building eng zusammenhängen. (Darin liegt im Übrigen auch eine der Ursachen für die Nervosität, mit der Teile der österreichischen Öffentlichkeit auf die Berufung deutscher Staatsangehöriger auf Zeitgeschichte-Professuren in Österreich reagieren.)

In einer Demokratie ist die Legitimationsfunktion der Geschichtswissenschaft nicht notwendigerweise von Übel – denn die Rahmenbedingungen für die freie Entfaltung der Wissenschaft sind gegeben und einen öffentlichen Nutzen der Zeitgeschichtsforschung wird keine Wissenschaftlerin und kein Wissenschaftler bestreiten wollen. Die in der Zeitgeschichtsforschung vorgenommene Rekonstruktion der unmittelbaren Vorgeschichte der Gegenwart und vor allem die forschende Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus stellen historisches Wissen bereit, das in einer lebendigen Demokratie unverzichtbar ist. Die Vergangenheit und ihre Deutung bilden den Kontext, in dem Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ihre Entscheidungen treffen. Auch darum ist die Zeitgeschichte in den Augen der Öffentlichkeit heute jenes Feld der Geschichtswissenschaft, das keiner weiteren Begründung bedarf und mit einem hohen Maß an Anerkennung rechnen kann.

Gleichwohl muss die Zeitgeschichtsforschung in Österreich neues Terrain gewinnen, das nicht schongleich in Deckung zu bringen ist mit den Imperativen der nationalen Gedächtniskultur. Mittel und Wege dafür stehen bereit: die stärkere Internationalisierung der österreichischen Zeitgeschichte, die Einbindung der nationalen (und ebenso auch der regionalen) Geschichte in eine europäische und eine globale Perspektive, schließlich die Nutzung des Vergleichs als Methode, mit der Gemeinsamkeiten und Differenzen in größeren, transregionalen und transnationalen Zusammenhängen herausgearbeitet werden können.  

NEWS 22.06.2018

Campus

Erschienen in Ausgabe 2/2018